Köln-Coach nimmt's mit Humor

Stuhl-Unfall bei Stanislawski

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Holger Stanislawski

Köln - Als das Murmeltier wieder grüßte und das Tor des Gegners wie vernagelt schien, brachte Holger Stanislawski seinen Trainerstuhl höchst persönlich zum Wackeln.

Mit einer wütenden und frustrierten Bewegung demolierte er seinen roten Spezialsessel und musste den Rest des 0:0 gegen den FC St. Pauli in einem spontan beigeschleppten grauen Bürostuhl verfolgen.

„Entweder hat da doch schon jemand an meiner am Stuhl gesägt“, meinte der trotz des Fehlstarts in die 2. Bundesliga sicher im Sattel sitzende Coach schmunzelnd: „Oder wir haben Holzwürmer. Oder ich habe ungeahnte Kräfte in meinem linken Arm. Ich werde sofort das Krafttraining einstellen.“

Die Konzentration im Training sollte ohnehin mehr und mehr auf Torschussübungen liegen. Nur einen Treffer hat Absteiger Köln in den ersten fünf Spielen erzielt - und diesen per Foulelfmeter. Gegen St. Pauli reichten auch 20 Torschüsse nicht zum Erfolgserlebnis und somit nicht zum ersten Liga-Sieg seit mehr als einem halben Jahr und inzwischen fast 200 Tagen. „Im Moment ist es wie vernagelt“, betonte Stanislawski nach dem Spiel gegen seine „große Liebe“, für die er zwischen 1993 und 2011 als Spieler, Manager, Vize-Präsident und Trainer gearbeitet hat: „Im Moment grüßt eben täglich das Murmeltier.“

Irgendwann, so mutmaßte „Stani“, müsse wahrscheinlich ein Eigentor des Gegners herhalten, um „den Bock umstoßen“. Jene Zote ist rund um den Geißbock-Klub inzwischen zum geflügelten Wort geworden. Es zeigt auch die Selbstironie, mit der die Kölner trotz der Chancenauswertung zum Haareraufen mit der Situation umgehen. Denn die Leistungskurve zeigt deutlich nach oben und die sonst so überkritischen FC-Fans verzeihen ihrem Team aktuell sogar die mageren Ergebnisse.

„Zu sehen, was die Jungs investieren, macht Spaß“, sagte Stanislawski: „Und die Fans haben ein feines Gespür. Zu sehen, wie sehr sie die Mannschaft in einer nicht einfachen Phase unterstützen, ist einfach sensationell, herausragend.“

Gegen St. Pauli trieben die 45.200 Zuschauer ihr Team unermüdlich an, kein Pfiff war zu hören. Die geplante Fan-Demostration gegen die Vorfälle um den im Internet und vor der Haustür bedrohten Kevin Pezzoni funktionierte zwar im Durcheinander vor dem Anpfiff nicht wie geplant, doch die Vorfälle um den Ex-Kölner scheinen für eine Trotzreaktion zu sorgen und Mannschaft und Fans zusammenzuschweißen.

Reden wollte über den „Fall Pezzoni“ freilich keiner mehr so recht. „Das wurde so viel drüber geschrieben und gesprochen“, sagte Stanislawki, stellte aber nochmal klar: „Es kann nicht sein, dass ein paar Verklärte mit einer viertel Gehirnzelle hier ihren Frust ablassen. Die sollen laufen gehen oder Tontaubenschießen, mir egal, aber im Stadion haben sie keinen Platz.“

Doch auch wenn sein Gegenüber Andre Schubert „bei den Kölnern schon Endspiel-Stimmung“ ausgemacht hatte und FC-Spieler Thomas Bröker bekannte, dass es langsam „nervenaufreibend wird und der Druck jetzt da ist“, bleibt Stanislawski außer im Umgang mit seinem Stuhl betont ruhig.

„Mir wird zu viel auf die Tabelle geschaut. Wir haben weder das Ziel Aufstieg ausgegeben, noch bereiten wir uns jetzt schon auf die Relegation vor, weil wir 16. sind“, sagte er - und sägte symbolisch gleich nochmal an seinem eigenen Stuhl: „Ich gebe der Mannschaft Ruhe, Geduld und Zeit, sich zu entwickeln. Solange man mich lässt. Wenn irgendjemand glaubt, wir müssten jetzt schon aufgestiegen sein, bin ich der Falsche.“

Das glauben sie in Köln allerdings noch nicht. Auch wenn der Bock bald umgestoßen werden muss...

sid

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