Stani im Interview: "Keiner muss uns lieben"

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Holger Stanislawski will mit TSG Hoffenheim irgendwann ins internationale Geschäft. 

Sinsheim - Holger Stanislawski hat als neuer Trainer des Fußball-Bundesligisten 1899 Hoffenheim eine durchwachsene Hinrunde hingelegt.

Was er mit dem Club noch vorhat, wie seine Trainerkollegen mit dem Burnout von Ralf Rangnick umgehen und wie hoch sein Kaffeekonsum wirklich ist, sagt der 42-Jährige im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa.

In ihrer Anfangszeit in Hoffenheim schwang überall Mitleid mit: Vom Hamburger Kiez in die Provinz, vom Kult- zum Retortenclub - der arme Stanislawski! Wie geht's Ihnen heute im trostlosen Frühwinter im Kraichgau?

Holger Stanislawski: Gut. Gut! Mir geht's hier unheimlich gut. Ich bin so viel unterwegs und so viel am Arbeiten, dass ich die Großstadt zum Runterkommen nicht brauche. Ich habe hier in Zuzenhausen ja eine Wohnung bezogen, das ist für mich dann Entspannung. Ich brauche mich nicht abends um neun noch in ein Café setzen oder viele Leute um mich herum. Grundsätzlich finde ich die Lebensqualität hier sehr, sehr hoch: dieses Ruhige, Beschauliche, nicht so Hektische. Und ich bin in 20 Minuten in Heidelberg, da hatte ich es in Hamburg nicht mal die Innenstadt geschafft. Deshalb passt das hier sehr gut.

Nach dem Fußball-Professor Ralf Rangnick und dem Bundesliga-Novizen Marco Pezzaiuoli sollen Sie Hoffenheim ein Stück neue Identität vermitteln: endlich ein volksnaher Trainer. Gefällt Ihnen die Rolle?

Stanislawski: Ich mach' mir darüber weniger Gedanken. Ich bin so wie ich bin. Ich glaube, es wäre verkehrt, wenn ich mich gänzlich verstellen würde, wenn ich auf einmal im Anzug an der Linie stehen würde. Ich bin auf die Leute zugegangen und ich glaube, das ist ganz, ganz wichtig. Da haben die gesagt: Endlich mal einer, der nicht unnahbar ist.

Manchmal hat man den Eindruck, Sie müssen den Gute-Laune-Onkel spielen. Sie müssen die Spieler sogar zum Lachen auffordern, haben Sie erzählt.

Stanislawski: Das war schon krass, dass hier alles emotionslos abging, alles sehr abgeschottet war. Alles nebeneinander her und nicht miteinander. Das ist eine Situation, die kannte ich so nicht, da war relativ wenig Freude. Es ist ein Teamsport, da muss man sich gegenseitig aktivieren und unterstützen. Man muss konzentriert und sehr, sehr gewissenhaft arbeiten. Aber ohne Freude und Spaß am Job bekommt man keine Höchstleistung. Ich denke aber, dass es sich hier jetzt alles ein bisschen gelöst hat.

Sie haben beklagt, die Spieler hier hätten unter einer Glasglocke gelebt. Geht's den Profis zu gut in Hoffenheim?

Stanislawski: Der eine oder andere kennt es nicht anders. Und ich glaube, dass man auch das den Jungs vorleben muss: Dass man eine Verpflichtung gegenüber den Fans hat, Autogramme zu schreiben nach dem Training zum Beispiel. In den ersten Wochen war es so, dass die Spieler einfach vom Platz gegangen sind. Hier ist auch alles hermetisch abgeriegelt, aber ich finde es einfach wichtig, dass man diesen persönlichen Dialog hat. Dass man auch zum Anfassen da ist.

Sie wollen Strukturen aufbrechen, sie müssen von den hohen Ausgaben runterkommen, damit der Verein nicht mehr so auf die Millionen-Gaben von Mäzen Dietmar Hopp angewiesen ist - und vor allem Punkte holen. Wie weit sind Sie bisher gekommen mit ihrem Projekt Hoffenheim?

Stanislawski: Gestartet ist es, das Projekt. Wir sind noch lange nicht da, wo wir hinwollen, wo wir in meinen Augen hin müssen. Wir müssen den Etat runterfahren, das ist wichtig. Dazu parallel sollte der sportliche Erfolg nicht runter gehen. Wir müssen gucken, dass wir uns sportlich weiterentwickeln und das hat nicht immer was mit der Etathöhe zu tun, sondern damit, wie man mit dem vorhandenen Potenzial arbeitet. Der Club hat eine Zeit lang immer darum gebuhlt, geliebt zu werden. Und das ist - glaube ich - der völlig verkehrte Weg. Wer Fan ist von der TSG 1899 - herzlich willkommen! Aber für Außenstehende, für Freiburger oder Stuttgarter, da gilt: Keiner muss uns lieben! Wir wollen für das respektiert werden, was wir auf die Beine stellen.

Haben Sie noch internationale Ambitionen?

Stanislawski: Immer! Wir wollen uns hohe Ziele setzen. Wir sehen, dass wir in der Lage sind, viele Mannschaft fußballerisch zu dominieren. Warum sollten wir deshalb nicht das Ziel haben, auch irgendwann mal die Euro League zu erreichen - vielleicht sogar mehr?

Ralf Rangnick hat sich aus dem Fußballgeschäft wegen eines Burnouts zurückgezogen. Ist das ein Thema innerhalb der Trainerbranche?

Stanislawski: Man hat so seine Favoriten unter den Kollegen, mit denen man gut auskommt und auch gewisse Dinge bespricht. Aber ich glaube, dass es für viele auch das Eingeständnis einer Schwäche wäre. Wir Trainer sind doch mehr oder weniger Einzelkämpfer. Ich habe mein Funktionsteam, da kann ich mich auch fallen lassen. Wir sind sieben Tage die Woche unterwegs, es gibt keine freien Tage, es gibt keine Feiertage, keine Wochenenden. Dann kann man schon mal sagen: Stopp, ich brauche eine Auszeit.

Sie waren zu Pauli-Zeiten selbst nah dran am Burnout. Was tun Sie, damit so etwas nicht wieder passiert?

Stanislawski: Ich versuche meine Phasen zu nehmen, wo ich mich einfach auf die Couch setze und mich berieseln lasse. Eine Tasse Kaffee dazu oder eine Kanne...

Was sagt Ihr Arzt zu Ihrem enormen Kaffeekonsum?

Stanislawski: Ich versuche, ihn so wenig wie möglich aufzusuchen. Ich weiß, dass Zigaretten in Verbindung mit Kaffee und mit 80, 90, 100 Stunden die Woche Stress nicht das Beste sind für den Körper. Das weiß jeder, aber das ist bei mir so ein Rhythmus. Auch mit den Essgewohnheiten: Ich esse den ganzen Tag nichts und erst Abends was. Mein Körper kommt damit, glaube ich, ganz gut zurecht.

Wie viele Tassen sind es am Tag?

Stanislawski: Ich rechne eigentlich nicht in Tassen, eher in Kannen. Drei kriege ich täglich weg. Manchmal wache ich nachts auf und kann nicht mehr schlafen, mache eine Videoanalyse und koche mir 'ne Kanne um eins. Dann lege ich mich hin und schlafe. Das pusht bei mir nichts mehr, das gehört wie Wassertrinken bei anderen dazu.

dpa

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