Sommermärchen, zweite Auflage?

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Schlaaaand? Deutschland fiebert mit

München - Die Fußball-Frauen marschieren ins Viertelfinale - und Millionen Deutsche fiebern mit. Ein Überblick über die bisherige Stimmung.

Drittes Spiel der deutschen Fußball-Frauen - wieder waren 16 Millionen Fernsehgeräte zugeschaltet, in den Kneipen standen sich die Fußballfreunde vor den Großbild-Screens die Füße platt, auf den Fanmeilen steppte der Bär. Auch ein eher mäßiger Start ins Turnier hatte die Fans nicht um die Laune gebracht. Sie sind schon eine besondere Klientel, diese WM-Feierwütigen 2011.

Spielplatz Olympiastadion

Sonntag 26. Juni, Eröffnungsspiel in Berlin. Deutschland gegen Kanada. Kilometerlang parken die Busse parallel zur Heerstraße. Gemächlich wandern die Menschen in Richtung Olympiastadion. Sie kommen aus allen Ecken des Landes, aus Berchtesgaden und Husum, aus Konstanz und Zittau. Es ist ein sehr ungewohntes Bild rund um das Stadion, in dem schon viele wichtige Spiele ausgetragen worden sind:

Ansonsten geht es hier vor dem Match hektisch zu. Die Fans drängeln und sind nervös. Ein Teil hat sich in der City schon ein bisschen zu warm getrunken. Die Gesänge klingen laut und nach vorgerücktem Vatertag. Die Straßen rund ums Olympiastadion sind an großen Spieltagen kein Ort, an dem man sich als Vater gern mit seinem Kind aufhält. So ist das wenn die Hertha spielt.

An diesem Sonntag ist alles anders. Viele Kinder, viele Frauen, viele besonnene Männer. Die Menschen tragen gern Schwarz-Rot-Gold und freuen sich über die Minderheiten aus Kanada.

Im Stadion wird gefeiert. La Ola. Jubel auch über eher beliebige Aktionen. Die deutschen Frauen gewinnen 2:1 - und beschwingt wandern freundliche Menschen zurück zu den Bussen, die sie nach Konstanz und Zittau und Husum zurück bringen. Das war ja nun mal ein schöner Ausflug.

Kein Ort für Zornige

Vier Tage später, Frankfurt. Deutschland gegen Nigeria. Auch im Stadion im Stadtwald ist jeder Sitz vergeben, an der Fanmeile am südlichen Mainufer ist ebenfalls Hochbetrieb. Auf den Leinwänden sieht man eine deutsche Truppe, die sich schwertut. Der Kommentator stammelt Ratlosigkeit ins Mikro, die Menschen leiden mit Birgit Prinz und ihren Mannschaftskolleginnnen. Die Gegnerinnen aus Nigeria legen eine für Fußball-Frauen ungewöhnliche Bösartigkeit an den Tag. Und das Wetter ist auch mies.

Eigentlich ist solch eine Situation der ideale Nährboden für Aggression und Entgleisungen unter den Zuschauern. Da knallt es schnell mal - irgendwo muss mancher Unbedachte seinen Frust eben ausleben.

Entspannte Zwischenbilanz beim Veranstalter

In Frankfurt passiert nach dem Nigeria-Kick nichts. Die Fans haben Mitgefühl für die hilflosen Hoffnungsträgerinnen. Nach dem Match verlassen sie das Stadion und die Fanmeile in geordneter Formation. Alexander Kießling, Frankfurter Polizeisprecher, sagt, so habe man sich die Frauen-WM vorgestellt: “Die Leute machen keine Randale. Ultras haben hier keinen Platz. Diese Fangemeinde reguliert sich selber. Das sind Familien. Die gehen nicht nur zu einer Sportveranstaltung - für diese Menschen ist die WM ein Event. Da wird gefeiert und nicht geprügelt.“ So war es auch 2006 als die Männer die Welt zu Gast bei Freunden hatte.

So sieht man es auch beim Veranstalter. Gerald von Gorrissen (33), der Fanbeauftragte des DFB, zieht ausgesprochen entspannt eine Zwischenbilanz nach der Vorrunde: “Dies ist eine große Feier. Unsere Aufgabe ist die Kommunikation mit den Menschen, die kommen. Wir informieren sie bestmöglich, sodass sie keine Probleme haben - und dann haben auch wir keine Probleme.“

Auf die Frage, wo denn zum Beispiel die britischen Hooligans (obligatorisch gewaltbereite Wegbegleiter englischer Mannschaften zu internationalen Auftritten) seien, meint der frühere Fanbeauftragte von Preußen Münster: “Die sind gar nicht erst gekommen. Das ist nicht ihre Veranstaltung. Erstens sind hier so viele Familien - da werden Ultras komplett isoliert. Zweitens geht es auf dem Rasen (nehmen wir mal das Nigeria-Spiel aus) nicht so hart zu wie bei den Männern. Bei denen gibt es immer wieder die Rückkopplungseffekte zwischen Aggression auf dem Spielfeld und Randale auf der Tribüne. Das fällt bei dieser WM flach.“

Auszeit für den Alltag

Vergangenen Dienstag. Mönchengladbach. Deutschland gegen Frankreich. Prima Wetter . Volle Hütte. Birgit Prinz - auf die Ersatzbank verwiesen - scheint die Einzige im Stadion mit schlechter Laune. Trügt der Eindruck, oder tragen immer mehr Fans Schwarz-Rot-Gold?

Das Spiel macht Spaß, Deutschland gewinnt. Und wer die Freuden-Fans auf der Tribüne beobachtet, macht bei ihnen die gleichen Rituale aus, die es vor fünf Jahren schon einmal gegeben hat.

Damals nannte man das Phänomen “Sommermärchen“. Fast ein ganzes Land hatte irgendwann den Entschluss gefasst, den Auftritt einer Fußballmannschaft zum Anlass zu nehmen, um eine große Fete vom Zaum zu brechen.

Franz Beckenbauer hatte die WM nach Deutschland geholt und wurde auch noch für das Kaiserwetter verantwortlich gemacht. Das Halbfinal-Aus konnte auch er nicht verhindern. Die Menschen ließen sich aber nicht mehr irre machen. Sie jubelten einfach weiter. Bis ein anderer Weltmeister war. Der Alltag hatte eine Auszeit. Wir waren wir - und das war schön.

Irgendwie könnte es wieder so werden. Steffi Jones ist das Gesicht der WM. Die TV-Quote stimmt. Das Wetter ist auch gar nicht schlecht. Die Deutschland-Fahnen werden wieder mehr. In den WM-Kneipen brummt das Geschäft. Bier und Sekt verkaufen sich prima. Hartz IV wird erstmal vertagt. Wir sind wer - was uns ganz unangestrengt freut.

Und die Fußballerinnen scheinen zu alter Form gefunden zu haben. Na, dann könnte es jetzt erst recht los gehen: das “Sommermärchen“, zweite Auflage. Und wenn am Ende der Titel ausbleibt, dann war's doch mal wieder eine richtig gute Party.

Detlef Vetten, dapd

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