Derdiyok schockt DFB-Elf

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Eren Derdiyok traf gegen die Elf von Joachim Löw drei Mal ins Netz.

Bern - Die deutsche Nationalmannschaft hat im vorletzten Test vor der EM in Polen und der Ukraine eine historische Niederlage einstecken müssen. Eren Derdiyok war der Mann des Spiels.

Ohne die Profis von Bayern München ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nur ein Schatten ihrer selbst. Genau zwei Wochen vor ihrem ersten EM-Gruppenspiel gegen Portugal kassierte die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw gegen die nicht für die EURO qualifizierte Schweiz eine derbe 3:5 (0:2)-Packung und damit eine historische Niederlage. Kuriosum am Rande: Das erste Länderspiel der DFB-Geschichte am 5. April 1908 verlor die Nationalmannschaft in Basel mit exakt demselben Ergebnis.

Der künftige Hoffenheimer Eren Derdiyok leitete mit seinem Dreierpack (21., 23., 50.) den ersten Sieg der von Ottmar Hitzfeld trainierten Eidgenossen gegen den Nachbarn seit dem 21. November 1956 ein. Damals gewannen die Schweizer 3:1 in Frankfurt, anschließend blieben sie 18-mal in Folge ohne Sieg.

Mats Hummels mit seinem ersten Länderspieltreffer vor der Pause (45.) sowie Andre Schürrle (64.) und Marco Reus (72.), der ebenfalls erstmals im DFB-Trikot traf, konnten zwischenzeitlich jeweils nur verkürzen. Den vierten Schweizer Treffer erzielte Stephan Lichtsteiner (67.), Admir Mehmedi (76.) machte gegen die in der Defensive völlig indisponierte deutsche Elf alles klar. Zuletzt hatte die deutsche Elf am 28. April 2004 beim 1:5 in Rumänien fünf Gegentore kassiert.

„So eine Leistung ist nicht erklärbar. Wir sollten nicht nach Ausreden suchen. Das ist reine Kopfsache. Wir haben mit der ganzen Mannschaft nicht gut gestanden“, sagte Ersatz-Kapitän Miroslav Klose. Debütant Julian Draxler sagte ernüchtert: „Das habe ich mir natürlich ganz anders vorgestellt. Aber wir sollten jetzt nicht den Teufel an die Wand malen.“ Abwehrchef Per Mertesacker meinte: „Wir haben zum Glück noch ein wenig Zeit. Das ist die beste Erkenntnis aus diesem Spiel.“

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Vor 27.381 Zuschauern im St.-Jakob-Park von Basel konnte die intensive Vorbereitung der deutschen Mannschaft auf die EURO in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli) ebenso wenig als Entschuldigung für den über weite Strecken leblosen Auftritt des EM-Favoriten herhalten wie das Fehlen von Kapitän Philipp Lahm und der übrigen Bayern-Stars. Vor allem die Probleme in der Hintermannschaft müssen Löw, der ausgenommen der Turnierauftritte erstmals als Bundestrainer ein Auswärtsspiel verlor, Angst und Bange machen. Denn der Auftritt der Viererkette mit Benedikt Höwedes, Per Mertesacker, Hummels und Marcel Schmelzer war häufig vogelwild und machte wenig Hoffnung.

Zwar hatten die Gäste in ihrem vorletzten Test vor der EM zunächst deutlich mehr Spielanteile, klare Chancen konnte sich der WM-Dritte aber nicht erspielen. Der künftige Hoffenheimer Derdiyok vergab bereits in der 15. Minute eine gute Gelegenheit für die Gastgeber. Nach seinen Nationalmannschaftstreffern fünf und sechs, bei denen vor allem die Innenverteidiger Hummels und Mertesacker schlecht aussahen, hätte der Leverkusener dann in der 25. Minute sogar auf 3:0 erhöhen können. Er scheiterte aber an Marc-Andre ter Stegen, der glänzend reagierte.

Der erst 19 Jahre alte Torwart von Borussia Mönchengladbach feierte sein Debüt in der Nationalmannschaft. Der Einsatz des Shootingstars könnte ein Fingerzeig darauf sein, dass Löw ihn auch mit zur EM nimmt und dafür entweder Ron-Robert Zieler von Hannover 96 oder den künftigen Hoffenheimer Tim Wiese zu Hause lässt. Allerdings patzte ter Stegen beim vierten Schweizer Treffer, als er gegen Lichtsteiner zu spät kam. Bei den anderen Gegentoren war er machtlos.

Am 29. Mai muss Löw bei der UEFA seinen endgültigen 23-köpfigen Kader für das Turnier in Polen und der Ukraine benennen und bis dahin aus seinem vorläufigen Aufgebot noch einen Schlussmann und drei Feldspieler streichen. Als Streichkandidat gilt auch Ilkay Gündogan, der nach der Pause gemeinsam mit Marco Reus für etwas frischeren Wind sorgte. Die beiden Real-Madrid-Stars Mesut Özil und Sami Khedira spielten unauffällig und mussten nach 45 Minuten wie von Löw angekündigt weichen.

Im Mittelfeld stand beim Anpfiff ein wenig überraschend Mario Götze in der Startelf, die sehr offensiv ausgerichtet war. In Khedira stand nur ein „Sechser“ in der Mittelfeldreihe. Götze agierte in zentraler Position, ihm gelang aber nicht allzu viel. Dies galt auch für Ersatz-Kapitän Miroslav Klose, der als einzige deutsche Spitze auf verlorenem Posten stand. Auch Schürrle erwischte trotz seines sechsten Länderspieltreffers auf der für ihn ungewohnten rechten Außenbahn einen rabenschwarzen Tag.

Im zweiten Durchgang schockte Derdiyok den dreimaligen Europameister erneut mit dem frühen 3:1, anschließend wurden die Gäste aber etwas aktiver. Reus deutete einige Male seine Torgefährlichkeit an, zu viel mehr reichte es aus deutscher Sicht aber nicht. Der Schalker Julian Draxler feierte ebenso wie ter Stegen noch seine Premiere (ab 63.).

Beste Schweizer waren Derdiyok und dessen Leverkusener Teamkollege Tranquillo Barnetta, der bei seinem Comeback im Nationalteam alle drei Treffer vorbereitete. In der DFB-Auswahl konnte kein Spieler überzeugen.

Am kommenden Donnerstag findet in Leipzig die EM-Generalprobe der DFB-Auswahl gegen Israel statt, ehe Löw seinen Spielern noch einen Kurzurlaub gewährt. Am 4. Juni fliegt die deutsche Mannschaft dann in ihr WM-Quartier nach Danzig.

sid

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