Von Scholl bis Usedom: Das TV-Zwischenfazit

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Oliver Kahn

Berlin - Nach der Vorrunde haben ARD und ZDF ein Zwischenfazit zu den EM-Übertragungen gezogen. Dieses fällt - was wenig überraschend sein dürfte - positiv aus. Die Fans sehen manches anders.

Die Quoten sind klasse, die Experten reden Klartext, nur die Sendebühne auf Usedom bereitet Kummer - ARD und ZDF haben nach der Vorrunde der Fußball-EM ein weitgehend positives Fazit gezogen. „Die Quoten sind traumhaft und steigern sich weiter“, sagte ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz dem SID.

Den Höchstwert im Turnier erreichte bislang das 2:1 der deutschen Nationalmannschaft am Sonntag gegen Dänemark. 27,65 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 74,2 Prozent) verfolgten den Zittersieg an heimischen Geräten. Das deutsche Viertelfinale gegen Griechenland am Freitag (20.45 Uhr/ZDF) in Danzig verspricht eine weitere Steigerung.

Im Falle eines Final-Einzugs der deutschen Mannschaft könnte sogar der Allzeit-Rekord geknackt werden. Die Bestmarke liegt bei 31,1 Millionen Zuschauern, erreicht beim WM-Halbfinale 2010 in Südafrika zwischen Deutschland und Spanien (0:1).

Wie die ARD ermitteln ließ, liegt die Zuschauerzahl pro EM-Partie bei 13 bis 13,5 Millionen. Ein Wert, der dem der EM 2008 nahe kommt, obwohl mehr und mehr Fußballfans zum Public Viewing abwandern und aus der Statistik fallen. „Man sieht, dass das Interesse an der EM hoch ist“, sagte ARD-Teamchef Jörg Schönenborn.

Das ZDF überträgt das Endspiel am 1. Juli und hat sich schon auf Kommentator Bela Rethy festgelgt. „Er hat sich durch seine starken Leistungen dafür empfohlen“, sagte Gruschwitz. Für Rethy (55) ist es bereits das fünfte Endspiel eines großen Turniers. Die ARD nominierte Steffen Simon für ihr Halbfinale.

Einziger Makel aus Sicht des ZDF ist die Kritik an der Sendebühne in Usedom - für Gruschwitz reine Polemik. „Wir registrieren die Kritik und bedauern, dass es zu keiner inhaltlichen Auseinandersetzung kommt“, sagte der Sportchef. Die Fußball-Show war unter Beschuss geraten, weil sie in ihrer Aufmachung zu sehr an Urlaub und zu wenig an Fußball erinnere. Die Süddeutsche Zeitung sprach von einer „Art AOK-Kongress“. Bild schrieb: „Mit dem Zweiten sieht man Wasser.“

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Die ARD hat bewusst auf die Nähe zum Event gesetzt und lässt ihre Kommentatoren in den Stadien auftreten. „Weil ich glaube, dass unsere Moderatoren dahin passen“, wie Schönenborn sagt. Das Konzept sei zwar mit großen Reisestrapazen verbunden, zahle sich aber aus. Schönenborn hätte sich nicht für eine Usedom-Bühne begeistern können, findet die Kritik am ZDF jedoch „überzogen und unfair.“

Ein guter Griff gelang beiden Sender bei der Auswahl der Experten. Mehmet Scholl sorgte gleich beim ersten Spieltag der deutschen Mannschaft mit seiner Kritik an Mario Gomez für Beachtung. „Ich finde es gut, wenn jemand eine Debatte lostritt“, lobte Schönenborn. Scholl sei fachlich gut und ein emotionaler Typ. „Meine Wahrnehmung ist, dass es recht schwer ist, gute Experten zu finden.“

Auch Oliver Kahn nimmt für das ZDF bei seinen Analysen kein Blatt vor den Mund. Es spricht für die Glaubwürdigkeit des einstigen Torwart-Titans, dass er nicht versucht hat, Scholl mit noch spektakuläreren Aussagen zu übertreffen. Kahn sagte über Scholls Attacke gegen Gomez nur: „Sachliche und fundierte Kritik muss sein. Der Mensch sollte einem dabei aber immer heilig sein.“

sein. Der Mensch sollte einem dabei aber immer heilig sein.“ Eine gelungene Premiere gab auch Moderator Matthias Opdenhövel, der den aus privaten Gründen abgereisten Gerhard Delling vertritt. Vor allem im Zusammenspiel mit Scholl kam der frühere VIVA-Moderator unverkrampft und humorvoll rüber. Schönenborn: „Man sieht, dass er kein Reservespieler ist.“

sid

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