Schiedsrichter: Der Druck nimmt die Lust am Pfeifen

Frankfurt/Main - Der Selbstmordversuch von Babak Rafati hat zu einer Diskussion über den stetig steigenden Druck auf Spitzenschiedsrichter geführt. Dabei wird ein Umdenken im Umgang mit den Unparteiischen gefordert.

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Eine Vielzahl von TV-Kameras bringt jeden Fehler zum Vorschein, Kommentatoren und Experten sezieren die Leistungen bis ins kleinste Detail, die Presse vergibt Noten, verbale Tiefschläge von Trainern und Profis gehören zur Tagesordnung: Ungeachtet der noch ungeklärten Hintergründe des Selbstmordversuchs von Babak Rafati hat bereits eine Diskussion über den stetig steigenden Druck auf die deutschen Spitzenschiedsrichter begonnen. Dabei steht die Frage im Raum, wer es sich zukünftig noch antun will, an jedem Wochenende zum Buhmann der Medien, der Klubs und der Fans gemacht zu werden.

DFB-Präsident Theo Zwanziger hat jedenfalls noch keine Antwort auf diese Frage gefunden. Für den Boss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist aber klar, dass „der Druck auf unsere Schiedsrichter aus den unterschiedlichsten Gründen ungeheuer hoch“ ist: „Die Drucksituationen, die erzeugt werden, werden auf Dauer kein guter Weg sein. Wir müssen da Schritt für Schritt langsam, aber sicher wieder zurückkommen.“ Nach Ansicht Zwanzigers „schaffen wir es einfach nicht, das Ganze in eine richtige Balance zu bringen.“

Diese fehlende Balance macht sich nicht zuletzt beim Nachwuchs bemerkbar. Schiedsrichter-Lehrwart Lutz Wagner hat zuletzt erklärt, dass gerade Referees im Alter von 20 bis 40 Jahren fehlen. Diese Entwicklung kann auch der Deutschen Fußball Liga (DFL) nicht gefallen. Liga-Präsident Reinhard Rauball hat wohl auch deshalb eine intensivere Betreuung der Akteure im Profifußball gefordert, um den Umgang mit Druck zu erleichtern. „Wir müssen uns noch mehr Fachleute mit ins Boot holen“, sagte Rauball.

Er habe nicht geglaubt, dass das Thema psychischer Druck „durch die gesamte Tiefe des professionellen Fußballs geht. Wir müssen offen sein und Rat annehmen.“ Allerdings ist der Präsident des deutschen Meisters Borussia Dortmund der Ansicht, dass man nun „nicht den ganzen Fußball infrage stellen“ sollte: „Viele andere kommen mit dem Druck klar. Man kann nicht sagen, dass der Fußball in die falsche Richtung läuft.“

Immerhin sind einige Protagonisten angesichts des Dramas um Rafati zum Umdenken bereit. „Da sieht man auch, dass Menschen allgemein, und besonders Schiedsrichter, unter ungeheurem Druck stehen. Das sind Dinge, die einen zum Nachdenken bringen“, sagte Trainer Jupp Heynckes vom deutschen Rekordmeister Bayern München.

Tatsächlich sollten die Klub-Verantwortlichen bei aller Emotionalität zukünftig stärker über ihre Aussagen nachdenken. Schließlich hatte überzogene Kritik von Spielern, Trainern oder Funktionären an den Schiedsrichtern in der Vergangenheit immer wieder fatale Folgen.

Die aktiven Schiedsrichter und Funktionäre, die zuletzt ohnehin von immer neuen Skandalen und Affären belastet wurden, halten sich unter dem Eindruck der Geschehnisse um Rafati derzeit noch bedeckt. Am Sonntag wollte sich niemand zur Frage, ob der Druck in der Bundesliga überhaupt noch auszuhalten sei, äußern. Klar ist aber: viele der Referees empfinden die Einkünfte aus der Schiedsrichterei mittlerweile immer mehr als Schmerzensgeld.

Angesichts dieser Problematik könnte auch der Ruf nach einer stärkeren Professionalisierung des Schiedsrichterwesens wieder lauter werden. Im Gegensatz zu einem berufstätigen Unparteiischen könnte sich ein Profi sicher in größerem Maß mit allen Begleiterscheinungen seines Berufs auseinandersetzen und sich darauf einstellen. Schon in der vergangenen Woche hatte DFL-Boss Christian Seifert dem DFB die Frage gestellt, „welche Konzepte er im Schiedsrichterwesen für die Zukunft hat?“. Diese Frage muss der Verband nun beantworten.

sid

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