Ein Bierchen - und dann Konzentration

Sammer ruft Drogba-Treffer ins Gedächtnis

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Matthias Sammer spielte den Mahner ... Verzeihung: Hinweisgeber

München - Matthias Sammer erinnerte nach den beiden HSV-Gegentoren ans verlorene Champions-League-Finale. Er sieht sich nicht als Mahner, sondern als "Hinweisgeber". Ein Bierchen erlaubte der Sportvorstand.

Neun Tore? Eine Fußball-Gala der Extraklasse? War da was? Wer nach dem historischen 9:2 (5:0) von Bayern München gegen den hilflosen Hamburger SV in die Gesichter der Bosse und Spieler des Doch-Noch-Nicht-Meisters blickte, sah hier und da ein Lächeln - und immer: Ernsthaftigkeit und Konzentration. „Juventus ist ein ganz anderes Kaliber, da können wir uns von dem 9:2 nichts kaufen“, sagte Vize-Kapitän Bastian Schweinsteiger, und gab damit die Richtung vor.

Juventus Turin, am Dienstag Gegner im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League, nicht der bedauernswerte HSV oder die nur vertagte Meisterfeier war nach dem Spiel das Thema Nummer eins. „Euphorie?“ Sportvorstand Matthias Sammer blickte fragend. „Ruhe, wir sollten Ruhe mitnehmen!“ Ein „Bierchen, oder Gläschen Wein“ dürfe man sich gönnen, aber „dann sollten wir uns in Richtung Juve bewegen“.

An den italienischen Meister dachten die Spieler offensichtlich schon beim Abpfiff. Niemand riss die Arme hoch, die allgemeine Reaktion war Nüchternheit. Dabei hatte der Rekordmeister, der seinen 23. Titel nach Dortmunds Sieg in Stuttgart jetzt erst am kommenden Samstag in Frankfurt feiern kann, sich in einen Rausch gespielt.

Claudio Pizarro mit einem Vierer-Pack (30./45./53./68.), Arjen Robben (33./54.), Xherdan Shaqiri (5.), Schweinsteiger (19.) und Franck Ribery (76.) schossen den vierthöchsten Bayern-Sieg in der Bundesliga heraus, teils mit Traumtoren wie Pizarro mit der Hacke beim 6:0. Präsident Uli Hoeneß hüpfte auf der Tribüne und murmelte immer wieder „Wahnsinn!“, Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sah „Weltklasse-Fußball“, und Trainer Jupp Heynckes fand: „Das war zeitweise Lehrbuch-Fußball.“

Doch es waren nicht die Freudensprünge des Präsidenten, sondern die bösen Blicke von Heynckes und Sammer bei den Gegentreffern von Jeffrey Bruma (75.) und Heiko Westermann (86.), die für Juventus von Bedeutung waren. Beide Tore fielen durch Kopfbälle nach Ecken. Die Lehre aus dem Spiel, betonte Sammer, sei nicht, dass der FC Bayern Traumfußball zelebrieren kann, sondern, „dass wir vielleicht bei Ecken zukünftig aufpassen“. Denn: Das Champions-League-Finale und das damalige 1:1 von Didier Drogba, das genau so fiel (übrigens auch auf dasselbe Tor), „ist noch nicht so lange her“, sagte Sammer: „Und jetzt haben wir vier Gegentore nach Ecken in kurzer Zeit bekommen. Ich bin kein Mahner, ich weise nur darauf hin.“ Schweinsteiger sagte deshalb allen Ernstes: „Die zwei Gegentore tun ein bisschen weh.“

Robben versuchte, die Diskussion mit einem Scherz wegzuwischen. „Wenn wir am Dienstag wieder neun schießen, dürfen die von mir aus auch zwei Kopfballtore machen“, sagte er. Komisch sei es aber doch, fügte er an, dass der HSV so traf, „wir haben darüber gesprochen, mit Nachdruck“. Ähnlich gedankenloses Verhalten in der Königsklasse, betonte Kapitän Philipp Lahm, wäre tödlich. „Das darf uns da nicht passieren. Da müssen wir von Anfang an voll konzentriert sein und dürfen uns keine Nachlässigkeiten erlauben“, sagte er.

Etwas Positives gewannen sie den Patzern dann aber doch noch ab. „Jetzt wissen wir wenigstens, woran wir noch arbeiten können“, sagte Torhüter Manuel Neuer, Sammer meinte: „Das sollte uns wachrütteln.“ Und das tat es wohl auch. „Mir gefällt die Reaktion in der Kabine, die Spieler gehen kritisch mit den zwei Gegentoren um“, ergänzte der Sportvorstand. Kritische Selbsteinschätzung sei auch gefragt, denn: „Juve und der HSV - das ist überhaupt nicht zu vergleichen. Juve ist clever, ausgebufft. Wir brauchen einen guten Plan, Persönlichkeit und Strategie in unserem Spiel, müssen defensiv gut stehen.“

Schweinsteiger, der bei einem Foul von Tolgay Arslan eine Blessur am linken Fuß erlitt („unglücklich, aber es geht schon“), nannte den Spitzenreiter der Serie A „eine der besten Mannschaften in Europa“. Es werde sehr schwer, denn „die Italiener sind sehr schlitzohrig, sehr clever und taktisch sehr gut geschult. Man denkt, man hat das Spiel im Griff - und dann machen sie aus dem Nichts ein Tor.“

Robben präzisierte Sammers „guten Plan“ deshalb so: „Wir müssen sehr schnell und überraschend nach vorne spielen, dürfen aber die Organisation nicht vergessen. Die kommen sehr schnell hinten raus.“ Schnell, überraschend - es klang wie ein Bewerbungsschreiben für die Startelf. Das hatte Robben wie Shaqiri und vor allem Pizarro auch auf dem Platz abgegeben. Gegen Turin werden alle drei aber wohl auf der Bank sitzen.

sid

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