Rücktritt? Prandelli erschreckt Italien

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Cesare Prandelli im Spiel gegen Deutschland

Kiew - Rücktritt? Nationaltrainer Cesare Prandelli hat Italiens Vorfreude auf das große EM-Endspiel gegen Spanien am Sonntag in Kiew mit seinen Gedanken empfindlich gestört.

Der Mann, der mit seinem offensiven Stil eine „Kulturrevolution“ im italienischen Fußball (Gazzetta dello Sport) losgetreten hat, gilt als Vater des Erfolges der Squadra Azzurra bei der EM. Dass er seine Azzurri jetzt, nach nur zwei Jahren, im Stich lassen könnte, hat die Tifosi schockiert.

Liebe deutsche Spielerfrauen, ihr müsst jetzt schön trösten!

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„Die letzten zwei Monate waren sehr anstrengend“, stöhnte Prandelli am Freitag in der Casa Azzurri, wo ihn die italienischen Journalisten mit Standing Ovations empfangen hatten. Der jüngste Manipulationsskandal, der die Vorbereitung des viermaligen Weltmeisters massiv beeinflusst hatte, unglückliche Aussagen der Politik über eine mögliche Denkpause für den Calcio, das harte Turnier - all das, sagte Prandelli, „lastet schwer auf mir. Ich vermisse die Heiterkeit.“ Er wolle sich „einige Tage Zeit nehmen“ und dann über die Zukunft sprechen.

Und als er gerade dabei war, kritisierte er gleich noch die eigenen Fans, die sich die ganze Saison über nur für Juve, Milan und Inter interessierten. „Jetzt strömen plötzlich wieder Millionen auf die Straßen. Aber im September haben sie uns wieder vergessen“, schimpfte er und sprach über einen Mangel an „Lebensqualität“ - ein Gut, das für ihn stets weit über dem Fußball stand. Die Reaktion fiel entsprechend dramatisch aus. „Wir müssen Prandelli unbedingt halten“, forderte das Blatt Tuttosport am Samstag und fügte an: „Rettet den Soldaten Prandelli!“ Verbandspräsident Giancarlo Abete will das tun, bereits vor Tagen betonte er, Prandelli solle Italien zur WM 2014 führen.

Schließlich gilt der 51-Jährige als Vater des neuen Italien. Die Azzurri lagen am Boden, als er sein Amt nach dem Vorrunden-Aus des Titelverteidigers bei der WM 2010 antrat. Heute, nur zwei Jahre später, gehören Catenaccio, zynischer Defensivfußball, fieses Getrete, das ewige Lamento und Schwalben der Vergangenheit an. „Das ist allein Prandellis Verdienst“, stellte die Gazzetta fest.

Prandelli habe „den Mut, unitalienisch zu spielen“, sagte der frühere Nationalspieler Gianfranco Zola. Prandelli hat es nicht nur geschafft, Italien einen neuen, offensiveren Stil zu geben. Ihm gelang es, schwierige Charaktere wie Mario Balotelli oder Antonio Cassano zu integrieren. „Eigenwillige Spieler haben mich immer schon gereizt“, sagte er dazu. Dabei, sagte Nationalspieler Riccardo Montolivo dem Spiegel, ist der 54-Jährige „durchaus streng“. Das bekamen Balotelli und Daniele De Rossi, denen er Zwangspausen verordnete, ebenso zu spüren wie Cassano, der sich auf Prandellis Initiative für seine schwulenfeindlichen Äußerungen während der EM schriftlich entschuldigen musste.

Jetzt rätselt Italien, was der Commissario Tecnico mit seinen Äußerungen bewirken wollte. War es eine Provokation? Wie im Vorfeld der EM, als er auf dem Höhepunkt der Diskussionen um manipulierte Spiele meinte: „Wenn es hilft, dann fahren wir halt nicht zur EM, es gibt Wichtigeres.“

Oder ist Prandelli ausgelaugt? Wie 2004, als er nach ein paar Tagen bei AS Rom seinen Vertrag auflöste, um sich seiner erkrankten Frau Manuela zu widmen. Seine Jugendliebe starb 2007 an Krebs, auch deshalb sagt Prandelli: „Fußball soll Spaß machen. Die ernsthaften Dinge sind ganz andere.“ Vielleicht hilft der EM-Pokal, Prandelli ein bisschen Freude an seinem Job zurückzugeben.

sid

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