Oranje abhängig von Deutschland

Robben: "Das fühlt sich nicht gut an"

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Arjen Robben herzt Bastian Schweinsteiger nach dem Vorrundenspiel

Charkow - Alles oder nichts: Mit der totalen Offensive kämpft Vize-Weltmeister Niederlande gegen das drohende EM-Aus und muss dabei auch noch auf deutsche Schützenhilfe hoffen.

Bert van Marwijk sieht müde aus. Tiefe Ringe, in den Augen brennt kein Feuer mehr. Die beiden Pleiten bei der Europameisterschaft haben deutliche Spuren hinterlassen. Fast resignierend kündigte der Trainer der niederländischen Fußball-Nationalmannschaft vor seinem vielleicht letzten Spiel an, was die Nation und alle Experten seit Wochen fordern: Neue Spieler, mehr Offensive. „Wir haben zweimal verloren, natürlich werde ich etwas verändern“, versprach der 60-Jährige. Gute Nachrichten also für Schalkes Torjäger Klaas-Jan Huntelaar, der neben Robin van Persie stürmen soll.

Gomez stößt Tor zum Viertelfinale weit auf - Bilder und Noten zum Spiel

Gomez stößt Tor zum Viertelfinale weit auf - Bilder und Noten zum Spiel 

Frei nach dem Motto „Tod oder Gladiolen“ wollen die Niederlande noch in das Viertelfinale der EM stürmen - doch „Voetbal total“ allein wird ihnen nicht weiterhelfen. Holland ist nicht mehr Herr seines Schicksals: Der Sturm auf das Tor zur K.o.-Runde kann nur gelingen, wenn Deutschland, ausgerechnet Deutschland, ein bisschen Schützenhilfe leistet - und tatsächlich fühlt sich Oranje hilflos. „Wir sind abhängig von Deutschland, und das fühlt sich nicht gut an“, betont Arjen Robben vom FC Bayern.

Egal, was Deutschland macht: Die Niederlande muss erst mal gegen Portugal gewinnen, und Oranje hat sich vorgenommen, in diesem letzten Gruppenspiel am Sonntag in Charkow (20.45 Uhr/EinsFestival) wenigstens in Schönheit zu sterben. Dafür opfert van Marwijk, dessen Stuhl trotz eines Vertrags bis 2016 ins Wackeln geraten ist, wohl sogar seinen Schwiegersohn und Kapitän: Mark van Bommel. Rafael van der Vaart wird ihn wohl ersetzen.

Ob van Marwijk („Wir müssen wieder als Team auftreten“) wirklich noch die Zügel in der Hand hat, erscheint derzeit aber zumindest fraglich: Wesley Sneijder („Ich bin hier, um Europameister zu werden“) ist in die Chefrolle geschlüpft. Der überragende Niederländer der WM 2010 gibt im Training und auf dem Platz den Ton an. Eine Laufeinheit beendete der Mittelfeldstar von Inter Mailand spontan ohne Rücksprache mit dem zuständigen Trainer. Und auch im Deutschland-Spiel war es Sneijder, der nach der Pause die veränderte Oranje-Offensive in seinem Sinne dirigierte.

Entsprechend offensiv forderte Sneijder nach der Niederlage gegen das DFB-Team (1:2) die Veränderung der ersten Elf: „Huntelaar und van der Vaart sind Superspieler. Sie haben bewiesen, dass sie in die Startelf gehören“, sagte er. Keinen Platz mehr gibt es dagegen für van Bommel. Dem will Sneijder auch noch die Kapitänsbinde abnehmen. „Ich fühle, dass ich dieser Aufgabe gewachsen bin“, sagte Sneijder, der sich sich öffentlich bei den Oranje-Fans für die beiden Pleiten entschuldigt hatte. Jose Mourinho ist es dagegen völlig egal, was die Niederländer ändern. Für den portugiesischen Startrainer von Real Madrid ist klar: „Wenn Portugal am Sonntag gegen die Niederlande seine Pflicht tut, steht es im Viertelfinale“, sagte Mourinho. Zwar hat auch Portugal ein Sorgenkind, den torlosen Cristiano Ronaldo, doch nach dem 3:2 gegen Dänemark ist Jammern auf hohem Niveau. Immerhin hat Portugal sein Schicksal selbst in der Hand. Ein Sieg heißt: Viertelfinale.

Zudem spricht die Statistik gegen die Niederlande: In zehn Spielen gegen Portugal gab es nur einen Sieg für den Elftal, und noch nie hat eine Mannschaft nach zwei Niederlagen zu Turnier-Beginn noch die K.o.-Runde erreicht. Kuriosum am Rande: Verlören Holland gegen Portugal und Deutschland gegen Dänemark, dann wäre der deutsche Erfolg gegen die Niederlande nichts mehr wert - das Team von Bundestrainer Joachim Löw wäre draußen. Das wäre ein kleiner Trost für alle Holländer, die derzeit viel Hohn und Spott über sich ergehen lassen müssen. Über Twitter kalauerte ein User: „Die Holländer waren noch müde van der Vaart.“ Zudem entstehen neue Wortkreationen. Vorrundenaus auf Niederländisch heißt jetzt „Heimrobben“. Sogar die Werbung springt auf den Zug auf und rät: „Machen Sie es wie die Holländer, erleben Sie das Finale vor dem Fernsehen.“

sid

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