Aus Überzeugung auch im Halbfinale

Ein Italiener hat Deutschland auf dem Schuh!

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Riccardo Montolivo trägt Deutschland auf dem Schuh

Kiew - Deutschland und Italien sind im Fußball leidenschaftliche Konkurrenten. Doch ein Italiener wird auch im Halbfinale am Donnerstag aus Überzeugung mit Deutschland-Flagge auf dem Schuh spielen.

„Ach, echt?“, fragte Riccardo Montolivo, und dachte kurz nach. Dass er seinen Elfmeter im EM-Viertelfinale gegen England mit dem „deutschen“ Schuh verschossen hatte, war ihm gar nicht bewusst. „Aber ja, doch, stimmt“, sagte er dann.

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Riccardo Montolivo nach seinem verschossenen Elfmeter

Mit rechts, mit dem Schuh, auf dem er zu Ehren seiner Mutter Antje eine kleine, deutsche Flagge hat anbringen lassen, trat Italiens Mittelfeldspieler im Elfmeterschießen gegen England den Ball neben das Tor. Darüber, dass ihn sein Fehlschuss nicht um das Spiel seines Lebens gegen sein Mutterland brachte, war Montolivo „einfach nur froh“.
Montolivo ist „il tedesco“, der Deutsche in Italiens Mannschaft. Und das Halbfinale am Donnerstag (20.45 Uhr/ARD) in Warschau gegen die DFB-Elf wird damit für ihn „ein besonderes Spiel“, wie er betonte. „Ich hoffe“, sagte er deshalb mit Blick auf seine Fehlleistung mit deutscher Note, „dass das nur Zufall war und nichts bedeutet.“

Überkleben will er das Fähnchen vor dem Duell mit dem Land, in dem er noch heute mehrere Tage im Jahr Urlaub macht, dennoch nicht. „Nein, nein“, sagte er und lachte, „Mama ist heilig!“ Mama Montolivo kommt aus Ascheberg bei Plön in Schleswig-Holstein und ist mit einem Italiener verheiratet. Ihr Sohn hat die doppelte Staatsbürgerschaft, „aber ich fühle mich zu 90 Prozent als Italiener“, stellte Montolivo klar.

Es war jedoch die deutsche Mannschaft, die er als Kind und Jugendlicher verehrte, damals, in den langen Sommern an der Ostsee. Auch heute ist der Respekt des 27-Jährigen vor den Tedesci noch groß. „Die Deutschen sind stark, haben viele Topspieler. Mit Spanien sind sie Favorit der EM“, sagte er in Kiew. Torhüter Manuel Neuer fasziniere ihn, „Mesut Özil kann alles, und Miroslav Klose ist in großartiger Form. Sie haben außergewöhnlich talentierte Spieler, sind spielerisch stark wie nie, eine absolute Spitzenmannschaft“, schwärmte Montolivo weiter. Dann hielt er inne, sein Blick wurde entschlossener, und er betonte: „Aber wir haben keine Angst!“ Warum auch? „Ich glaube, Deutschland respektiert uns, weil auch wir eine gute Mannschaft sind. Und man kann wohl sagen, dass sie oft gegen uns verlieren, wenn es drauf ankommt...“

Am 9. Februar 2011 hatte Montolivo (dt.: Olivenbaumberg) schon einmal das Vergnügen mit der DFB-Elf. Viele seiner deutschen Freunde und Verwandte waren in Dortmund im Stadion, Montolivo spielte über 90 Minuten gut und half mit, das schmeichelhafte 1:1 zu sichern. In Kiew bestritt er sein 35. Länderspiel (ein Tor), mit viel Licht - und viel Schatten. „Montolivo genügt nicht, um dem Spiel Geschwindigkeit zu geben“, schrieb der Corriere della Sera, die Gazzetta dello Sport sah eine „intelligente Leistung“ von Montolivo, der nach der EM vom AC Florenz zu Meister AC Mailand wechselt.

Doch dann, das Elfmeterschießen. Mit seinem Fehlschuss versetzte er Trainer Cesare Prandelli „in Panik“, wie La Repubblica beobachtete. Montolivo trottete mit hängendem Kopf zurück zu seinen Kollegen am Mittelkreis, Leonardo Bonucci umarmte ihn, zog den „Deutschen“ zurück in die Reihe der Italiener. Gemeinsam harrten sie aus, sahen Andrea Pirlos zauberhaften Elfmeter im Stile Antonin Panenkas und den entscheidenen Schuss von Alessandro Diamanti. Später, im Bauch des Stadions, verpasste Antonio Cassano seinem Mitspieler Montolivo einen Klaps auf den Hinterkopf: „Glück gehabt, Junge!“

Am Donnerstag, scherzte der erleichterte Montolivo, könne es „ein bisschen Familienstreit“ geben. „Aber ich glaube, dass meine Mutter Italien die Daumen drückt, weil ich ihr Sohn bin.“ Elfmeterschießen, sagte er zum Abschied, wolle er bis dahin „nochmal üben“.

sid

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