Rechte Unterwanderung in ganzer Bundesliga

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Itay Shechter (l.)

Frankfurt/Main - Die antisemitischen Beleidigungen gegen den Israeli Itay Shechter haben die Lauterer Fans in Verruf gebracht, doch die Gefahr der Unterwanderung des Fußballs aus der rechten Szene scheint die ganze Bundesliga zu betreffen.

„Es ist ein sehr großes Problem. Das größte Problem könnte es werden, wenn man versucht, es kleinzureden. Rechtsextremismus wird es im Fußball immer geben“, sagte Gerd Wagner von der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) dem Sport-Informations-Dienst (SID) und fügte hinzu: „Die Aufregung um den Fall Shechter ist natürlich berechtigt, aber wenn man das zum Maßstab nimmt, müsste man jede Woche über homophobe oder sexistische Aussagen im Stadion diskutieren.“

Bei dieser Aussage dürften in den Führungsetagen der Deutschen Fußball Liga (DFL) und des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) die Alarmglocken schrillen. Erst die massiven Ausschreitungen beim DFB-Pokalspiel zwischen Meister Borussia Dortmund und Dynamo Dresden im Oktober, zudem das ständige Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion. Und nun auch die sich wöchentlich wiederholenden Vorkommnisse mit rechtsradikalen Fans, wobei die Aktion der Nazis beim FCK am Sonntag nur die Spitze des Eisbergs darstellte.

Denn bevor die Rechtsextremisten auf dem Betzenberg einmarschierten und in Shechters Richtung den Hitler-Gruß zeigten, hatten sich in den vergangenen Wochen vor allem im Amateurfußball schlimme Szenen abgespielt. Und das insbesondere im Osten der Republik. So unterstrich auch Klaus Reichenbach, Präsident des sächsischen Fußballverbandes, dass die rechtsextreme Unterwanderung von Vereinen derzeit eines der größten Probleme im Fußball sei. Als Extrembeispiel nannte Reichenbach den Überfall 50 vermummter Neonazis auf Leipziger Fans beim Spiel in Brandis 2009, bei dem es viele Verletzte gab. Diskriminierende Parolen auf den Tribünen seien ohnehin längst Usus.

Trotzdem stellt Wagner fest, dass Rechtsextremismus im Fußball „kein Ostproblem“ ist: „Fußball ist kein rechtsfreier Raum, sondern zeigt einen Querschnitt der Gesellschaft. In jedem Stadion wird man Menschen finden, die empfänglich für rechte Gesinnungen sind. Wichtig ist, dass sie nicht die Meinungshoheit bekommen.“

Auch beim DFB hat man die Entwicklung mittlerweile erkannt. „Die Gefahren lauern vor allem in den unteren Spielklassen. Rassisten wissen, wo sie sich einbringen müssen. Und das Böse kommt oft in der Maske des Guten. Und das Gutmenschentum im Ehrenamt führt dazu, dass man Menschen in Verantwortung bringt, die sich gut geben, dann aber in Wirklichkeit Faschisten sind. Da müssen wir aufpassen. Das bleibt eine Daueraufgabe. So wie auch der Kampf gegen Pyrotechnik“, sagte der am Freitag scheidende DFB-Präsident Theo Zwanziger dem SID.

Von einer stetig steigenden Zahl der Vorfälle mit rechtem Hintergrund will man beim der KOS trotz der Vorkomnisse nicht zwingend sprechen. „Es gibt schon die Entwicklung, dass rechte Gruppen im Umfeld des Fußballs wieder häufiger wahrgenommen werden. Vielleicht ist aber auch die Aufmerksamkeit für solche Entwicklungen größer geworden. Solche Vorfälle werden jetzt anders beobachtet und nicht als Kleinigkeiten abgetan“, sagte Wagner und nannte diese Entwicklung „grundsätzlich positiv“.

sid

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