Psychologin: „Spielerinnen waren wohl überfordert“

Deutschland ist raus, und niemand hat damit gerechnet. Die Erwartungshaltung war vor dem Turnier so groß wie nie zuvor. Wir sprachen mit Sportpsychologin Dr. Jeannine Ohlert von der Universität Köln über mögliche Ursachen des Scheiterns.

Frau Ohlert, die deutschen Frauen haben sich überdurchschnittlich lange auf die WM vorbereitet. Zu lange?

Ohlert: Möglicherweise ja. Es ist sehr schwierig, eine positive Stimmung im Team über so einen langen Zeitraum aufrecht zu erhalten. Die Spielerinnen haben wahrscheinlich sogar Dinge voneinander kennengelernt, die man vielleicht gar nicht kennenlernen will. Außerdem ist es für die Psyche eines Jeden anstrengend, über einen so langen Zeitraum die Konzentration beizubehalten. Man darf nicht vergessen, dass sie auch schon eine Bundesliga-Saison hinter sich hatten.

Nicht nur mit einer bestmöglichen Vorbereitung, auch ansonsten hat der DFB alles für ein erfolgreiches Turnier getan. War der Druck zu groß?

Ohlert: Aus meiner Sicht ja. Nicht unbedingt, weil der Verband so viel erwartet hat, denn das ist bei anderen Turnieren auch häufig so – eher, weil auch durch die mediale Berichterstattung eine hohe Erwartungshaltung transportiert wurde. Und das merkt ein Sportler und lässt ihn sicher nicht immer frei aufspielen. Vor allem die emotionale Belastung war für die Spielerinnen sehr hoch.

Durch den Druck?

Ohlert: Nicht nur. Durch das WM-Turnier sind die Spielerinnen aus ihren gewohnten Routinen herausgerissen worden. Emotional ist das eine totale Überforderung. Sie waren ständig in der Gruppe, konnten nie wirklich abschalten – und mussten von einem Pressetermin zum nächsten. Regeneration war so nicht möglich.

Kam die mediale Aufmerksamkeit noch erschwerend hinzu?

Ohlert: Das Medienaufkommen ist eine große Schwierigkeit. Die Spielerinnen sind über Nacht berühmt geworden, standen plötzlich in der Öffentlichkeit. Das auszublenden und sich voll auf Fußball zu konzentrieren, ist eigentlich unmöglich.

Haben sich die Frauen vielleicht auch zu sicher gefühlt?

Ohlert: Das könnte auch eine Rolle gespielt haben. Eine zu große Selbstsicherheit erschwert es, die letzten zehn bis zwanzig Prozent aus sich herauszukitzeln. Im Viertelfinale hat man gesehen, dass die Japanerinnen einfach mehr wollten, und die Deutschen haben vielleicht auch zu wenig investiert.

Die unglaublichen Zuschauermassen wurden bisher immer positiv bewertet. Könnten sie auch das Gegenteil bewirkt haben?

Ohlert: Vor allem, wenn es auf dem Platz einmal nicht gut läuft, kann das Publikum zur Qual werden. Die Menge reagiert negativ, wenn sie nicht zufrieden ist. Mit Buh-Rufen oder Pfiffen umgehen zu können, das unterscheidet einen Profi von einem Amateur. Und darauf konnten sich die Spielerinnen nicht vorher in der Intensität einstellen. Sie waren mit der Gesamtkonstellation aus Druck, emotionaler Belastung und Öffentlichkeit wahrscheinlich überfordert.

Nach großer Erwartung folgt große Enttäuschung. Wie wirkt sich das jetzt auf das Team aus?

Ohlert: Langfristig wird das wahrscheinlich keine Folgen haben. Wichtig ist, dass eine Aufarbeitung stattfindet und all die Faktoren, die mitverantwortlich am Scheitern sind, auch zur Sprache kommen. Die Macht der Situation ist sehr groß. Wie man darauf reagiert hat, versteht man oft erst hinterher. Kurzfristig sollte sich aber jede selbst die Zeit zur Verarbeitung nehmen. Schade ist, dass man jetzt mit der verpassten Olympiateilnahme auch die Chance auf eine Trotzreaktion und Wiedergutmachung verpasst hat.

Für Birgit Prinz ist das Aus besonders bitter. Was hat sie für Möglichkeiten, das ganze zu verarbeiten?

Ohlert: Für sie ist das super schwer. Ein Karriere-Ende ist sowieso schon eine psychische Belastung und eine Herausforderung an jeden Leistungssportler. Manche Sportpsychologen haben sich deswegen genau auf diesem Umbruch spezialisiert. Auch Birgit Prinz arbeitet mit einer Psychologin zusammen. Für sie ist es wichtig, dass sie sich neue Ziele steckt. Auf der anderen Seite ist sie den anderen Spielerinnen auch einen Schritt voraus, denn sie hat schon vorher kapiert, was mit ihr passiert ist. Als sie in der Pressekonferenz von zu viel Druck gesprochen hat, hat sie sicher auch stellvertretend für das ganze Team gesprochen. Deshalb ist es für mich auch nicht wirklich verständlich, warum Silvia Neid sie nicht noch gebracht hat gegen Japan.

Wird beim neutralen Fußballbeobachter durch das unerwartete Aus jetzt eine Antihaltung begünstigt?

Ohlert: Das glaube ich nicht. Skeptiker des Frauenfußballs werden Skeptiker bleiben, und Freunde bleiben Freunde. Insofern glaube ich nicht, dass sich in der öffentlichen Wahrnehmung viel ändert. Das, was die WM für den Frauenfußball getan hat, war sicher nicht alles für die Katz´.

Zur Person: Dr. Jeannine Ohlert (35) ist geboren und aufgewachsen in Rüsselsheim. 2001 schloss sie ihr Psychologiestudium in Mainz und Saarbrücken ab, unter anderem mit dem Schwerpunkt Sportpsychologie. Seit 2008 arbeitet sie als Psychologin an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ohlert hat selbst zehn Jahre lang auf Verbandsliga-Niveau Fußball gespielt.

Von Julia Hohagen

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