Premiere: Maier-Film über WM-Helden 1990

+
Sepp Maier

Berlin - Beim Fußballfilm-Festival in Berlin können Fans bisher unveröffentliche Szenen vom WM-Triumph 1990 sehen. Die spektakulären Aufnahmen stammen aus der Hand des damaligen Torwarttrainers Sepp Maier.

Ein völlig enthemmter Lothar Matthäus tanzt nackt in der Kabine. Die Muskeln sind angespannt, ein Goldkettchen baumelt um seinen Hals. Doch der Blick des Zuschauers gleitet sofort eine Etage tiefer. Seinen Intimbereich bedeckt der Rekordnationalspieler nicht etwa mit einem Handtuch, sondern mit dem im Fußball heiligen WM-Pokal.

Im Film „We are the Champions“ stecken noch viel mehr „Perlen“ wie diese Szene von der Kabinen-Party im Stadio Olimpico nach dem Finalsieg 1990. Bislang unveröffentlichte Bilder von den WM-Helden - authentisch, ungeschminkt und direkt. Zu verdanken haben die Fans diese spektakulären Einblicke Sepp Maier.

Für das Fußballfilm-Festival „11mm“ öffnet der damalige Torwarttrainer sein Privatarchiv mit Aufnahmen aus dem fünfwöchigen WM-Abenteuer, das er mit seiner eigenen Kamera vor knapp 22 Jahren festgehalten hat. Am Freitag findet im Berliner Kino Babylon die Weltpremiere der Dokumentation statt, die so ganz anders ist als der begleitende Film zur Heim-WM 2006.

Fußball: Die größten WM-Sensationen seit 1990

Die größten WM-Sensationen seit 1990

„Das ist das wahre Sommermärchen. So weit wie ich ist der Sönke Wortmann nie gekommen. Wie auch? Bei ihm wussten die Spieler, dass jedes Bild am Ende vielleicht den Weg ins Kino finden würde“, sagte Maier dem Fußball-Magazin 11 Freunde. Bei ihm hätten sie dagegen keine Hemmungen gehabt, manche seien vor der Kamera erst so richtig aufgeblüht. Wie zum Beispiel Pierre Littbarski. „Dem brauchtest du nur sagen: 'Litti, mach mal Faxen!' - und los gings“, verrät Maier.

Deutlich zurückhaltener feiert im Film ein damals noch schlanker Bundeskanzler Helmut Kohl mit der Mannschaft in der Kabine. Sein zaghaftes Zuprosten mit einem Plastikbecher geht im ganzen Trubel unter. „Die Stimmung war schon so ausgelassen, dass es keiner mehr richtig mitbekam“, erklärte Maier.

Politiker und Funktionäre sind den Weltmeistern in der Stunde des Triumphes egal. Im Film ist zu sehen, wie Berti Vogts mit den Augen rollt, als der damalige Delegationsleiter und spätere DFB-Präsident Egidius Braun ihn für seine Verdienste lobt. Die Spieler wollen lieber feiern und Siegerzigarren rauchen. Maier: „Einige pafften wie die Pennäler.“

Tabuzonen gab es für Maier keine. Bei zu nackten Tatsachen blendet er kleine Mini-Pokale über die Region, die die Jugendschutzbehörde auf den Plan rufen könnte. Nur einmal traute Maier sich nicht, den roten Rekord-Knopf zu drücken. Nach dem schwachen 1:0-Viertelfinalsieg gegen Tschechien platzte dem sonst so smarten Teamchef Franz Beckenbauer der Kragen, „er schmiss Schuhkoffer und Getränkedosen durch die Gegend“, erinnert sich Maier. Ihn juckte es im Finger, aber „wenn ich da gefilmt hätte, er hätte mir die Kamera aus der Hand geschlagen.“

Beckenbauers legendärer Solo-Spaziergang auf dem Rasen nach dem 1:0-Finalsieg gegen Argentinien ist natürlich auch Bestandteil des Films, doch interessanter ist der Kamera-Schwenk auf die Ersatzbank Sekunden vor dem Abpfiff. Zittern, zetern, bangen, brüllen - und dann verschmelzt alles in einem einzigen Urschrei.

Genau wegen dieser Momente hat Maier damals zur Kamera gegriffen. „Einfach mal draufhalten“ - das sei sein Plan gewesen. Herausgekommen ist eine Art Videotagebuch, das näher an einer Mannschaft nicht sein kann. An einer Mannschaft, die eine ganze Fußball-Generation geprägt hat.

Der Film wurde bislang nur auf einer DFB-Weihnachtsfeier vorgeführt. Am Ende „forderten die Spieler Zugabe“, wie Maier nicht ohne Stolz betont. Den meisten Fans bleibt das Werk aber wohl verwehrt. Eine Kinoversion oder eine DVD ist erstmal nicht geplant.

Beinahe wäre es auch gar nicht zum Film gekommen. Beim Autorkorso in Frankfurt/Main wurde Maier die Kameratasche gestohlen. Nach einem öffentlichen Aufruf durch den DFB erhielt der Weltmeister von 1974 einen Anruf mit der Bitte, „in einem zwielichtigen Restaurant am Frankfurter Bahnhof“ zu erscheinen. „Dort sagte der Wirt zu mir: Dein Kontaktmann ist nicht da, aber die Bänder haben wir“, sagt Maier. Er legte 1000 Mark auf den Tresen und verschwand mit dem kostbaren Filmmaterial.

Kommentare