Ein Jahr vor Olympia: Londons sportlicher K.o.

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Die Polizisten in London sind im Dauereinsatz

London - Wegen der sich ausbreitenden Krawalle in England ist das Länderspiel zwischen dem Fußball-Mutterland und den Niederlanden abgesagt worden - ein Jahr vor den Olympischen Spielen in London.

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Wenige Kilometer entfernt von der Kathedrale des englischen Fußballs steigen dicke, schwarze Rauchwolken auf. Das Lager eines japanischen Elektronikkonzerns im Stadtteil Enfield brennt lichterloh. Tarun Laghate blickt auf seine Tankstelle im Wembley Park Drive und atmet auf. „Ich bin glücklich, dass das Länderspiel abgesagt wurde, es handelte sich um eine ernsthafte Bedrohung“, sagt er. Der Fußball hat vor den Krawallen kapituliert, die Three Lions treten am Mittwoch nicht gegen die Niederlande an - ein Jahr vor den Olympischen Spielen in London ein Schock für den englischen Sport.

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„Diese Krawalle sind verrückt. Warum tun Leute das ihrem Land, ihrer Stadt an? Hört bitte auf damit“, twitterte Fußball-Star Wayne Rooney verzweifelt - doch die meist jugendlichen Randalierer erhörten ihn nicht. Längst haben sich die Ausschreitungen vom Londoner Stadtteil Tottenham aus über das ganze Land verbreitet. Auch in Birmingham, Liverpool und Bristol brennen die Straßen, Premierminister David Cameron hat den nationalen Sicherheitsrat einberufen. An Sport ist an den Brennpunkten derzeit nicht zu denken.

Am Dienstag wurden vier für den Abend geplante Spiele der ersten Runde im Ligapokal abgesagt. Die Spiele in London von West Ham United gegen Aldershot Town, Charlton Athletic gegen den FC Reading und Crystal Palace gegen Crawley Town wurden auf Anraten der Polizei ebenso auf einen unbestimmten Zeitpunkt verlegt wie die Begegnung von Bristol City mit Swindon Town. Das Cricket-Duell zwischen England und Indien (ab Mittwoch) in Birmingham sollte stattfinden.

In London benötigte die Polizei derweil alle Kräfte, um die Randalierer im Zaum zu halten. „Die Sicherheit unserer Spieler und Fans konnten sie deshalb nicht garantieren“, sagte der niederländische Fußball-Verbandspräsident Bert van Oostveen. Adrian Bevington, ein Vertreter des englischen Verbands, nannte die Absage „vernünftig“.

Auch die Spieler zeigten Verständnis. Der frühere Hamburger Rafael van der Vaart fand es zwar „sehr schade“, dass die Begegnung abgesagt wurde, ergänzte aber: „Es ist schrecklich für London, was dort passiert.“ Und der englische Vize-Kapitän Rio Ferdinand schrieb ebenfalls bei Twitter von einer „weisen Entscheidung“. Er schob die rhetorische Frage nach: „Wer will schon ein Fußball-Spiel sehen, wenn unser Land in Aufruhr ist?“

Für den englischen Sport stellt sich nun jedoch die Frage, wer angesichts der „apokalyptischen Bilder“ (ein deutscher Korrespondent) noch zu Olympischen Spielen (27. Juli bis 12. August 2012) nach London reisen möchte. Laut Darryl Seibel, Mediendirektor der British Olympic Association (BOA), beeinträchtigen die Krawalle die Vorbereitungen auf die Spiele jedoch nicht. „Sie machen die Olympischen und Paralympischen Spiele sogar noch wichtiger. Welche Stadt wäre denn besser geeignet als London?“, sagte er dem TV-Sender Sky Sports.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) betonte, die Spiele betreffend keine Bedenken zu haben. „Das ist etwas für die Behörden in London, in die wir vollstes Vertrauen haben“, sagte ein Sprecher. An der Themse finden in dieser Woche einige Testwettbewerbe für 2012 statt, darunter auch die Badminton-WM in unmittelbarer Nähe zum Wembley-Stadion. Außerdem treffen sich die „Chefs de Missions“ aller nationalen Olympischen Komitees zu einem Austausch. Laut der Organisatoren ist weder das Treffen noch einer der Testwettbewerbe gefährdet.

„Das hat mit Olympia nichts zu tun“, sagte Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), über die Krawalle dem SID. Auch Vesper ist derzeit in London. „Es sind furchtbare Bilder, die wir da sehen“, sagte er über die brennenden Häuser im Fernsehen, „und wir verurteilen das aufs Schärfste. Aber das beeinträchtigt nicht die Sicherheit der Spiele.“ Da ist sich Großbritanniens Leichtathletik-Star Paula Radcliffe jedoch nicht so sicher: „In weniger als einem Jahr wollen wir die Welt in London willkommen heißen, im Moment will die Welt aber nicht zu uns kommen.

Die olympischen Sportstätten haben die Ausschreitungen bisher unbeschadet überstanden. Tottenham Hotspur, der Premier-League-Klub, der inmitten des Brennpunkts der Krawalle beheimatet ist, musste dagegen Beschädigungen an und in seiner Ticket-Verkaufsstelle hinnehmen. Das Auftaktspiel zur neuen Saison am Samstag gegen den FC Everton soll jedoch wie geplant stattfinden. Der Sport - nicht die Randale - soll dann wieder im Fokus stehen.

sid

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