Polen vor EM: Vorfreude, Baustellen und ein Skandal

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Das EM-Stadion in Posen

Warschau - Ein Korruptionsskandal überschattet die EM-Vorbereitung der Polen. Auch wird noch an vielen Baustellen gearbeitet - doch die Freude auf das sportliche Großereignis überwiegt.

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Von den Zuschauerplätzen des neuen Warschauer Nationalstadions hat man einen guten Blick auf die Baustelle im Inneren des Stadionrunds. Bauarbeiter in neongelben Westen steuern Bulldozer, verlegen Kabel und Leitungen. Der grüne Rasen, auf dem im kommenden Juni das Eröffnungsspiel der Fußball-Europameisterschaft angepfiffen ist, fehlt noch. In den VIP-Logen riecht es nach frischer Farbe. Dennoch: Es wurden in den vergangenen Wochen Fortschritte erzielt , und die EM-Planer sind optimistisch, dass das Stadion, das schon im Sommer übergeben werden sollte, noch fertig ist.

“Noch ist nichts perfekt, aber es sind schon Veränderungen sichtbar“, sagt Marcin Herra vom polnischen EM-Organisationskomitee. Die EM-Auslosung am Freitag in Kiew ist auch in Polen ein großes Thema. Die Veranstaltung beim EM-Partner Ukraine wird in einem Saal des Kulturpalastes, dessen stalinistischer Baustil Symbol der Vergangenheit ist, live übertragen. Die EM, das ist die Zukunft, und Polen will sich als modernes, gastfreundliches Land präsentieren. Eventuelle Organisationsprobleme werden durch Improvisation und Herzlichkeit ausgeglichen.

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Auch viele der teilnehmenden Teams wollen lieber in Polen statt in der benachbarten Ukraine ihr EM-Quartier aufschlagen. Die deutsche Mannschaft hat sich als eine der ersten entschieden und wird in Danzig (Gdansk) Ostseeluft schnuppern, ebenso wie die Schweden im benachbarten Gdingen (Gdynia). Das niederländische Oranje-Team wird sich während der EM in der südpolnischen Königsstadt Krakau niederlassen, mit der auch die Italiener und Engländer liebäugeln. Ausgerechnet das polnische Team ist noch auf Quartiersuche.

Derzeit trübt einmal mehr ein Korruptionsskandal im polnischen Fußballverband PZPN die Vorfreude der polnischen Fans. In der vergangenen Woche präsentierte die erst Anfang des Monats ernannte neue Sportministerin Joanna Mucha Filmaufnahmen, die den Behörden zugespielt worden waren. Auf den mit versteckter Kamera gedrehten Aufnahmen soll es um illegale Preisabsprachen beim Bau des neuen Verbandsgebäudes gehen, auch PZPN-Präsident Grzegorz Lato soll zu sehen sein.

Für Mittwoch war eine Dringlichkeitssitzung der Verbandsspitze angesetzt, auf der es um die Zukunft von PZPN-Generalsekretär Zdislaw Krecina gehen soll. Mucha selbst sagte, sie würde es begrüßen, wenn alle auf den Bildern zu sehenden und in den Fall verwickelten Personen zurücktreten. “Aber ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird“, sagte sie.

Nachdem es bereits in der Vergangenheit mehrere Korruptionsskandale im PZPN gab, haben viele Fans und Politiker die Nase voll. Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski sprach sich vor wenigen Tagen sogar für eine Auflösung des PZPN und einen völlig neuen Verband aus, mit dem noch vor der EM ein Neuanfang gemacht werden kann.

Der ehemalige Nationaltorwart und Kaczynski-Parteifreund Jan Tomaszewski ist über die Skandalserie so empört, dass er bereits die Abberufung Latos fordert: “Es kann doch nicht sein, dass eine Affäre auf die andere folgt und Korruption schon fast normal ist.“ Der Parlamentsabgeordnete will deshalb sogar lieber den Deutschen als den Polen die Daumen drücken - mit Lukas Podolski und Miroslaw Klose spielten dort ja auch gebürtige Polen.

Angesichts der vielen Baustellen in der EM-Vorbereitung rechnet Tomaszewski nicht mehr mit einem pünktlichen und vollständigem Abschluss. Doch immerhin: “Drei Dinge werden für die EM bereit sein: Die Stadien, die Flughäfen und die Herzen der Polen.“

dpa

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