Italien-Star tönt

Pirlo: "Deutsche haben Angst vor uns"

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Andrea Pirlo

Warschau/Rom - Das Fußballfieber steigt in Italien. Hunderttausende dürften den Klassiker gegen Deutschland beim Public Viewing verfolgen. Vor allem der Optimismus des Andrea Pirlo feuert bereits Millionen Tifosi an.

Andrea Pirlo dichtet dem DFB-Team „Angst“ an, doch Verletzungssorgen lassen vor allem Italien zittern. 2186 Tage nach dem glorreichen Sieg der Squadra Azzurra bei der WM 2006 in Deutschland ist der „Pilgervater“ Cesare Prandelli bei der Neuauflage des Halbfinal-Thrillers gegen den Lieblingsgegner mehr denn je als Taktikfuchs gefragt. Erste Verschleißerscheinungen im EM-Team der Azzurri bereiten dem Coach Sorgen - doch „Iceman“ Pirlo bleibt ganz cool.

„Man sollte im Fußball nicht von Revanche sprechen“, sagte der geniale Stratege, „das wird einfach ein würdiges Halbfinale.“ Eine Spitze gegen den Gegner konnte aber auch er sich nicht verkneifen. Angesichts der italienischen Traumserie und keiner einzigen Niederlage in sieben Spielen gegen den dreimaligen Weltmeister bei großen Turnieren meint Pirlo: „Deutschland hat sicher Angst vor uns. ` Deutschlands `bestia nera“, wie der Angstgegner auf italienisch heißt, fletscht also die Zähne.

Allerdings könnte Prandelli zu einschneidenden Veränderungen gezwungen sein. Seinen ersten Rechtsverteidiger Ignazio Abate plagen muskuläre Beschwerden im Oberschenkel, Ersatz Christian Maggio ist gesperrt. Innenverteidiger Giorgio Chiellini, der beim Viertelfinalsieg im Elfmeterschießen gegen England wegen einer Oberschenkelverletzung gefehlt hat, läuft die Zeit davon. Die Gazzetta dello Sport schreibt nicht von ungefähr: „Prandelli hofft auf das Wunder Chiellini.“

Selbst die Option, wie in den ersten beiden Gruppenspielen mit einer Dreierkette um Daniele De Rossi aufzulaufen, könnte hinfällig werden. De Rossi, neben Pirlo, Kapitän Gianluigi Buffon und Andrea Barzagli der letzte Weltmeister von 2006 im Team, ist ebenfalls angeschlagen.

Der Respekt vor der deutschen Mannschaft, vor allem aber vor der Offensive, ist riesengroß. „Wir müssen die Momente nutzen, in denen Deutschland schwächer sein wird. Jede Mannschaft hat solche Phasen“, sagte Prandelli: „Aber sie sind stark, mit ihrem Regisseur Özil. Wenn wir gewinnen wollen, müssen wir noch kreativer werden.“

Auch Pirlo hebt seinen Spielmacher-Kollegen hervor. „Deutschland hat viele Top-Spieler, aber ich denke Özil ist sehr wichtig, genau wie für Real Madrid“, sagte der 33-Jährige: „Fest steht: Deutschland ist vor allem offensiv eine größere Bedrohung für uns als England.“ Dem Viertelfinale hatte Pirlo mit seinem frech-genialen Lupfer im Elfmeterschießen einen ganz besonderen Stempel aufgedrückt.

Problematisch, aber nicht dramatisch sehen der Mann für die besonderen Momente und auch Prandelli die Tatsache, dass die DFB-Elf nach dem Viertelfinale gegen Griechenland zwei Tage mehr Pause hat. „Das ist eine lange Zeit“, sagte Pirlo und forderte genau wie sein Coach für künftige EM-Endrunden eine Entzerrung des Spielplans.

Prandelli ist verantwortlich für das, was Bundestrainer Joachim Löw voller Respekt „das neue Italien“ nennt. Der 54-Jährige prägt einen frischen, offensiven Jugendstil und setzt sich damit von Generationen seiner Vorgänger ab. Er selbst schätzt Werte wie Höflichkeit, Zurückhaltung und Demut.

Nach dem Spiel gegen England pilgerte er bereits zum zweiten Mal während der EM zu Fuß zum 20 Kilometer entfernten Kloster Bielany, das von Mönchen des toskanischen Camaldolesi-Ordens geführt wird. Start war morgens früh um vier, direkt nach der Rückkehr aus Kiew.

Lange nach Sonnenaufgang traf die Gruppe - auch seine Assisten waren mitgegangen - wieder im Teamhotel Turowka in Wieliczka ein. Wenige Stunden später saß Prandelli in Krakau in der Casa Azzurri und berichtete den Journalisten mit leuchtenden Augen über das legendäre Viertelfinale zwischen Italien und Deutschland bei der WM 1970 in Mexiko. „Ich erinnere mich, dass ich das Spiel mit meinem Vater am Fernseher gesehen habe. Das war das aufregendste, was ich jemals erlebt habe“, sagte Prandelli.

Damals unterlag die DFB-Elf mit 3:4 nach Verlängerung. Gianni Rivera, vor 42 Jahren der Schütze des entscheidenden Treffers, will, dass sich Geschichte wiederholt: „Wir haben uns oft gegen Deutschland durchgesetzt. Ein Sieg am Donnerstag wäre keine Überraschung. Und warum nicht wieder ein 4:3?“

sid

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