DFB-Elf und Oranje auf Kuschelkurs

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Die Nationalelf will auch beim Testspiel gegen die Niederlande wieder jubeln.

Hamburg - Das Testspiel der DFB-Elf gegen die Niederlande steht an. Statt verhärteter Fronten sind die Mannschaften auf Kuschelkurs. Nur einer ist für verbale Streicheleinheiten nicht zu haben.

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Mark van Bommel ist noch vom alten Schlag. Den Kuschelkurs, den zahlreiche Vertreter der Fußball-Nationen Deutschland und Niederlande vor der 38. Auflage des Duells am Dienstag in Hamburg verfolgen, mag der Kapitän des Vize-Weltmeisters nicht einschlagen.

„Freundschaftsspiele gibt es heute nicht mehr“, sagt van Bommel, „schon gar nicht gegen Deutschland“. Der zuletzt grundsätzlich gestiegene gegenseitige Respekt und der andauernde Austausch von Nettigkeiten auf breiter Front kann aber eines nicht verschleiern: Im Kern hat van Bommel recht.

Gegner-Trikots, die als Klopapier missbraucht wurden, Spuckattacken, Demütigungen bei Abschiedsspielen - die Rivalität zwischen den beiden Nachbarn ist ohne Zweifel außergewöhnlich. Der sportliche Ursprung allen Übels liegt in der bittersten Niederlage, die Oranje jemals hat hinnehmen müssen. Das 1:2 im WM-Finale 1974 gegen Gastgeber Deutschland nagt bis heute an der holländischen Seele, weil die Elftal nicht wie 2010 in Südafrika gegen Spanien (0: 1 n.V.) als Außenseiter ins Endspiel ging, sondern die Elf um Johan Cruyff die unbestritten beste ihrer Zeit war.

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Eine andere, fast vergessene Episode um den genialen Strategen Cruyff dokumentiert vielleicht am besten die enorme Rivalität zwischen beiden Ländern, obwohl die Nationalmannschaften nicht betroffen waren. Am 7. November 1978 wollte sich Cruyff im Trikot von Ajax Amsterdam eigentlich in Freundschaft mit Bayern München messen, um standesgemäß seinen Abschied von der internationalen Fußball-Bühne zu begehen. Angetrieben vom Ehrgeiz, den ungeliebten Gegner zu blamieren, führten die Bayern den Traditionsklub im Amsterdamer Olympiastadion vor - Endstand: 0:8.

Vor allem aber die Duelle zwischen den A-Teams beider Länder sind bis heute Höhepunkte, wenn auch die Zeit viele Wunden geheilt und dem Duell einen guten Teil Brisanz genommen hat. Schon lange lehnt sich niemand mehr aus dem Fenster, um den Nachbarn zu verunglimpfen, auch diesmal nicht. „Die Rivalität zwischen Holland und Deutschland ist nicht mehr so groß wie früher“, sagt Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff: „In den 80ern war das ja fast Krieg.“

Zum Beispiel 1988: 14 Jahre nach München nahm Holland Rache und gewann in Hamburg das EM-Halbfinale gegen den Gastgeber 2:1. Aber vor allem das Nachspiel brachte die deutsche Volksseele zum Kochen. Nach dem Abpfiff putzte sich Ronald Koeman mit dem Trikot von Olaf Thon demonstrativ den Allerwertesten ab. Der schussgewaltige Defensivspieler wurde damit zum Idol für diejenigen unter seinen Landsleuten, die die Deutschen vor allem als Besatzer des Vaterlandes zwischen 1941 und 1945 ansehen.

Nicht vergessen, aber vergeben - dieses Motto scheinen mittlerweile viele Niederländer zu verfolgen. „Für mich ist das Spiel gegen Deutschland nicht mehr beladen. Meine Generation denkt anders über die Deutschen als die ältere. Die WM 2006 hat den Ruf Deutschlands in den Niederlanden erheblich verbessert“, sagt Abwehrchef Joris Mathijsen, der auch gerne an seine Zeit beim Hamburger SV zurückdenkt: „Ich habe die echten Deutschen kennengelernt. Es sind sehr freundliche und höfliche Menschen.“

Derartige Einschätzungen wären noch vor 20 Jahren undenkbar gewesen. Bei der WM 1990 in Italien vergaß Frank Rijkaard seine gute Kinderstube und bespuckte Rudi Völler während des WM-Achtelfinals in Mailand gleich zweimal. Völler sah zwar ebenso die Rote Karte wie Rijkaard, doch nach der besten Leistung von Jürgen Klinsmann im DFB-Trikot gewann Deutschland 2:1 und nahm damit eine hohe Hürde auf dem Weg zum dritten WM-Titel.

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Ein Jahr zuvor war ein Versuch der beiden Verbände DFB und KNVB, die Wogen zu glätten, grandios fehlgeschlagen. Das WM-Qualifikationsspiel in Rotterdam (1:1) sollte zum „Fan-Freundschaftsspiel“ werden. Durch den Aufruf wohl noch angestachelt, schlugen sich Hooligans stundenlang die Köpfe ein. Heute scheint die Rivalität in den Fan-Szenen noch das letzte bisschen Problempotenzial zu bergen.

Insgesamt 37-mal standen sich beide Länder gegenüber, 13 Spiele gewann Deutschland, 10 Oranje. Auf den 14. Sieg wartet das DFB-Team seit mehr als 15 Jahren. Nach dem 1:0 am 24. April 1996 in Rotterdam gab es zwei Niederlagen und drei Unentschieden. Ob die deutsche Mannschaft den Kuschelkurs verlassen muss, um mal wieder zu gewinnen, wird sich am Dienstag in Hamburg zeigen.

Der deutsche Bundestrainewr Joachim Löw hat den deutschen Fans zum Abschluss des erfolgreichen Länderspieljahres nochmals ein Offensiv-Festival versprochen. Beim Freundschaftsspiel an diesem Dienstag in Hamburg gegen den WM-Zweiten Niederlande soll Mesut Özil in zentraler Position von Beginn an die Fäden ziehen. “Wir wollen taktisch unsere offensiven Möglichkeiten ins Spiel bringen“, kündigte Löw vor seinem 75. Spiel als Bundestrainer an. Außerdem soll nach dem missglückten Experiment gegen die Ukraine die bewährte Viererkette in der Abwehr wieder zum Einsatz kommen.

Ob der aktuelle deutsche Top-Torjäger Miroslav Klose nach seiner Knieverletzung in die Startelf zurückkehrt, wollte Löw erst nach dem Abschlusstraining am Montag entscheiden. Noch muss geklärt werden, ob Kloses Belastbarkeit wieder hundertprozentig hergestellt ist. Der 33-jährige Angreifer von Lazio Rom hatte wegen einer Sehnenentzündung schon die vergangenen drei Länderspiele verpasst. Zum Jahresabschluss möchte Löw trotz der Brisanz im Nachbarschaftsduell auch etwas Rücksicht auf die hohen Belastungen einiger Nationalspieler nehmen. “Wir wollen das Spiel gewinnen. Das Ergebnis ist aber vielleicht nicht das Allerwichtigste“, sagte Löw.

sid/dpa

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