Eskalationen: Bundesliga sicherer als ihr Ruf

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Bengalische Feuer, wilde Prügeleien, Hooligan-Attacken: Die jüngsten Fan-Krawalle in der Bundesliga gaben zu denken. 

Köln - Fan-Krawalle haben ein schlechtes Bild auf die Bundesliga geworfen und die Diskussionen über die Sicherheit wieder befeuert. Dabei sollen Stadionbesuche heute nicht gefährlicher sein als vor zehn Jahren.

Die Kölner Polizei ist für Sonntag gewappnet. Nachdem vor einer Woche vor dem Bundesligaspiel von Hannover 96 gegen den 1. FC Köln 107 Hooligans und anscheinend gewaltbereite Ultras der Geißböcke rechtzeitig aus dem Verkehr gezogen wurden, sind die Sicherheitskräfte vor dem Duell zwischen dem FC und Borussia Dortmund in höchster Alarmbereitschaft.

„Die Kollegen beziehen immer die aktuellen Ereignisse in ihre Planungen mit ein und entscheiden dann, wie sie am besten vorgehen und ob lieber eine Einheit mehr als eine weniger eingesetzt wird“, sagte Hans-Jörg Sommerfeld, Pressesprecher des Landesamtes für Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD), dem Sport-Informations-Dienst (SID). Dies gilt natürlich auch für die Polizei in Mönchengladbach, der schon jetzt wegen des Derbys zwischen der Borussia und dem 1. FC Köln am 15. April Schweißperlen auf der Stirn stehen.

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Das Duell der Erzrivalen hat nach der Fanbus-Attacke noch einmal eine neue Brisanz bekommen und wurde vorsichtshalber von der Deutschen Fußball Liga (DFL) auf einen Sonntag verlegt, was offensichtlich aber keine deeskalierende Wirkung hat. In diversen Internetforen werden Szenarien angedroht, die mit Fußball nichts zu tun haben und das Schlimmste befürchten lassen.

„Es wäre fahrlässig, wenn wir neueste Erkenntnisse nicht auswerten würden“, sagte der Gladbacher Polizeisprecher Willy Theveßen. Diskutiert werden zurzeit ein Alkoholverbot in der Borussia-Arena, abschreckende Hubschraubereinsätze oder Wasserwerfer-Anforderungen. „Das ist bei solchen Derbys normal“, berichtete Sommerfeld, der es aber für einen „unglücklichen Zufall“ hält, dass im März einige brutale Fan-Übergriffe für negative Schlagzeilen sorgten.

Dem pflichtete auch der neue DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert bei. „Ich würde nicht von einer neuen Dimension der Gewalt sprechen. Jagdszenen hat es auch schon vor 20 Jahren gegeben. Wir haben hier Einzelfälle, die in ihrer Art und Weise erschreckend sind“, sagte Große Lefert dem SID.

Innerhalb kürzester Zeit hatten Kölner „Hools“ einen Reisebus mit Borussia-Fans auf der A 3 angegriffen, Hooligans des Zweitligisten Hansa Rostock Anhänger von Eintracht Frankfurt überfallen, Lauterer Rowdys Jagd auf Mainzer Fans gemacht. Für Sommerfeld sind die Vorfälle aber nicht exemplarisch. „Die Gewalt ist auf einem hohen, zu hohen Niveau“, sagte er in seiner Eigenschaft als Sprecher der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS), „die Gewaltbereitschaft ist im Gegensatz zu früher aber nicht gestiegen.“

Dies belegen auch die Zahlen aus dem ZIS-Jahresbericht. Zwar hat die Anzahl der Verletzten (846) bei Ausschreitungen im Profifußball in der vergangenen Saison einen Höchststand erreicht, auch die Anzahl der Stadionverbote ist um zwei Prozent von 963 auf 983 gestiegen - bei allen anderen erhobenen Werten sind die Zahlen aber rückläufig. Die Einsatzstunden der Polizei verringerten sich um 11, 2 Prozent. Zudem wurden in der vergangenen Saison weitaus weniger Strafverfahren eingeleitet (minus 3,7 Prozent), auch die freiheitsentziehenden Maßnahmen (minus 10,6) gingen deutlich zurück.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) wertet die Entwicklung insgesamt positiv, ist über die jüngsten Übergriffe aber ebenfalls befremdet und unterstützt wie der Deutsche Fußball-Bund (DFB) einen Runden Tisch, den Schalke-Boss Clemens Tönnies unter Einbeziehung aller Klubs gefordert hat.

Die Fanvertreter befürchten, dass sie bei diesen Elefantenrunden wieder einmal außen vor sein werden. „Die Ereignisse und Reaktionen verursachen bei uns heftige Bauchschmerzen. Wir distanzieren uns von Gewalt und Diskriminierung“, sagte Mathias Scheurer, Sprecher der Interessengemeinschaft Unsere Kurve, die mehr als 300.000 Fußballfans vertritt: „Wir stellen jedoch fest, dass bei der Betrachtung der Vorfälle viel zu wenig differenziert wird, und was viel schlimmer ist: Zum wiederholten Mal fehlt bei den eilig einberufenen Gesprächsrunden derjenige am Tisch, um den es eigentlich geht - der Fußballfan.“

sid

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