Nach Blamagen: Klubs auf Erklärungssuche

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Nürnberg-Coach Dieter Hecking

Berlin - So viele Bundesliga-Blamagen in der ersten Pokalrunde gab es seit 25 Jahren nicht mehr. Kurz vor dem Liga-Auftakt ist in manchen Clubs bereits Krisenmanagement gefordert.

Katerstimmung statt Euphorie, blanke Nerven statt Vorfreude: Nachdem ein Drittel der Bundesliga-Klubs schon in der ersten Runde des DFB-Pokals ein historisches Debakel erlebte, hat bei den sechs gescheiterten Vereinen das Zittern vor einem Katastrophenstart auch in der am Freitag beginnenden deutschen Eliteliga eingesetzt.

Der Hamburger SV, Werder Bremen, 1899 Hoffenheim, FC Nürnberg sowie die Aufsteiger SpVgg Greuther Fürth und Eintracht Frankfurt stehen schon extrem unter Druck, bevor die 50. Bundesliga-Saison überhaupt begonnen hat. Zudem fehlen besonders den Nordklubs HSV und Werder nach ihren sensationellen Pleiten eingeplante Millionen-Einnahmen zur Verstärkung ihres schwächelndes Personals.

Bei den Pokalsiegern von 2009 aus Bremen scheint der fast sichere Wechsel von Stürmer Joseph Akpala nach dem 2:4 (2:2, 1:0) nach Verlängerung beim Drittligisten Preußen Münster wohl zu platzen. „Wir waren auf einem guten Weg. Aber finanziell haben wir nun eine völlig neue Situation, denn wir haben mit der zweiten Runde gerechnet“, sagte Geschäftsführer Klaus Allofs über den nigerianischen Nationalstürmer vom FC Brügge, der den harmlosen Grün-Weißen wohl noch gut zu Gesicht gestanden hätte: „Aber diese Mittel sind nun nicht mehr da. Wir müssen schauen, ob wir das noch realisieren können.“

Auch den HSV trifft das frühe Aus im Pokal beim Drittligisten Karlsruher SC (2:4) nicht nur sportlich empfindlich. Ein kreativer Mittelfeldspieler soll noch her - doch eigentlich ist dafür kein Geld da.

Im Pokal hatte der HSV mit dem Erreichen der dritten Runde kalkuliert. Das Minus wird auf rund 1,4 Millionen Euro beziffert. Auch deshalb hält sich Trainer Thorsten Fink bei der Forderung nach Verstärkungen noch zurück: „Ich fordere weiterhin gar nichts ein. Ich werde mich in den nächsten Tagen mit unserem Sportchef austauschen und alles Weitere besprechen. Klar ist, dass wir zusammen eine Entscheidung fällen werden.“

Während Fink auf eine Wutrede verzichtete und am Tag nach der Blamage um Ruhe bemüht war, konnten Allofs („Riesen-Enttäuschung“) und besonders Nürnbergs Trainer Dieter Hecking ihre Fassungslosigkeit nicht verbergen. „Große Sorgen macht mir die gefährliche Körpersprache mancher meiner Spieler. Das hat mir überhaupt nicht gefallen“, sagte Hecking nach dem 2:3 (2:2, 1:1) nach Verlängerung gegen die viertklassigen Amateure des TSV Havelse.

Und Hanno Balitsch versprühte vor dem Bundesliga-Duell beim ebenfalls am Stock gehenden HSV wenig Optimismus: „Wir haben drei Tore bekommen, immer auf die fast gleiche Art und Weise. Da muss man schon einmal über unser Abwehrverhalten reden.“

Auch in Frankfurt bereitet Trainer Armin Veh die Defensive Kopfzerbrechen - ansonsten blieb er am Tag nach dem bitteren 0:3 bei Zweitligist zumindest äußerlich gelassen. Und verblüffte mit einer sehr ungewöhnlichen Analyse. „Man muss Mannschaften, die verlieren, nicht immer Vorwürfe machen“, sagte Veh gelassen: „Den einzigen Vorwurf, den man machen kann, ist, dass wir uns bei der Roten Karte und den Gegentoren ziemlich dämlich angestellt haben.“

Sein Team habe alles versucht, meinte der Coach. Nur die Abwehr stand gegen Aue so offen wie ein Scheunentor. „Hinten dürfen wir uns keine groben Fehler leisten“, sagte Fink und hofft für die Partie gegen Bayer Leverkusen auf den Einsatz von Neuzugang Carlos Zambrano in der löchrigen Innenverteidigung. In Aue schmorte der Ex-Profi des FC St. Pauli noch 90 Minuten auf der Bank, gegen die Werkself soll sich das ändern. „Er wird sicher nicht voll eingespielt sein, aber er wird im Normalfall zum Einsatz kommen“, sagte Veh.

Alles andere als normal ist die Fußball-Welt gerade in Berlin. Während die Profis des Vorzeigeklubs Hertha BSC nach dem 1:2 beim Regionalligisten Wormatia Worms von der Boulevarblättern der Hauptstadt als „Flaschen“ und „Schlaffis“ verspottet werden, fliegen dem Viertligisten Berliner AK 07 die Sympathien entgegen.

Der 1907 gegründete Klub konnte zumindest für kurze Zeit aus dem Schatten von Hertha und Union Berlin treten. Nun hofft man, dass sich die Euphorie nach dem sensationellen 4:0 gegen 1899 Hoffenheim auch auf die Zuschauerzahlen in den Heimspielen im altehrwürdigen Poststadion niederschlägt. „Es war schon etwas enttäuschend, dass gegen Hoffenheim nur etwa 1500 Fans gekommen sind“, sagte Klubchef Ali Han.

sid

DFB-Pokal-Sensationen seit 1990

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