"Die Zeit ist reif"

Michael Ballack beendet seine Karriere

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Michael Ballack verabschiedet sich von seinen Fans

Berlin - Michael Ballack hat seine aktive Karriere beendet. Das teilte der 36 Jahre alte ehemalige Kapitän der deutschen Nationalmannschaft am Dienstag über seinen Anwalt mit.

Der „Capitano“ ist endgültig Geschichte: Ohne großes Aufsehen und nicht ganz unerwartet hat Michael Ballack seine aktive Karriere beendet. „Mit 36 Jahren blicke ich auf eine lange und wunderbare Zeit im Profifußball zurück, von der ich als Kind nie zu träumen gewagt hätte“, erklärte der langjährige Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft am Dienstag. „Auf dem Platz strahlte er immer eine große Dominanz aus, für den Erfolg hat er alles getan“, würdigte Bundestrainer Joachim Löw seinen Ex-Kapitän und zeigte sich erneut versöhnlich. Das Verhältnis der beiden galt mit dem unwürdigen Auswahl-Ende Ballacks als zerrüttet.

Der 4:1-Sieg gegen den 1. FC Nürnberg am 5. Mai dieses Jahres mit Bayer Leverkusen war das letzte seiner 267 Bundesliga-Spiele. Still hat sich der einstige Chef nun verabschiedet - mit einer Erklärung über seinen Anwalt. „Es war ein Privileg, mit erstklassigen Trainern und fantastischen Mitspielern zusammenzuarbeiten. Sicher wird es mir fehlen, nicht mehr vor 80 000 Fans zu spielen oder ein Tor zu schießen“, sagte der Sachse zu seinen 17 turbulenten Profi-Jahren. Einen schleichenden Abschied in der Zweitklassigkeit, in den USA, Katar oder China, wollte er nicht mehr.

In den vergangenen Monaten hatte es immer wieder Gerüchte über die Fortsetzung seiner illustren Karriere im Ausland gegeben. Zuletzt war ein Wechsel nach Australien im Gespräch. „Die letzten Monate ohne aktiven Fußball haben mir aber gezeigt, dass die Zeit reif ist aufzuhören“, sagte Ballack. „Ich freue mich jetzt auf ein neues Kapitel in meinem Leben und danke meiner Familie und all den großartigen Menschen, die mich gefördert, gefordert, begleitet und unterstützt haben. Sie alle haben großen Anteil an meinem Erfolg.“

Für DFB-Präsident Wolfgang Niersbach bleibt Ballack ein „außergewöhnlicher Spieler, der für den DFB und den Stellenwert des gesamten deutschen Fußballs enorm viel geleistet hat“. Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff, mit dem Ballack noch zusammen in der DFB-Elf gespielt hatte, sieht für den ehrgeizigen und oft auch unbequemen Fußballer nun „auch neue Chancen“.

Über die Stationen Chemnitzer FC, den 1. FC Kaiserslautern und Bayer Leverkusen stieg Ballack zu einem Superstar des deutschen Fußballs auf. Nach seiner Meisterschaft mit Kaiserslautern wurde er während seiner Zeit bei Bayern München noch dreimal deutscher Meister und dreimal Pokalsieger. Mit dem FC Chelsea gewann er zudem den englischen Titel, verpasste aber im Champions League-Finale 2008 erneut den ganz großen Wurf. 2002 hatte er bereits mit Leverkusen ein Endspiel in der Königsklasse, damals gegen Real Madrid, verloren. Seine Rückkehr 2010 in die Bundesliga zu Leverkusen wurde nach zahlreichen Verletzungsproblemen zu einem großen Missverständnis.

In der Nationalmannschaft war er viele Jahre der unumstrittene „Big Boss“. Ballack bestritt 98 Länderspiele, wurde Vize-Weltmeister 2002, Vize-Europameister 2008 und WM-Dritter 2006. Von 2004 bis zum unrühmlichen Ende seiner Auswahl-Karriere war er Kapitän der DFB-Elf. Am 3. März 2010 absolvierte Ballack beim 0:1 gegen Argentinien sein letztes Länderspiel. „Ich hoffe, dass Michael dem deutschen Fußball erhalten bleibt - als Manager oder Trainer. Das traue ich ihm zu“, unterstrich der ehemalige Bundestrainer Berti Vogts.

Die WM 2010 hatte Ballack wegen einer schweren Fußverletzung nach einem Foul von Kevin-Prince Boateng verpasst. Danach war er von Löw nicht mehr berücksichtigt worden. „Auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren, sind wir uns stets mit gegenseitiger Wertschätzung begegnet, wie es sich unter Sportlern gehört“, meinte Bierhoff in der Stunde des endgültigen Abschieds.

„Das Einzige, was ich hätte machen können, wäre vielleicht konsequenter zu mir gewesen zu sein und eher zurückzutreten“, hatte der gebürtige Görlitzer zu seinem unfreiwilligen Abschied im DFB-Team gesagt. Das vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) angebotene Abschiedsspiel im Sommer 2011 hatte er ausgeschlagen. Es seien „beide Seiten nicht ganz unschuldig“, an der damaligen Situation gewesen, so Ballack vor ein paar Monaten.

Seit seinem Bundesliga-Abschied hat sich der ehemalige Spielmacher mit seinen beruflichen Plänen zurückgehalten. Während der EM in Polen und der Ukraine sammelte er als Experte des US-Sportsenders ESPN erste journalistische Erfahrungen. „Er war einer der Größten, die der deutsche Fußball je hervorgebracht hat“, würdigte Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke den ehemaligen „Capitano“ und fügte an: „Ich ziehe meinen Hut vor ihm und finde es gut, dass er jetzt aufgehört hat und nicht noch drei Jahre irgendwo in der Provinz drangehängt hat.“

Vogts sieht es genauso: „Ich glaube, er hat erkannt, dass er nicht mehr für einen großen Club spielen kann. Sein Karriereende ist richtig. Was soll er in Australien?“ Auch Verbandsboss Niersbach wünscht sich ein Comeback von Ballack auf anderer Ebene: „Es wäre schön, wenn Michael mit seiner großen Erfahrung dem Fußball erhalten bleibt, in welcher Funktion auch immer.“

dpa

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Ballack, Lahm und die ehrenwerten Herren: Alle deutschen WM-Kapitäne

Die Rücktrittserklärung von Michael Ballack

„Mit 36 Jahren blicke ich auf eine lange und wunderbare Zeit im Profifußball zurück, von der ich als Kind nie zu träumen gewagt hätte. Es war ein Privileg, mit erstklassigen Trainern und fantastischen Mitspielern zusammenzuarbeiten. Sicher wird es mir fehlen, nicht mehr vor 80 000 Fans zu spielen oder ein Tor zu schießen. Die letzten Monate ohne aktiven Fußball haben mir aber gezeigt, dass die Zeit reif ist, aufzuhören. Ich freue mich jetzt auf ein neues Kapitel in meinem Leben und danke meiner Familie und all den großartigen Menschen, die mich gefördert, gefordert, begleitet und unterstützt haben. Sie alle haben großen Anteil an meinem Erfolg.“

dpa

Porträt: Ballacks Achterbahn-Karriere

Viele Tore und manch ein Titel, vor allem aber Tränen und Tragik - die Karriere von Michael Ballack bleibt trotz großer Momente die Geschichte eines ewig Unvollendeten. Die Krönung, der ersehnte WM- oder EM-Titel oder der Silberpokal der Champions League, blieb dem langjährigen Kapitän versagt. Ein Jahrzehnt lang prägte er in 98 Länderspielen die Fußball-Nationalmannschaft, in der Bundesliga war kaum ein Mittelfeldakteur seiner Zeit torgefährlicher. Am Dienstag beendete der ehemalige „Capitano“ seine aktive Karriere.

Die Zeit war reif, räumte der gebürtige Görlitzer ein - dabei hatte der bittere Abschied auf Raten schon im Mai 2010 begonnen. Ein brutaler Tritt von Gegenspieler Kevin-Prince Boateng im englischen Pokalfinale beendete Ballacks Traum von einer dritten WM-Teilnahme. Mit finsterer Miene und tiefen Ringen unter den Augen stand er damals im Münchner Marienhof vor der Praxis von DFB-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Ballacks Innenband und ein Teil des vorderen Syndesmosebandes im Sprunggelenk des rechten Fußes waren zerstört.

„Ich bin sauer, ganz klar“, stammelte Ballack nach der für ihn „schlimmsten Diagnose“ der Karriere. Auf Krücken humpelte er davon - und ohne den für unersetzbar gehaltenen Anführer, der am 28. April 1999 gegen Schottland (0:1) im Nationalteam debütiert hatte, spielte sich die junge deutsche Mannschaft angeführt von Ersatzkapitän Philipp Lahm beim WM-Turnier in Südafrika in die Herzen der Fans.

Joachim Löws Auswahl und letztlich auch der Bundesliga-Fußball hatten sich von Ballack emanzipiert - dabei hatte er ihm an nationalen Ehren nie gemangelt. Als 21-Jähriger wurde er 1998 mit Aufsteiger 1. FC Kaiserslautern unter Trainer Otto Rehhagel erstmals deutscher Meister. Es folgten drei weitere Meistertitel und drei DFB-Pokalsiege mit dem FC Bayern München.

Den Wechsel zum FC Chelsea nach England begründete er 2006 mit dem unbedingten Willen, die Champions League gewinnen zu wollen. 2002 war er mit Bayer Leverkusen erst im Finale gescheitert. Doch ausgerechnet mit Chelsea wurde es noch dramatischer: Ein Pfostentreffer von John Terry im Elfmeterschießen verwährte Ballack den Silberpokal - näher dran an einem internationalen Titel war der Sachse nie. Ballack weinte im strömenden Moskauer Regen wie ein kleiner Junge.

„Glück ist eine andere Bezeichnung für Willensstärke“, nannte der DFB-Leitwolf einmal sein Credo. Dass ihm selbst das Pech anhaftet, konterkariert das eigene Motto. Denn an Einsatz ließ es der 42-malige Torschütze in der Nationalmannschaft, der als Kind Altpapier und Flaschen sammelte, um sein Taschengeld aufzubessern, nie mangeln.

Sein mit Gelb bestraftes Not-Foul im WM-Halbfinale gegen Südkorea (1:0) kurz vor seinem Siegtreffer war Startschuss einer schmerzhaften Historie. Im Endspiel gegen Brasilien (0:2) fehlte Ballack gesperrt. Zuvor hatte er mit Bayer Leverkusen das Vize-Triple in Meisterschaft, Pokal und dem verlorenen Champions-League-Finale gegen Real Madrid hingelegt - doch es blieben ja im Frühsommer einer damals hoffnungsvollen Karriere noch viele Chancen.

Ballacks Final-Trauma sollte sich jedoch fortsetzen. Bei der Heim-WM 2006 wurde der Einzug ins Sommermärchen-Endspiel gegen Italien (0:2 n.V.) in letzter Sekunde verspielt. 2008 bei der EM war Spanien (0:1) im Endspiel übermächtig und Ballack so gefrustet, dass er sich noch auf dem Rasen zu einem verbalen Disput mit Teammanager Oliver Bierhoff hinreißen ließ.

dpa

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