Rangnick tritt auf Schalke zurück - "Ein Schock"

Gelsenkirchen - Erschöpft, ausgebrannt, kraftlos - Trainer Ralf Rangnick hat beim FC Schalke 04 überraschend seinen Rücktritt erklärt und den Bundesligisten in einen Schockzustand versetzt.

Als das Feuer in Ralf Rangnick erloschen war, zog der nimmermüde Trainer selbst die Notbremse - und versetzte Schalke 04 einen Schock. Wegen eines Erschöpfungssyndroms trat der 53-Jährige beim DFB-Pokal-Sieger am Donnerstag mit sofortiger Wirkung zurück und hinterließ ratlose Königsblaue. „Das zieht uns den Boden unter den Füßen weg, denn es war nicht erkennbar“, sagte Manager Horst Heldt, zollte dem Coach aber „Hochachtung“.

Rangnick, der am Mittwochabend nach einem Gespräch mit seiner Familie schweren Herzens die Entscheidung gefällt und die Schalker Verantwortlichen informiert hatte, ließ mitteilen: „Nach langer und reiflicher Überlegung bin ich zum Entschluss gekommen, dass ich eine Pause brauche.“ Sein Energielevel reiche nicht aus, um erfolgreich zu sein und Mannschaft und Verein sportlich voranzubringen.

Rangnick, bekannt als akribischer Arbeiter ohne Feierabend, war erst am 17. März als Nachfolger des entlassenen Felix Magath auf den Schalker Trainerposten zurückgekehrt. In den vergangenen zwei Wochen klagte er verstärkt über Schlafmangel, Ruhelosigkeit und wenig Appetit, berichtete Mannschaftsarzt Dr. Thorsten Rarreck. „Er hat gemerkt: Jetzt geht es nicht mehr“, sagte der Mediziner und lobte den Coach: „Es ist ganz stark von ihm. Ich kenne viele, die in einer solchen Situation einfach meinen, sie müssten weitermachen.

Offenbar rächte sich jetzt, dass Rangnick nach seinem Ausstieg bei 1899 Hoffenheim nicht wie geplant eine halbjährige Auszeit nahm. „Er hatte dort fünf Jahre einen Mörderjob“, sagte Rarreck, „wenn er vier, fünf Monate Pause mehr gehabt hätte, wäre es vielleicht nicht passiert.“

Rangnicks Plan zerschlug sich, als Schalke einen Nachfolger für den mit einem großen Knall gefeuerten Magath suchte. Er sprang bei seinem „Herzensklub“ sofort ein, führte die Mannschaft ins Halbfinale der Champions League, zum Triumph im DFB-Pokal und nicht zuletzt zum Klassenerhalt in der Bundesliga. Ein Kraftakt, der anscheinend tiefe Spuren hinterlassen hat.

„Ein Bayern-Trainer hat mal gesagt: Flasche leer! Das ist wirklich so“, sagte Rarreck, der die Behandlung Rangnicks weiter koordinieren will. „Es kann mehrere Monate dauern, bis die Reserven wieder voll sind. Die Zeit muss jetzt die Wunden heilen.“ Anders als Depressionen sei ein Burnout reversibel. „In einem Jahr wird Ralf Rangnick wieder die Kraft haben wie vor fünf Jahren.“ Auch Rangnicks Berater Oliver Mintzlaff prophezeite: „Er wird wieder auf die Bundesliga-Bühne zurückkehren.“

Weil der Rücktritt des stets energiegeladenen Trainers die Schalker laut Aufsichtsratschef Clemens Tönnies „wie ein Blitz“ traf, haben sie sich noch keine Gedanken über einen Nachfolger machen können. Beim nächsten Bundesliga-Spiel am Samstag (15.30 Uhr/Sky und Liga total!) gegen den SC Freiburg sitzt Co-Trainer Seppo Eichkorn („Das war für mich total überraschend, ein regelrechter Schock. So etwas habe ich noch nie erlebt“) auf der Bank. Im Breisgau will die Mannschaft laut Christoph Metzelder „gegen Freiburg gewinnen, und der Sieg soll zeigen, dass er die Handschrift von Ralf Rangnick trägt. Ja, man kann sagen, dass wir auch für ihn spielen.“ Danach soll, so Heldt, „möglichst in Kürze ein neuer Cheftrainer präsentiert werden“.

Der Neue soll Rangnicks Arbeit fortsetzen. Der hatte begonnen, auf Schalke den Umbruch einzuleiten - die Mannschaft wurde umgebaut, verjüngt und stark verschlankt, da Magath den Kader mit fragwürdigen Transfers aufgebläht hatte. „Wir haben am Donnerstag sowieso eine turnusmäßige Aufsichtsratssitzung, da wird die Trainerfrage natürlich Thema Nummer eins sein. Wir müssen die beste Lösung finden und nicht die schnellste“, sagte Tönnies Sport1.

Zuletzt hatte der Fall Markus Miller für Aufsehen gesorgt: Der Torhüter von Hannover hatte sich wegen „mentaler Erschöpfung“ in psychologische Behandlung begeben. Der Klub knüpfte direkt eine Verbindung zum Fall Robert Enke, dem Nationaltorhüter, der sich 2009 wegen schwerer Depressionen das Leben genommen hatte.

DFB-Präsident Theo Zwanziger sieht den offenen Umgang Rangnicks mit dem Burnout als Lehre aus dem Fall Enke. „Vielleicht hat sich die Situation im harten Profigeschäft Fußball aufgrund der vielen Diskussionen nach dem tragischen Tod von Robert Enke ja doch ein klein wenig verändert“, sagte er der Bild-Zeitung und wünschte Rangnick eine „möglichst baldige Genesung“. Er habe „großen Respekt vor seiner Entscheidung und der Tatsache, dass er mit seiner Erkrankung öffentlich umgeht“.

dpa/SID

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