Van Marwijk weg - Kommt van Gaal?

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Kandidat bei Oranje: Louis van Gaal

Amsterdam - Der Rücktritt von Bert van Marwijk hat den niederländischen Fußball zehn Tage nach dem peinlichen EM-Aus kalt erwischt. Nun wird über Louis van Gaal spekuliert.

EM-Blamage, Spieler-Intrigen, anonyme Denunzianten - und nun auch noch eine schwierige Trainersuche. Für die Niederlande ist die Aufarbeitung des Desasters bei der Fußball-EM durch den Rücktritt von Bondscoach Bert van Marwijk endgültig zur Schmierenkomödie geraten.

Namhafte Kandidaten auf die Nachfolge des Ex-Trainers von Borussia Dortmund winkten binnen Stunden bereits dankend ab. Van Marwijk hatte am Mittwoch trotz eines bis 2016 laufenden Vertrages offenbar aus Verärgerung über mangelnden Rückhalt im nationalen Verband KNVB für personelle Konsequenzen nach dem EM-Aus die Brocken hingeschmissen. Statt mit einer mutmaßlich „goldenen Generation“ 24 Jahre nach dem bislang einzigen Titelgewinn wieder den EM-Gipfel zu erklimmen, steht „Oranje“ vor einem Scherbenhaufen - und vor einer schmerzhaften, offenkundig aber unvermeidlichen Zäsur.

„Van Marwijk hat seine Ehre bewahrt“, kommentierte die Zeitung De Telegraaf in Anspielung auf die Eskapaden der „fliegenden Holländer“ bei der EM mit Respekt. Ungeachtet aller Kritik war die Demission des 60-Jährigen unerwartet gekommen. Auch das Konkurrenzblatt Trouw sah die internen Querelen, in deren Mittelpunkt Bundesliga-Torschützenkönig Klaas-Jan Huntelaar und der frühere Bundesliga-Star Rafael van der Vaart („Ich will zum Rücktritt nicht viel sagen. Ich habe viel einstecken müssen und darauf auch nicht reagiert“) stehen sollen, als Auslöser für den Abschied des Coaches an: „Van Marwijk wurde von den veränderten Beziehungen innerhalb der Spieler-Gruppe förmlich überfallen. Ein anderer Ausweg war nicht möglich.“

Umso schwieriger dürfte deswegen ein neuer Trainer für die Aufgabe beim abgestürzten EM-Mitfavoriten zu erwärmen sein. Der KNVB teilte mit, sich nicht unter Zeitdruck setzen zu lassen. „Ich habe keine Idee“, sagte Inter Mailands Star Wesley Sneijder dem TV-Sender NOS vollkommen ratlos, „wer Nachfolger werden könnte.“

Ronald Koeman vom Vize-Meister Feyenoord Rotterdam wird es jedenfalls nicht. „Ich bleibe hier und werde nicht Bondscoach“, sagte der in der Öffentlichkeit favorisierte Europameister von 1988 entschieden. Auch Frank de Boer von Meister Ajax Amsterdam, bis 2010 van Marwijks Assistent, lehnte einen Wechsel ab.

Sein Zwillingsbruder Ronald de Boer, als Nachwuchstrainer bei Ajax tätig, rückte den „ewigen Kandidaten“ Co Adriaanse (in der Winterpause bei Twente Enschede entlassen) in den Fokus: „Er wäre meine Wahl“, sagte der frühere Nationalspieler.

Allerdings machte de Boer auch aus seinen Sympathien für Louis van Gaal, der nach der Verhinderung seines Ajax-Comebacks als Generaldirektor derzeit beschäftigungslos ist, kein Hehl: „Van Gaal kann es natürlich auch. Ich gönne ihm eine zweite Chance bei Oranje.

Im ersten Anlauf hatte Bayern Münchens bislang letzter Meister-Trainer mit den Niederländern die WM-Endrunde 2002 in Südkorea und Japan verpasst.

Van Gaal, der die erneute Betreuung eines Nationalteams schon als Bayern-Trainer als Wunschjob zum Ausklang seiner Karriere bezeichnet hatte, wäre von den infrage kommenden Kandidaten als einziger auch sofort verfügbar. Die früheren Bondscoaches Dick Advocaat (nach seinem Rücktritt als Russlands Nationaltrainer neuer Trainer bei PSV Eindhoven), Guus Hiddink (seit Februar beim russischen Emporkömmling Anschi Machatschkala unter Vertrag) und Frank Rijkaard (saudi-arabischer Nationaltrainer) sind nicht frei, und der frühere Weltfußballer Marco van Basten dürfte auch nur wenig Lust auf die Nachfolge seines Nachfolgers verspüren.

Zumal einige Aufräumarbeiten anstehen. Medienberichten zufolge soll van Marwijk, der mit seiner Entscheidung sogar seinen vor Wochenfrist als Elftal-Kapitän zurückgetretenen Schwiegersohn Mark van Bommel überraschte (`Emotional bin ich nicht in der Lage, auf diese Nachricht zu reagieren“), in zwei Krisengesprächen mit der KNVB-Spitze Planungen ohne die angeblichen „Störenfriede“ Huntelaar und van der Vaart, „Spion“ John Heitinga sowie vier weitere EM-Versager vorgelegt haben. Offenbar verweigerte der Verband seinem Trainer die Zustimmung und provozierte damit dessen schmucklosen Abgang.

sid

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