BVB im Freudentaumel

Malaga-Protest? Watzke: "Lächerlich"

+
Hans-Joachim Watzke

Dortmund - Borussia Dortmund hat seine Fans in einen unbeschreiblichen Freudentaumel gestürzt. Auch ein möglicher Protest des FC Malaga trübt das nicht - Hans-Joachim Watzke hält diesen für ausgeschlossen.

Die Explosion der Emotionen erschütterte das Stadion in seinen Grundfesten. Auf dem Rasen türmte sich ein schwarz-gelbes Spielerknäuel, Trainer Jürgen Klopp spurtete scheinbar ziellos über den Rasen und umarmte jeden, der seinen Weg kreuzte. „Oh, wie ist das schön“, sangen die Fans ohrenbetäubend noch lange nach dem Abpfiff und sorgten für Gänsehaut pur, als die neuen Europacup-Helden von Borussia Dortmund, begleitet von Standing Ovations, ihre Ehrenrunde liefen.

Der Versuch, das gerade Erlebte in Worte zu fassen, scheiterte bei den Beteiligten selbst eine Stunde nach dem Abpfiff kläglich. „Das ist unbeschreiblich, unfassbar. Ich bin fix und fertig. Das war bisher der emotionalste Moment überhaupt“, sagte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke nach dem 3:2 (1:1) der weiterhin unbesiegten Borussen über den FC Malaga und dem ersten Einzug ins Halbfinale der Champions League seit 15 Jahren.

Es war das 100. Tor der Westfalen in der Königsklasse durch Felipe Santana (90.+2) und das zweite nach dem Treffer von Marco Reus (90.+1) innerhalb von 69 Sekunden in der Nachspielzeit, das die Fußball-Welt in Dortmund aus den Angeln hob. Denn zwischen Depression und Emotionen langen nur fünf Minuten, zumal Eliseu (87. ) Malaga mit dem 2:1 quasi schon in die Runde der letzten vier geschossen hatte.

„Wir waren alle kurz vor dem Herzinfarkt. Wir sind irgendwohin losgerannt und waren nicht aufzuhalten. Das ist Wahnsinn. Ich werde dieses Spiel nie vergessen“, äußerte ein von einer dramatischen Schlussphase gezeichnete Trainer Jürgen Klopp und konnte sein Glück kaum fassen. „Ich glaube, dieses Spiel wird seinen Platz in der BVB-Historie erhalten“, sagte Sportdirektor Michael Zorc, sprach von einem „Fußball-Wunder“ und legte nach: „So etwas erlebt man eben nicht oft.“

Das Gefühlschaos bei allen Beteiligten und den 65.829 Zuschauern im ausverkauften Dortmunder Tollhaus hatte vielerlei Gründe. Es war nicht nur das späte Rückstand, nachdem wohl niemand mehr einen Pfifferling für den BVB gegeben hätte, es war auch das schlechteste Champions-League-Spiel der Westfalen, das kaum noch Hoffnung machte. „Ich habe nicht mehr daran geglaubt. Mir sind die vergebenen Chancen vom 0:0 aus dem Hinspiel schon durch den Kopf gegangen“, meinte Nationalspieler Ilkay Gündogan: „Und dann so etwas.“

"Eine Borussia zum Verrücktwerden": Pressestimmen zum BVB-Coup

"Eine Borussia zum Verrücktwerden": Pressestimmen zum BVB-Coup

Die Borussen waren sich des Glücks, das sie in den Kreis der vier besten Mannschaft Europas - oder sogar der Welt - katapultierte, vollends bewusst. Zumal Tor Nummer drei, als Santana den Ball über die Linie stocherte, aus klarer Abseitsposition entstand und speziell bei den frustrierten Spaniern eine Schiedsrichter-Diskussion bis hin zu schwersten Vorwürfen („Rassismus“) durch Klub-Präsident Abdullah ben Nasser Al-Thani auslöste.

Malaga wollte laut Marca bei der Europäischen Fußball-Union (UEFA) offiziell Einspruch gegen die Spielwertung einlegen. Das sei „lächerlich“ betonte BVB-Boss Watzke bei Sky, denn wenn man das Spiel bei allem Verständnis für die Enttäuschung der Spanier objektiv betrachte, werde man schnell feststellen, dass das zweite Tor von Malaga auch abseits war.

„Ich habe die Verantwortlichen von Malaga als sehr fair erlebt. Ich halte einen Protest für ausgeschlossen“, sagte Watzke bei Sky Sport News HD: „Wir sind verdient weitergekommen. Auch, wenn es am Ende sehr glücklich war.“

„Wir hätten heute rausfliegen können. Wir haben bislang nicht wahnsinnig oft Glück gebraucht, und wenn doch, haben wir es nicht gehabt und dann verloren. Heute haben wir gewonnen, und uns den Sieg erarbeitet, und auch das ist aller Ehren wert“, resümierte Klopp, „beide Spiele gesehen, sind wir verdient weitergekommen.“

In der Schlussphase entpuppte sich Klopps Notlösung als geniale Idee. Er schickte den kopfballstarken Innenverteidiger Santana in die offensive wechselte Mats Hummels und Nuri Sahin („Wir wollen den Pokal“) ein, die einen hohen Ball nach dem anderen in der Strafraum der Spanier schickten. Was daraus entstand, bezeichnete Neven Subotic als „Hollywood in Dortmund“.

Santana: 300 Anrufe auf dem Handy

Matchwinner „Tele“ Santana musste nach der ausgelassenen Kabinen-Party zigfach jene Szene zum Siegtor schildern. „Ich wusste, das ist dein Ball. Gott sei Dank habe ich ihn gemacht“, meinte der Brasilianer inmitten der Journalistenschar.

Nach der grandiosen vergangenen Saison mit dem krönenden Pokalsieg gegen Bayern München hätte Santana wechseln können - entschied sich aber zu einer Vertragsverlängerung bis 2014. Dem Vernehmen nach beinhaltet sein Vertrag seither eine Klausel, den Verein bei einem Angebot im Sommer für die geringe Ablösesumme von rund einer Millionen Euro verlassen zu können.

Daran verschwendet er aber offenbar noch keine Gedanken. Das ist angesichts solcher Erlebnisse wie gegen Malaga kein Wunder. „Es kam bei uns alles zusammen: Kampf, Glück und Qualität - eine gute Mischung. Und ich bin glücklich, dass Felipe das Tor gemacht hat“, sagte Santana, dem man abnimmt, dass er trotz seiner Hauptrolle als Bankspieler Riesenspaß beim BVB hat. Überhaupt scheint dem gläubigen Christen, der unter dem Trikot stets ein Unterhemd mit Bibelspruch trägt, das Leben in Deutschland zu gefallen. Sein Deutsch ist mittlerweile sehr gut, viele Freunde habe er auch gewonnen.

„300 Anrufe“ hatte er noch im Stadion von der Familie aus Brasilien auf seinem Handy, die er aber zunächst unbeantwortet ließ. Santana genoss die Momente nach dem denkwürdigen Spiel. Eines wird für ihn aber auf Dauer nicht denkbar sein: Dass er wegen seines Torriechers zum Stürmer umschult. Santana: „Nein, das überlasse ich Marco, Mario oder Lewi. Die können das besser als ich.“

Der Traum vom großen Coup lebt bei Santana und den BVB-Fans weiter. Auf der „Road to Wembley“, zum Endspiel am 25. Mai in London, ist noch eine Hürde im Halbfinale (23./24. April und 30. April//1. Mai) zu überwinden - und die wird besonders hoch sein. Gespannt schauen die Borussen zur Auslosung am Freitag (12.00 Uhr) - und freuen sich über weitere Millionen-Einnahmen.

sid/dpa

Kommentare