Bundestrainer mit Rundumschlag

Löw außer sich: Wutrede und Babbel-Konter

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Joachim Löw hatte einiges loszuwerden

Frankfurt/Main - Joachim Löw hat am Montag zu einem Rundumschlag ausgeholt. Besonders deutlich wird er gegen Hoffenheim-Coach Markus Babbel. Aber auch die Kritiker bekommen ihr Fett weg.

Joachim Löw pustete noch einmal durch, gönnte sich einen Schluck Wasser und legte dann los wie noch nie in seiner sechsjährigen Amtszeit. In einer 28-minütigen Brandrede rechnete der Bundestrainer 46 Tage nach dem bitteren EM-Halbfinal-Aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Warschau gegen Italien (1:2) mit den Kritikern der DFB-Auswahl ab. „Es gab viel sportliche Kritik, welche ich in aller Demut annehme und versuche, daraus Lehren zu ziehen. Teile der Kritik halte ich für nicht zielführend und ermüden mich. Ich bin es leid, dass man das, was vorher alles gut war, als Beleg dafür nimmt, warum es nicht klappt. Das trifft mich“, sagte der 52-Jährige mit lauter Stimme und scharfem Ton gleich zu Beginn seines Monologes.

Vor dem ersten Saison-Länderspiel der DFB-Auswahl am Mittwoch in Frankfurt/Main gegen Argentinien (20.45 Uhr/ZDF) stellte der Bundestrainer klar, dass ihm vor allem die Leitwolfdebatte und die Diskussion um eine Hymnenpflicht nicht gefallen haben. Auch der Vorwurf, die Nationalspieler seien zu verwöhnt, sei haltlos. Dass zum dritten Mal unter seiner Regie die Jagd nach einem großen Titel ins Leere lief, habe nichts damit zu tun, dass es keine echte Typen mehr in der Mannschaft gebe, betonte Löw. „Wir haben keine flachen Hierarchien. Die Spieler sind dem Führungsanspruch voll und ganz gerecht geworden. Mit diesem Führungsstil haben wir in den letzen Jahren fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger oder Miroslav Klose haben stets das gemacht, was ich von ihnen verlangt habe. Andere Mannschaften mit ihren klassischen Führungsspielern sind lange vor uns nach Hause gefahren“, sagte Löw und fragte dann in die Runde: „Glauben Sie, dass Millionen von Menschen vor den Fernsehern und beim Public Viewing sitzen, wenn auf dem Platz keine Siegertypen stehen würden?“

Noch bedenklicher findet der Bundestrainer aber die von einigen Politikern und auch von DFB-Ehrenpräsident Gerhard Mayer-Vorfelder neu entfachte Diskussion um den Hymnenzwang. „Ich halte es für fatal, den Spieler unterschwellig den Vorwurf zu machen, dass sie, wenn sie die Nationalhymne nicht singen, keine guten Deutschen sind. Die Hymne zu singen ist schön, aber es ist noch lange kein Beleg für Qualität und schon gar kein Beweis für eine Unlust zu kämpfen. Alle Spieler identifizieren sich mit dem Trikot, mit der Nationalmannschaft und mit Deutschland“, betonte Löw.

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Dem Vorwurf, die Nationalspieler seien zu verwöhnt, entgegnete Löw mit einem Vergleich zum Welt- und Europameister: „Auch die Spanier haben einen Koch, fahren nicht immer mit dem Bus und haben andere Voraussetzungen geschaffen“, sagte er: „Wir erwarten eine Top-Performance und müssen die perfekten Voraussetzungen bieten. Die Spieler haben alles dafür getan, um erfolgreich zu sein.“

Scharfer Konter gegen Babbel

Joachim Löw hat die Kritik von Hoffenheim-Trainer Markus Babbel nach der Nicht-Nominierung von Torwart Tim Wiese zurückgewiesen. „Wie, wann und wo wir das machen, ist unsere Entscheidung. Das kann niemand anders“, sagte Löw am Montag in Frankfurt/Main: „Und ich finde, das ist ein bisschen eine Respektlosigkeit von Markus Babbel gegenüber Andreas Köpke und Hansi Flick, wenn er solche Dinge von sich gibt.“

Torwarttrainer Köpke sei in „allen sportlichen Fragen“ der erste Ansprechpartner für die Torhüter. „Niemand hat gesagt, dass es ein Ausschluss für alle Zeiten ist“, sagte Löw: „Das hätte selbstverständlich ich übernehmen müssen.“ Zusammen mit Co-Trainer Flick hatte Köpke dem 30-Jährigen Wiese die Entscheidung in der vergangenen Woche in Hoffenheim mitgeteilt. Es sei aber eine sportliche Entscheidung gewesen. „Wir wissen, was er kann und wir wissen, dass wir immer auf ihn zurückgreifen können“, sagte der 52-Jährige.

Babbel hatte sich am Samstag in der Bild-Zeitung zu Wort gemeldet und die Ausbootung seines Torhüters aus der Nationalmannschaft scharf kritisiert. „Die Art und Weise, wie man Tim behandelt hat, ist nicht okay. Ich erwarte, dass der Cheftrainer so etwas selbst sagt und nicht seinen Assistenten schickt. Als Chef muss man auch unangenehme Gespräche führen“, hatte Babbel gesagt. Auch der Ort des Treffens von Köpke, Flick und Wiese außerhalb des Trainingsgeländes der Hoffenheimer war bei Babbel auf Unverständnis gestoßen.

Nach der Absage von Stammkeeper Manuel Neuer wurde der 20-jährige Gladbacher Marc-André ter Stegen von Bundestrainer Joachim Löw für den Test gegen Argentinien nachnominiert - anfangen wird am Mittwoch in Frankfurt/Main gegen Lionel Messi & Co. aber erst einmal Ron-Robert Zieler von Hannover 96. „Ob Zieler durchspielt, lassen wir offen“, sagte Löw und machte ter Stegen damit Hoffnung, früher als gedacht nach seinem unglücklichen Länderspiel-Debüt beim 3:5 gegen die Schweiz eine weitere Bewährungschance im DFB-Trikot zu erhalten.

Nach der Ausmusterung von Routinier Tim Wiese (30) gehört Zieler (23) und ter Stegen (20) vorerst die Zukunft - hinter Neuer. Mit dem 26 Jahre alten EM-Keeper plant der Bundestrainer „auch für die kommenden zwei Jahre“ als Nummer 1. Neuer ist gesetzt für die Qualifikationsspiele zur WM 2014 in Brasilien. Dahinter hat Löw einen Konkurrenzkampf der jungen Bundesligatalente eröffnet, mit Zieler und ter Stegen an der Spitze.

Auch den U-21-Auswahlkeepern Oliver Baumann (22) vom SC Freiburg und Bernd Leno (20/Bayer Leverkusen) machte er am Montag Hoffnung. „Wir wollen uns die nächsten drei, vier Monate ein Bild machen, wer als Nummer zwei und drei hinter Neuer rückt“, sagte Löw. Der hochgelobte ter Stegen nimmt den Kampf an: „Ich bin fit und heiß“, sagte er nach seiner Nachnominierung. Nach mehr als zwei Monaten hat der 20-Jährige seine schmerzhafte Premiere mit fünf Gegentreffern als positive Erfahrung abgehakt. „Es war mein erstes Länderspiel und eine weitere Station in meinem Leben. Daher war es sehr wichtig für mich“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. „Es gibt solche Spiele, das ist menschlich. Ich nehme es sportlich.“

sid/dpa

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