"Lass das die Dortmunder machen"

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Clemens Tönnies (r.) bei der Geburtstagsfeier von Uli Hoeneß (Mitte) mit Wolfgang Niersbach

Gelsenkirchen - Im Interview spricht Clemens Tönnies nicht nur über seinen FC Schalke 04, sondern auch über die Kräfteverhältnisse im deutschen Fußball. Er sieht die Bayern nicht weit weg von den Königsblauen.

Clemens Tönnies ist der mächtigste Mann beim FC Schalke 04. Seit 2001 ist der 55 Jahre alte Unternehmer Aufsichtsratsvorsitzender des Fußball-Bundesligisten. Die Nachrichtenagentur dpa hat Tönnies in seinem Unternehmen (Tönnies Lebensmittel) in Rheda-Wiedenbrück besucht und mit ihm über seine Ziele und Träume, die sportliche und finanzielle Entwicklung des Clubs sowie das Zukunftskonzept gesprochen. Auch die Vertragsverlängerung mit Raúl war natürlich ein Thema.

Wirkt das unglückliche 0:1 in Enschede noch nach? Die Umstände waren ja besonders ärgerlich mit dem geschenkten Elfmeter für Twente.

Tönnies: Wenn man das auf der Tribüne live erlebt, denkt man: Was passiert da jetzt? Aber ich kann mich eigentlich immer schnell wieder fassen. Und Horst Heldt hat ja seinen Kommentar dazu gegeben, was ich auch für richtig halte. Da spielen Emotionen mit, wir sind keine Maschinen. Wenn jemandem, der so nah dran ist und Verantwortung trägt, dann der Kragen platzt, habe ich dafür Verständnis. Da ging es um die Gemütsverfassung. Gott sei Dank hat mich keiner gefragt.

Noch in der Kabine haben sich Spieler eingeschworen auf das Rückspiel und gesagt: So wollen wir nicht ausscheiden. Ist das Ausdruck eines besonderen Teamgeistes, der inzwischen in der Mannschaft herrscht?

Tönnies: Ich habe den Eindruck, als ob die Truppe in letzter Zeit sowieso besonders zusammengeschweißt ist. Das sieht man beim Torjubel. Was passiert da, wer findet sich? Wenn einer ganz alleine feiert, ist das nie lustig. Das ist eine gute Truppe, wo der eine für den anderen da ist. Deswegen gehen sie auch gemeinsam ans Werk.

Welchen Anteil hat der Trainer an dieser Entwicklung?

Tönnies: Das ist sicherlich sein Verdienst. Ralf Rangnick war ähnlich gestrickt. Wir hatten ja schon zwei Trainer in dieser Saison. Auch das war eine Belastung für die Mannschaft, die sie gut weggesteckt hat. Und Huub hat der Sache intensiv seinen Stempel aufgedrückt.

Hat Huub Stevens sich im Umgang verändert?

Tönnies: Ja, unheimlich. Das habe ich selten gesehen, dass sich jemand, der so in der Öffentlichkeit steht und erfolgreich ist, so öffnet. Er stellt seine eigene Persönlichkeit völlig hinten an und sich enorm in den Dienst der Sache. Es macht richtig Spaß, mit ihm zu arbeiten. Wir wussten ja, dass Huub nach Schalke passt. Ich habe ihm im Gespräch vorher auch genau gesagt, was ich nicht möchte: Huub, wenn ich einen Wunsch habe: Bitte nicht mehr die Null muss stehen und setze die Jugend ein! Denn das ist unsere Zukunft.

Planen Sie mit Stevens über 2013 hinaus?

Tönnies: Wir sind hoch zufrieden mit seiner Arbeit, aber wir denken nicht an die Jahre 2014, 2015 und danach. Ich denke, dass Huub noch gute Jahre hat auf Schalke. Was spricht dagegen, dass er bleibt? Aber wir müssen das nicht jetzt schon in einen neuen Vertrag gießen.

Manager Horst Heldt hat zu Saisonbeginn die Parole ausgegeben, auf Schalke nicht mehr ständig vom Titel zu reden und sich Träumereien hinzugeben. Ist es richtig, etwas defensiver aufzutreten?

Tönnies: Wer träumt nicht von der Schale?

Aber auf Schalke ist der Wunsch extrem...

Tönnies: Ich bin mit dem DFB-Pokal rumgelaufen stolz wie ein Spanier. Die Trophäe ist das eine. Aber die Aufgabe, einen Verein nachhaltig und konsequent zu führen und ihn erfolgreich zu halten, das ist eine viel größere Aufgabe. Natürlich, das hehre Ziel ist immer die Trophäe: Pott oder Schale wären der Traum. Aber daraus einen Zwang zu machen, hat uns nicht weitergebracht. Am schlimmsten ist zu sagen: Jetzt greifen wir die Bayern an. Lass das die Dortmunder machen.

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Der BVB hat in den vergangenen Jahren Unglaubliches geschaffen, ist ein sehr erfolgreiches Zukunftsmodell. Schauen sie neidisch oder anerkennend zum Nachbarn?

Tönnies: Neid macht dumm! Das ist meine Lebenserfahrung. Ich schaue mit Achtung nach Dortmund. Sie waren ganz unten und haben in den letzten Jahren das Allermeiste richtig gemacht. Etwas anderes zu sagen, wäre unfair und unseriös. Das heißt nicht, dass ich mich da bewerben würde. Ich kann nur Schalke!

Sind die Branchenführer Bayern und Dortmund eine Klasse für sich?

Tönnies: Nein, das kann man nicht sagen. Ich glaube, es ist wirklich so, dass in der Liga jeder jeden schlagen kann. Dabei geht es nicht nur um ein Spiel, sondern um die gesamte Ausrichtung. Die sind nicht so weit weg von uns, das sieht man doch auch an der Tabelle.

Schalke liegt gut im Rennen um die Champions-League-Plätze. Wäre es ein Misserfolg, sie am Ende noch zu verpassen?

Tönnies: Für mich persönlich ja. Bei den Finanzen, beim Etatansatz für die nächste Saison haben wir die Champions League nicht eingerechnet. Unser Ziel ist nach der erfreulichen Entwicklung der vergangenen sechs Monate ist Platz drei, akzeptiert auch noch Platz vier. Jetzt muss man dranbleiben.

Europas Königsklasse ist eine riesige Einnahmequelle. Zuletzt wurden die Schulden reduziert. Wie steht Schalke im Moment finanziell da?

Tönnies: Wir sind mit den Verbindlichkeiten weit unter 200 Millionen Euro und in erheblichem Maße dabei, weiter zu konsolidieren. Unser früheres Finanzgebaren haben wir abgelegt. Wir haben unsere Finanzen neu strukturiert und sind sehr konservativ aufgestellt. Ganz solide.

Wie viele der Einnahmen fließen direkt wieder in die Mannschaft?

Tönnies: Wir sind kein Sparverein oder ein Unternehmen, das ausschließlich auf Gewinn ausgerichtet ist. Sondern wir wollen Fußball spielen. Und das mit einem Mix aus vielen eigenen jungen Kräften und dem einen oder anderen, den man sich dann dazu nimmt.

Wenn wir schon über Geld sprechen! Steht die Trennung von Jefferson Farfán schon fest?

Tönnies: Ich möchte mich nicht in Sachen einmischen, die nicht mein Kernthema sind. Alles ist möglich. Die Entscheidung liegt bei Horst Heldt.

Bleibt Raúl ein Schalker?

Tönnies: Wir wollen gerne mit ihm um ein Jahr verlängern. Und wir haben ganz klare Vorstellungen, welcher Rahmen für uns möglich ist. Raúl hat ein gutes Angebot, und jetzt liegt der Ball bei ihm: Er muss sagen, ich bleibe oder ich gehe.

Raúl ist ein Sympathieträger auf Schalke, dessen Leistungen zuletzt aber nicht berauschend waren. Was spricht für einen neuen Vertrag?

Tönnies: Wir hatten zwei tolle Jahre mit ihm. Wenn er den Wunsch hat zu verlängern, warum sollten wir uns nicht mit dem Gedanken beschäftigen?

Aus Dankbarkeit?

Tönnies: Es ist Loyalität. Davon halte ich viel. Schalke ist verlässlich. Jetzt kommt die Phase, in der es bald eine Aussage dazu gibt.

Wie wichtig ist Heldt als Architekt einer neuen Mannschaft?

Tönnies: Horst Heldt hat gezeigt, dass er es kann. Ich habe das vorher gewusst und er hat es voll umfänglich bestätigt. Er ist mit einer hohen sozialen Kompetenz ausgestattet, sehr verlässlich und ein Fußball-Fachmann, wie ich ihn noch nicht gesehen habe. Wir sind miteinander befreundet und können uns aufeinander verlassen. Jeder sagt dem anderen trotzdem seine Meinung.

Der Umbau der Mannschaft ist das eine. Sehen Sie auch einen Imagewandel? Schalke galt lange als Skandal- und Krisenclub. Welche Idealvorstellung haben Sie?

Tönnies: Was ich wünsche ist, dass unsere Fanstruktur so bleibt wie sie ist. Wir brauchen ein verrücktes Stadion und die Fans die wir haben: kein Schickimicki, kein Champagner, sondern Bratwurst, Pils, 'Hörma' und Maloche. Das sind die Dinge, die uns auszeichnen. Wir sind garantiert viel verlässlicher als früher. Damit ist ein hohes Maß an Seriosität verbunden.

Hat Schalke einen Masterplan für die Zukunft? Wohin soll es gehen?

Tönnies: Möglichst nach oben. Wir wollen einen leistungsorientierten Club, der seine Mitglieder mitnimmt und einbindet. Wir haben das tollste Trainingsgelände, das tollste Stadion. Jetzt bauen wir eine Nachwuchsförderung, die die Leute beeindrucken wird. Man muss sich vorstellen: Wir haben inzwischen 108 000 Mitglieder und 6,5 Millionen Sympathisanten in Deutschland, die den Schalke-Virus haben. Das ist ein Kraftpaket, das ist der zweitgrößte deutsche Sportverein. Daraus entwickeln wir unsere Kraft. Und nicht daraus, dass wir uns im Bemühen deutscher Meister zu werden, zusätzlich verschulden. Und dann wünsche ich mir, dass wir irgendwann keine Schulden mehr haben. Wenn ich mal aufhöre, will ich einen kerngesunden Verein hinterlassen.

Wie sehen die sportlichen Ziele aus?

Tönnies: Wir haben schon einmal den UEFA-Cup gewonnen und waren im Halbfinale der Champions League. Da will jeder wieder gerne hin. Natürlich arbeiten wir darauf dahin, aber nicht mit Gewalt, sondern mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen.

Gibt es eine personelle Wunschliste? Kommen weitere Stars?

Tönnies: Wir haben zusammengesessen, und Huub Stevens hat gesagt, dass er wieder einige junge Spieler hat, die er nach oben zu den Profis ziehen will. Neue Stars brauchen wir nicht.

dpa

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