Köln-Krach: Trainer hält Poldis Flucht für möglich 

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Lukas Podolski will seine Kapitänsbinde zurück

Köln - Der Konflikt beim 1. FC Köln um das Kapitänsamt mit der Entmachtung von Nationalspieler Lukas Podolski steht kurz vor der Eskalation. Trainer Solbakken hält sogar eine Flucht für möglich.

Als Folge der Beförderung des brasilianischen Abwehrspielers Pedro Geromel zum neuen Spielführer hält selbst Trainer Stale Solbakken als Folge seiner Maßnahme die Flucht von Podolski für möglich. “Das kann man im Fußball nie ausschließen“, sagte Solbakken der Bild-Zeitung. “Lukas hat noch zwei Jahre Vertrag. Aber wir haben darüber nicht gesprochen. Es waren vier, fünf sehr schwere Tage zuletzt für ihn“, erklärte der Norweger.

Die “K-Frage“ war in in Köln seit zwei Wochen so kontrovers diskutiert worden wie an keinem anderen Bundesliga-Standort. Die Entscheidung, wer als Kapitän zum Spielerchef erkoren wird, haben auch andere Trainer zu treffen, wenn die Mannschaft ihn nicht selbst wählen darf. Doch in Köln war die Aufregung besonders groß, da mit Podolski der wertvollste FC-Profi und erklärte Fan-Liebling involviert war. Nachdem sich Solbakken zu Wochenbeginn für Geromel entschieden hatte, reagierte Podolski offen verstimmt. “Natürlich bin ich enttäuscht, unter anderem über die Art und Weise, wie der Verein in den letzten Wochen mit diesem Thema umgegangen ist. Das hat aus meiner Sicht allen Beteiligten nur geschadet“, teilte er über seine Facebook-Seite mit. “Ich kann die Gründe nicht zu 100 Prozent nachvollziehen, aber ich werde die Entscheidung respektieren und professionell damit umgehen.“

FC-Fans “pro Poldi“

Solbakken hatte dem 89-maligen Nationalspieler am Montag vor versammelter Mannschaft das Amt entzogen. Im Prinzip war es eine Entscheidung, die bei vielen anderen Klubs als normaler Geschäftsverlauf gewertet worden wäre. Doch nicht beim 1. FC Köln, der in der vorigen Saison die entscheidenden Punkte gegen den Abstieg holte, nachdem Podolski von Solbakkens Vorgänger Frank Schaefer das Kapitänsamt übertragen worden hatte. Die Klubführung scheint nicht besonders glücklich zu sein über den Beschluss von Solbakken. Am Tag nach dem Paukenschlag, Podolski wieder zum normalen Teammitglied zu machen, folgte eine schriftliche Erklärung. “Der Vorstand möchte aus gegebenem Anlass nochmals deutlich machen, dass die Entscheidung in der Kapitänsfrage verantwortlich vom Cheftrainer getroffen wurde.“

Mit seiner Verpflichtung besäße der vom FC Kopenhagen geholte Solbakken das Vertrauen, hieß es weiter. Diese Formulierung mutete recht seltsam an, denn es ist eigentlich um Selbstverständlichkeit, dass ein neuer Trainer das Vertrauen genießt. “Auf die aktuelle Entscheidung kann und will der Vorstand keinen Einfluss nehmen. Er wird sich daher auch zu dieser Entscheidung nicht öffentlich äußern“, schloss die Erklärung ab. Übersetzt in Umgangssprache bedeutet dies: Wir wollen nichts damit zu tun haben. Die FC-Fans hatten ihre Sympathie pro “Poldi“ am Samstag beim 1:2 im Test gegen den FC Arsenal klar zum Ausdruck gebracht.

Schwelbrand könnte zum Feuer werden

Den Hintergrund der Debatte bildet die Tatsache, dass Podolski seine besten Leistungen seit seiner Rückkehr vom FC Bayern zeigte, als er zum Kapitän befördert worden war. In der Krise hatte er zuvor eine unerwartet starke Rolle gespielt. Der 25-Jährige war stolz, die Binde tragen zu dürfen bei dem Klub, bei dem er groß wurde. Die Aufwertung sei eine große Ehre für ihn, erklärte er mehrmals. Umgekehrt empfindet er die Degradierung nun als Missachtung. Ob Solbakken wirklich weiß, dass sich durch seine Entscheidung ein Schwelbrand zu einem Feuer entwickeln kann, ist noch unklar. Der Glatzkopf aus Norwegen ist ein Typ mit eigenen Vorstellungen.

Offenbar hatte er eigentlich Sascha Riether, der vom VfL Wolfsburg, dem Auftaktgegner am 8. August, gekommen war, als Kapitän vorgesehen. Doch der 28-Jährige winkte ab, ihm war die Problematik offenbar klar. Dass er die Interna des Klubs noch nicht kennen kann, spielte für Solbakken keine Rolle. “Geromel steht im Zentrum der Mannschaft, er wird als Kapitän die neue Kultur des Teams vorleben und unser sportliches Gesamtkonzept verkörpern“, sagte der Skandinavier. Zu Podolskis Herabstufung meinte er: “Ich kann nachvollziehen, welche Reaktionen diese Entscheidung auslöst, und ich verstehe die einiger Fans.“

Ringen um die Binde wie in der Nationalmannschaft

Das Kölner Beispiel zeigt, dass die Aussage, dass das Kapitänsamt völlig überbewertet wird, oft eine Scheinbehauptung ist. Als Podolski im Winter Youssef Mohamad ablöste, war der Libanese ebenso gekränkt wie Podolski jetzt. Auch in der Nationalmannschaft gab es ein beinhartes Ringen um die Binde, als vor, bei und nach der WM 2010 Philipp Lahm und Michael Ballack das Amt für sich reklamierten. In Köln hat sich der Trainer gegen den international erfolgreichsten Spieler entschieden, weil er wohl auf die taktische Führung auf dem Platz mehr Wert legt. Die Kommunikationsfähigkeit spricht jedenfalls nicht für den Brasilianer Geromel, der sich auf Deutsch kaum verständigen kann. Spötter behaupten, dass könne Podolski auch nicht. Solbakken folgte offenbar auch der inneren Hierarchie des Teams. Die Degradierung des größten FC-Stars könnten ihm die Fans verzeihen, da er mit Geromel einen Kapitän wählte, der beim Anhang ebenfalls eine hohe Wertschätzung genießt.

dapd

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