Voller Einsatz: Klinsi wieder ganz der Alte

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Jürgen Klinsmann zeigte bei seinem US-Debüt an der Seitenlinie vollen Körpereinsatz

Philadelphia - Emotionaler Einstand für Jürgen Klinsmann: Erst sorgt der neue Nationaltrainer der USA mit seiner Aufstellung für Irritationen, dann erzielt seine Mannschaft einen Achtungserfolg.

Schon bei der Nationalhymne schlug das Herz von Jürgen Klinsmann ein bisschen heftiger als sonst. Nach einem der emotionalsten Spiele seiner Laufbahn sah er dann ziemlich mitgenommen aus. Das Lächeln fiel ihm ein wenig schwerer als sonst, doch als er mit einer dicken schwarzen Mappe auf dem linken Arm aus den hässlichen Katakomben des Football-Stadions in Philadelphia ging, wirkte er auch erleichtert. „Es war ein emotionaler Start für mich, ein spezieller Moment in meinem Leben, etwas ganz Besonderes für mich als Person“, sagte er beinahe ergriffen. Und, ach ja, „wir können sehr zufrieden sein mit dieser Vorstellung.“

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Diese Vorstellung war ein 1:1 (0:1) gegen Mexiko, das als Rivale in etwa eine Bedeutung hat wie die Niederlande für Deutschland. Sportlich gesehen ist das Unentschieden nur ein schnell vergänglicher Achtungserfolg, für Klinsmann allerdings wird dieser schwüle Abend unvergesslich bleiben. „Es war schon etwas ganz Besonderes, die amerikanische Nationalhymne zu hören und Trainer der USA zu sein“, sagte er. Verständlich. Klinsmanns Frau ist Amerikanerin, er lebt mit Unterbrechungen seit 1998 in Kalifornien, seine Kinder wachsen in dem Land auf - und dann „The Star Spanled Banner“. „Das muss man dann auch erst mal einen Moment sacken lassen, dass man jetzt Trainer dieser Mannschaft ist“, sagte Klinsmann.

Die erste Mannschaftsaufstellung von Klinsmann in seiner Eigenschaft als Nationaltrainer der USA war freilich auch etwas, das nicht von jetzt auf gleich zu begreifen war. Vier Abwehrspieler, davor aber noch drei defensiv orientierte Mittelfeldspieler, zwei von ihnen Michael Bradley (Borussia Mönchengladbach) und Jermaine Jones (Schalke 04) - das war zunächst ein veheerendes Signal für all jene, die hoffen, die US-Nationalmannschaft werde künftig viel offensiver, lebhafter spielen. „Drei Jungs, die das Mittelfeld verstopfen. Das mag ja für die Defensive wirkungsvoll sein, aber ist es das was Klinsmann will? „, fragte der ehemalige Nationalspieler Alexi Lalas, heute TV-Experte.

„Wir wollten nicht defensiv spielen, sondern organisiert, und ein defensiv denkender Spieler macht das besser“, erklärte der ehemalige Bundesligaspieler Tom Dooley, der bei Klinsmanns Debüt als „Gasttrainer“ assistierte. Klinsmann selbst sagte, er habe die Mannschaft stabilisieren wollen. Vor sechseinhalb, Wochen hatten die USA das Endspiel um den Gold Cup nach einem 2:0 noch mit 2:4 verloren, gegen Mexiko, „eine gewisse Unsicherheit“ sei davon eben geblieben. John Harkes, ebenfalls ehemaliger Nationalspieler und Kommentator der Spiele der USA, zeigte Verständnis für Klinsmann und rief Lalas deshalb auf dem Weg zum Parkplatz zu: „Er wollte halt nicht das erste Spiel gleich verlieren.“

Es reichte zumindest für ein zufriedenstellendes Unentschieden, weil Klinsmann nach dem Treffer der Mexikaner durch Oeribe Peralta (17.) nach etwa einer Stunde reagierte. Für Bradley, Jones und Edson Buddle vom FC Ingolstadt kamen drei junge, muntere Offensivkräfte mit den Namen Juan Agudelo, Brek Shea und Robbie Rogers. Sie veranstalteten einen ziemlichen Wirbel. Rogers, früher bei einer kalifornischen Amateurmannschaft Mitspieler von Klinsmann, erzielte eine Minute nach seiner Einwechslung den Ausgleich (73.). Wäre er nicht fünf Minuten vor Schluss auf dem Weg zum Tor von Gerardo Torrado recht humorlos von hinten umgerissen worden, wer weiß ... Der Mexikaner sah übrigens nur Gelb.

„In der zweiten Halbzeit hat das so geklappt, wie wir uns das vorgestellt haben“, versicherte Dooley, „und da hat man auch gesehen, was für ein riesiges Potenzial wir in diesem Land haben.“ Auch Klinsmann stellte erfreut fest, dass er und die 30.138 überwiegend mexikanischen Zuschauer ein paar „Jungs“ gesehen hätten, „die Spaß machen“ - und: Die ihm die Möglichkeit geben, innerhalb der Mannschaft einen Konkurrenzkampf zu eröffnen. „Wir brauchen ja solche Leute, die uns Alte rausdrängen“, sagte Steve Cherundolo tapfer. Der Verteidiger von Hannover 96 ist 32 Jahre alt, ihm blieb eine Auswechslung erspart, wohl auch, weil die Alternative, Timothy Chandler vom 1. FC Nürnberg, diesmal fehlte.

Dank der erbaulicheren zweiten Halbzeit war dann doch noch so etwas wie Aufsbruchstimmung zu spüren bei den Amerikanern. „Hey, Jürgen hatte doch nur drei Tage, in denen er uns sagen konnte, was er will“, sagte Cherundolo, „und dafür haben wir viel erreicht.“ Klinsmann befand, seine Spieler seien „in nur 90 Minuten durch einen unglaublichen Lernprozess gegangen, ich glaube, dass die Spieler viel mitnehmen können.“ Er selbst trug in seiner dicken Mappe wohl auch einige Erkenntnisse davon: „Auch ein Trainer lernt mit jedem Spiel“, sagte er schmunzelnd. Die nächsten Noten gibt's am 2. September in Los Angeles gegen Costa Rica und am 6. September in Brüssel gegen Belgien.

sid

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