Weckruf

Löw macht Druck: "Die Uhr tickt"

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Joachim Löw fordert seine Nationalspieler auf sich mit Ausblick auf die WM in Form zu bringen.

Stuttgart - Joachim Löw läuft die Zeit davon. Der Bundestrainer läutet mit einem eindringlichen Appell an seine WM-Kandidaten den Brasilien-Countdown ein. Nur wer sich persönlich in Topform bringt, hat eine Chance.

So scharfe Töne hat Joachim Löw vor einer Titelmission noch nie angeschlagen. 100 Tage vor der Fußball-Weltmeisterschaft drohte der Bundestrainer unverhohlen mit prominenten Härtefällen und forderte seine Brasilien-Kandidaten zu höchster Professionalität auf. „Die Uhr tickt. Nur wer sie hört, wird eine reelle Chance haben, dabei zu sein“, warnte Löw zum Beginn des WM-Countdowns am Montag in Stuttgart, wo die deutsche Nationalmannschaft zu einem Testländerspiel Chile empfängt.

Langzeitverletzte, fehlender Spielrhythmus bei einigen etablierten Kräften und viele kleine Blessuren haben den Chef des DFB-Teams nicht nur extrem nachdenklich gemacht, sondern auch zu klaren Worten an die designierten WM-Fahrer veranlasst. „Es ist ein Appell an alle, ein Weckruf für manche, dass sie ihr Training, ihren Lebenslauf und ihre Professionalität so nutzen, dass sie die letzten Monate bis zur WM optimal gestalten“, verkündete der Bundestrainer zum Auftakt der Vorbereitung auf das erste Länderspiel des WM-Jahres am Mittwoch (20.45 Uhr/ARD). 50 019 Ticket dafür waren am Montag verkauft, der DFB rechnet mit einem ausverkauften Haus.

Teammanager Oliver Bierhoff verglich die aktuelle Situation des Nationalteams mit einem „Zwölfzylinder, der nicht auf allen Pötten läuft“. Gefühlt würde ganz Deutschland mit der Erwartung in das komplizierte Weltturnier vom 12. Juni bis 13. Juli in Südamerika gehen, dass Löw einen wunderbaren Kader auf dem Tablett serviert bekommen habe und er nur noch den Titel abholen müsse. „Doch das ist nicht so, das bedeutet viel Arbeit“, betonte Bierhoff, der vor mittlerweile 18 Jahren bei der EM in England mit seinem „Golden Goal“ im Finale für den letzten deutschen Titelgewinn gesorgt hatte.

Es reiche nicht, dass Deutschland auf dem Papier ein Topteam habe, erklärte Löw angesichts verletzter Akteure wie Sami Khedira und Ilkay Gündogan sowie etlicher Akteure ohne ausreichende Spielpraxis und Form wie Mario Gomez oder René Adler. „Wir brauchen bei der WM die besten verfügbaren Spieler, nicht die theoretisch besten. Wir sind im Moment nicht in der Lage zu sagen, diese 23 Spieler bilden den Kader“, erklärte der 54-Jährige. Alle WM-Kandidaten stehen ab sofort unter scharfer Beobachtung: „Wir werden sie ein Stück weit überwachen. Wir haben sie aufgefordert, individuell an sich zu arbeiten“, betonte Löw.

Am 8. Mai, zwei Tage vor dem Bundesliga-Abschluss, will der Bundestrainer zunächst ein erweitertes Aufgebot nominieren, dass er bis zum FIFA-Meldeschluss am 2. Juni auf dann 20 Feldspieler und drei Torhüter reduzieren muss. „Die Zeit wird immer enger. Wir haben die Phase der Wahrheit und Klarheit begonnen. Wir werden Entscheidungen treffen müssen, die dem einen oder anderen Spieler wehtun werden“, kündigte Löw an. Wer am 21. Mai mit ins WM-Trainingslager nach Südtirol reisen darf, hänge von jedem Spieler selbst ab. Als Sparringspartner wird die U 20-Auswahl des DFB mit ins Passeiertal kommen, damit dem Löw-Team ein ständiger Partner für Trainingsspiele zur Verfügung steht.

Grundvoraussetzung für ein persönliches WM-Ticket seien absolute Fitness und maximale Belastbarkeit bei einem extrem anstrengenden Turnier in Brasilien, unterstrich Löw nochmals. Eine Ausnahme würde er für Khedira machen, der nach seinem Kreuzbandriss „sehr weit“ im Aufbautraining sei. Der Mittelfeldspieler von Real Madrid liefere mit seiner Persönlichkeit „einen Mehrwert“ für die Mannschaft, auch wenn er bis zum Start der WM-Vorbereitung nur „zu 80 bis 90 Prozent fit“ sein könnte. „Das ist die Ausnahme, nicht die Regel“, sagte Löw. Beim seit Saisonbeginn pausierenden Dortmunder Gündogan ist er extrem skeptisch, „ob es bei ihm reichen wird“.

Seine härtere Gangart hat Löw auch auch damit dokumentiert, dass er für den Test gegen den stark eingeschätzten WM-Teilnehmer Chile in Pierre-Michel Lasogga, Matthias Ginter, Shkodran Mustafi und André Hahn gleich vier Neulinge nominiert hat. Der Leverkusener Lars Bender fällt wegen einer Muskelverhärtung aus. Hoffnung hat Löw noch, dass der angeschlagene Torjäger Miroslav Klose (Beckenprellung und Bauchmuskelprobleme) nach einer intensiven Behandlung durch die DFB-Ärzte rechtzeitig fit werden könnte. Mustafi hatte wegen eine Dopingkontrolle nach dem 2:0-Sieg seines Clubs Sampdoria Genua beim FC Turin den Flieger nach Deutschland zunächst verpasst und wurde erst vor dem Training am Montagabend in Stuttgart erwartet.

Löw kündigte an, dass Philipp Lahm wie beim FC Bayern im Mittelfeld zum Einsatz kommen wird. „Das bietet sich geradezu an“, begründete Löw. Der Kapitän könnte dort zusammen mit Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos die Schaltzentrale des deutschen Teams bilden. „Toni hat sich super entwickelt in dieser Saison“, lobte Löw den 24-jährigen Münchner und gab schon dessen Einsatz gegen Chile bekannt. Erstmals nach drei Jahren wird der Dortmunder Kevin Großkreutz wieder das Nationaltrikot überstreifen: „Meine Planung ist, dass er auf der rechten Abwehrseite beginnt.“

Voraussichtliche Aufstellung:

Neuer - Großkreutz, Mertesacker, Boateng, Schmelzer - Lahm, Schweinsteiger - Götze, Kroos, Schürrle - Klose

dpa

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