Prophet Löw

Wir beenden den Fluch

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Jogi Löw prophezeit den Halbfinal-Einzug

Danzig/Warschau - Bundestainer Joachim Löw erwartet einen Sieg im EM-Halbfinale gegen Italien. Er liebt K.o.-Spiele wie dieses. Für den DFB ist es "Wunsch und kein Befehl".

Die ganze Nation will das Ende des Italien-Fluchs, und auch die titelhungrigen Nationalspieler können den Anstoß kaum noch erwarten. Mit dem Umzug aus dem Stammquartier in Danzig in die polnische Hauptstadt Warschau steigerte sich am Mittwoch nochmals die Spannung bei Joachim Löw und seinem jungen Personal vor dem Halbfinal-Hit gegen Italien. „Ich habe diese Spiele wahnsinnig gerne, es sind K.o.-Spiele, bei denen man alles in die Waagschale werfen muss“, erklärte der Bundestrainer, der nach sechs Jahren als Chef der Fußball-Nationalmannschaft die Krönung will.

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Verbandschef Wolfgang Niersbach sieht die Erwartungen des DFB bei dieser EM schon jetzt erfüllt. Im Halbfinale oder Finale würden „Winzigkeiten“ entscheiden. „Selbst wenn alles nicht so laufen sollte, wird niemand in ein Tal der Depressionen fallen“, betonte der Präsident. Allerdings haben alle Deutschen ebenso wie die Spieler die große Sehnsucht, nach 16 Jahren endlich wieder die Nummer eins zu werden. „Es ist der Wunsch aller, wieder ganz oben auf dem Podest zu stehen. Es ist keine Forderung, schon gar kein Befehl, nicht mal eine Erwartung, es ist ein Wunsch“, verkündete Niersbach.

Dass für das ganz große Ziel der erste Turniersieg gegen die Italiener gelingen muss, bereitet dem souveränen und bestaunten Löw kein Kopfzerbrechen. „Ich habe keine Angst vor diesem Spiel. Ich bin überzeugt, dass wir gewinnen“, sagte der 52 Jahre alte Chefcoach vor dem Klassiker am Donnerstag im Warschauer Nationalstadion (20.45 Uhr/ARD) und vermittelte so auch Philipp Lahm und Co. zusätzlichen Optimismus. Alle hätten zwar lieber gegen England gespielt, bemerkte Oliver Bierhoff. Er habe aber eine „sehr hohe Konzentration und eine große Entschlossenheit“ beobachtet, beschrieb der Teammanager die Stimmung im DFB-Lager: „Es ist eine gute Anspannung da.“

Nie hat der dreimalige Welt- und Europameister Deutschland bei einer WM oder EM gegen den viermaligen Weltmeister Italien gewonnen; der letzte DFB-Sieg gegen die Azzurri liegt auch schon 17 Jahre zurück. „Das habe ich vielleicht einmal erwähnt“, berichtete Löw im ARD-Hörfunk von seiner Halbfinal-Vorbereitung. Wie ein Prophet beschwor er die Spieler: „Lasst diese Dinge beiseite. Wir werden das drehen. Wir sind in der Lage, das mit unserer Qualität zu schaffen.“

Die Erinnerung an den Schock vor sechs Jahren, als die Italiener in der Verlängerung des WM-Halbfinales von Dortmund das deutsche Sommermärchen jäh beendet hatten, hat Löw längst in ein hinteres Schubfach verbannt. „Vielleicht waren wir 2006 nicht ganz so weit. Heute sind wir weiter“, betonte der Bundestrainer mit Hinweis auf 15 Pflichtspiel-Siege nacheinander, auf den bisherigen EM-Durchmarsch und die gewachsenen Qualitäten seines Kaders. Gegen Italien winkt zudem der 500. Sieg in der deutschen Länderspiel-Geschichte.

Eine Warnung aber ist 2006 noch immer, zumal die aktuelle italienische Auswahl bei dieser EM einen ähnlich starken Eindruck hinterlassen hat wie bei ihrem Triumph vor sechs Jahren. „Sie spielen nicht nur defensiv und warten auf zwei, drei Konter, wie es 2006 noch war“, mahnte Löw. „Wir treffen auf einen ebenbürtigen Gegner. Wir wissen, dass dieses Spiel noch schwerer wird als die Spiele bisher“, sagte Abwehrchef Mats Hummels: „Schon im ersten Spiel gegen Spanien waren sie die bessere Mannschaft. Und sie haben sich noch gesteigert.“

Hummels kann sich wie seine Abwehrkollegen Jérome Boateng, Holger Badstuber und Lahm, Torwart Manuel Neuer sowie das Mittelfeld-Dreieck Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira und Mesut Özil sicher sein, in Warschau wieder in der Startelf zu stehen. Auf seinen „emotionalen Leader“ Schweinsteiger will Löw nicht verzichten. „Es fühlt sich wieder besser an“, meldete der Münchner trotz seiner langwierigen Knöchelblessur hundertprozentige Einsatzbereitschaft.

Die restlichen drei Positionen dürften bis kurz vor dem Anpfiff des französischen Schiedsrichters Stéphane Lannoy weiter heiß diskutiert werden: Einiges spricht dafür, dass Löw zur Variante der Vorrunde mit den Außenspielern Lukas Podolski und Thomas Müller zurückkehrt. Manager Bierhoff hielt aber auch die Wiederholung eines Griechenland-Schachzugs im Gespräch: „Marco Reus musste lange warten, bis er zum Einsatz kam, und dann ändert sich innerhalb von 90 Minuten die ganze Stimmung und das ganze Gefühl.“

Am engsten scheint die Entscheidung, ob Routinier Miroslav Klose nach dem Viertelfinalerfolg gegen Griechenland wieder von Beginn an stürmt oder doch der Münchner Knipser Mario Gomez zurückkehrt. „Wir haben so viele gute Spieler, die torgefährlich sein können. Der Trainer hat viele Varianten“, erklärte Bierhoff zum Luxuskader.

Möglicherweise wird Löw seine Italien-Formation dieses Mal auch der Mannschaft noch später bekanntgeben als vor den bisherigen EM-Partien, nachdem vor dem Viertelfinale die drei Umstellungen in der Offensive vorzeitig an die Öffentlichkeit durchgesickert waren. „Vielleicht gibt es die Aufstellung auch erst kurz vor dem Spiel“, sagte Bierhoff mit einem Schmunzeln. Das Leck im innersten Zirkel sei „kein gutes Zeichen“, betonte der Manager und äußerte die Hoffnung: „Vielleicht bleibt der Maulwurf mal unter dem Boden.“

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