Vogts im großen Interview

"Ich habe das Lachen wiedergefunden"

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Berti Vogts

München - Im großen Interview äußert sich Berti Vogts zu Fortschritten und Problemen in Aserbaidschan, zum DFB-Team und zur Leader-Debatte um Philipp Lahm.

Sie sind seit 2008 Nationaltrainer in Aserbaidschan. Wie hat sich der Fußball dort seitdem entwickelt?

Berti Vogts (Fußball-Nationaltrainer Aserbaidschans): Der Fußball hat in den letzten Jahren enorm aufgeholt. Jetzt kommen auch jüngere Mädchen und Jungs zum Fußball. Früher waren es 16- und 17-Jährige, jetzt sind es 12-Jährige. Auch in den Schulen wird jetzt Fußball gespielt. Es wächst langsam. Für mich gehts zu langsam, aber für aserbaidschanische Verhältnisse ist das ein Gewitter, was hier eingesetzt hat.

Welche Entwicklungen haben Sie angeschoben?

Vogts: Zum Beispiel, dass in vielen Mannschaften jetzt vier Aserbaidschaner spielen. Früher gab es Mannschaften, die spielten ohne Aserbaidschaner, nur Ausländer, ältere Ausländer. Heute ist es Pflicht, dass drei Einheimische spielen müssen, plus einer unter 21 Jahren, damit wir dort weiter fördern, fördern und fordern. Das ist nicht einfach, vor allem mit den Klubs. Aber inzwischen sind die Aserbaidschaner so stark, dass auch in den internationalen Spielen drei, vier Einheimische spielen. Das war vor fünf Jahren nicht der Fall. Jeder Klub muss ein Leistungszentrum haben mit zwei Fußballfeldern, das gab es nicht. Es gab Klubs, die hatten gar keinen Trainingsplatz, die mussten sich den mit anderen Mannschaften teilen. Es gibt jetzt auch Akademien, in denen 80 Prozent einheimische Spieler sind. Aber sie kommen nach wie vor zu spät zum Fußball.

Wie schwer war es für Sie, all diese Dinge bei Liga und Verband durchzusetzen?

Vogts: Der Verband ist international aufgestellt mit dem Generalsekretär (Elkhan Mammadow, d. Red.), der in England aufgewachsen ist. Der kennt den Fußball in- und auswendig. Der Präsident (Rownag Abdullajew. d. Red.) ist ein Top-Fußballfan. Er ist der zweitwichtigste Mann im Staat, weil ihm die gesamte Öl-Company (staatliche Öl-Gesellschaft SOCAR, d. Red.) gehört. Und er ist ein sehr feiner Mensch, der weiß, wie wichtig die Mannschaftssportart Fußball im sozialen Bereich ist. Das sind Tür und Tor offen. Bei den Klubs, okay, da hat man nach wie vor Probleme. Wir müssen weiter vorangehen, dass man mal ein Paar um die Ohren kriegt und es heißt unmenschliches Training' - damit kann ich gut leben.

Woher kommen diese Widerstände?

Vogts: Man hat viele einheimische Trainer. Sie wollen nicht zweimal am Tag trainieren. Das müssen sie aber, um den Anschluss an das europäische Mittelmaß zu finden. Vor zwei Jahren hat Borussia Dortmund in der Qualifikation für die Europa League gegen den FC Karabach gespielt. Zwischen Hin- und Rückspiel hatte Dortmund noch ein Bundesligaspiel, hier wurde die Liga abgesetzt wurde. Nach dem Spiel gegen den BVB wurden die Spieler drei Tage nach Hause geschickt. Sie haben überhaupt nicht trainiert. Regeneration kennen sie nicht. Regeneration - sie glauben, man will sie quälen. Man wirft sie morgens um neun Uhr aus dem Bett, dann denken sie: Oh je, was ist heute wieder los, Coach?'

Hat sich diese Einstellung in den letzten Jahren geändert?

Vogts: Ich habe jetzt eine sehr junge Mannschaft, die wollen. Leider verdienen sie hier zu viel Geld. Sie müssen raus, sie müssen nach Europa. Wir haben sehr, sehr gute Talente.

Wie frustrierend sind diese Dinge für Sie?

Vogts: Wer hier unterschreibt, der weiß, was ihn erwartet. Man hat mir geholfen, als ich ein junger Kerl war, ich kam aus sehr armen Verhältnissen, hatte keine Mark im Portemonnaie. Das gebe ich hier zurück an das Land Aserbaidschan, an den Präsidenten, an den Generalsekretär. Die jungen Spieler lachen wieder, das ist eine total andere Mannschaft geworden. Die haben richtig Spaß. Früher haben die da gesessen und nur geguckt. Da war Totenstille, so kann man nicht Fußball spielen.

Letztes Jahr haben Sie mit Abschied gedroht, dann aber Ihren Vertrag doch bis 2014 verlängert. Was war ausschlaggebend für den Sinneswandel?

Vogts: Unstimmigkeiten mit der Liga gibt es nach wie vor, aber ich habe mein Programm durchgesetzt. Der Vertrag wird von der Liga eingehalten, es gibt manchmal noch ein paar harte Worte, aber es hat sich alles so entwickelt, wie ich das haben wollte.

Im Juni des letzten Jahres sollen sie nach der Niederlage in der EM-Qualifikation in Kasachstan von Journalisten mit Toilettenpapier attackiert worden sein.

Vogts: Da hat irgendsoein Verrückter was gemacht, aber kranke Menschen gibt es überall - auch in Deutschland.

Wie lange wollen Sie noch als Entwicklungshelfer in Aserbaidschan arbeiten?

Vogts: Ich brauche es nicht mehr, wenn ich keinen Spaß mehr habe, höre ich auf. Mich kann keiner mehr ärgern. Ich habe das Lachen wiedergefunden. Das ist doch schön so.

Wann hatten Sie das Lachen verloren?

Vogts: Das war keine angenehme Zeit, als man mich in Deutschland aus dem Land gejagt hat, nur weil man mal ein Spiel verloren hat.

Haben Sie es irgendwann bereut, nach Aserbaidschan zu gehen?

Vogts: Wenn man in mal in Nigeria gearbeitet hat und kommt dann nach Aserbaidschan, ist das eine Steigerung. Nigeria hat Top-Spieler, aber keine Organisation. Wenn die die Organisation des DFB hätten, wären sie auf einer Stufe mit Brasilien oder Deutschland.

Vermissen Sie es nicht, als Trainer um Titel zu spielen?

Vogts: Nein, überhaupt nicht. Dann hätte ich hier nicht unterschrieben. Dann gehe ich nach England, trainiere einen Klub. Den Stress tue ich mir nicht mehr an. Vielleicht als Berater, als Sportdirektor irgendwo. Es ist eine Entscheidung für mehr Lebensqualität gewesen, nur für die Lebensqualität. Ich bin 14 Tage im Monat hier, den Rest bin ich zu Hause und gucke mir meine Borussia an.

Deutschland ist bei der EM erneut vorzeitig gescheitert. Haben Sie nach der Niederlage im Halbfinale gegen Italien Verständnis für die Kritik an Bundestrainer Joachim Löw?

Vogts:Überhaupt nicht. Was wäre gewesen, wenn wir Italien mit derselben Mannschaft, mit demselben Fußball geschlagen hätten? Wir spielen einen tollen Fußball. Was ist passiert? Wir sind im Halbfinale wieder einmal rausgeflogen, aber wir waren im Halbfinale und haben Fußball gespielt. Nicht Fußball gekämpft, wie das früher der Fall war. Für diese Entwicklung steht Joachim Löw. Rumpelfußball nützt auch nichts, wenn man dann gewinnt, heißt es: Ja, haben sie Glück gehabt.' Die Italiener hätte an dem Tag keine Mannschaft der Welt geschlagen.

Auch beim 2:1-Sieg in Österreich konnte die Mannschaft allerdings zuletzt nicht überzeugen.

Vogts: Österreich macht in fünf Jahren ein gutes Spiel - wenn sie in der Quali gegen Deutschland spielen. Die träumen immer noch von Cordoba. Ich sage: Cordoba ist vorbei, das gibt es nicht mehr für Euch - oder nur alle 20, 30 Jahre.' Die warten aber darauf. Sie wollen uns ärgern, können uns aber nicht schlagen. Ich glaube aber schon, dass die deutsche Mannschaft sich neu finden muss. Ich glaube schon, dass da nach der Niederlage gegen Italien Bewegung drin ist, dass jetzt auch Leute kommen, die was sagen wollen und müssen.

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Welche Positionen sehen Sie gefährdet?

Vogts: Man kritisiert immer den Abwehrblock, das ist nicht richtig. Die Abwehr beginnt bei Podolski. Wenn der den Ball verliert, muss er mal hinterherlaufen. Das beginnt auch bei anderen Mittelfeldspielern. Bei Ballverlust müssen sie wieder zumachen. Wenn das alles funktioniert, steht auch die Abwehr gut. Wenn wir das schaffen, dann haben wir große Chancen, eine sehr, sehr gute Weltmeisterschaft zu spielen. Die Jungs sind wieder gereift. Das Einzige, was ich kritisieren muss, ist, warum spielen wir in Deutschland gegen Argentinien oder Brasilien? Geht rüber, spielt in Argentinien gegen Argentinien, in Brasilien gegen Brasilien, denn die Südamerikaner muss man in zwei Jahren auf dem Zettel haben. Dort wird anders Fußball gespielt. Der DFB muss dahin, um sich zu zeigen. Das ist eine andere Welt.

Warum verzichtet der DFB auf diese Reisen?

Vogts: Es ist natürlich eine Strapaze, die Spieler sind kaputt und müde. Aber die Spieler brauchen diese Herausforderung, brauchen diese Erfahrungswerte. Bei uns ist keiner gestorben.

Sie haben Podolski erwähnt. Ist er seinen Ansprüchen zuletzt zu wenig gerecht geworden?

Vogts: Ich bin froh, dass er aus Köln weg ist. In Köln hatte er zu viele Freunde. Ich hoffe, dass die alle in Köln geblieben sind. Bei Arsenal hat er mit Arsene Wenger einen Trainer, bei dem er auch mal auf dem Trainingsplatz hart arbeiten muss. Da wird er jetzt wirklich zu einem Profi erzogen. Er ist ein begnadeter Fußballer, aber er macht zu wenig in der Rückwärtsbewegung.

Wie sehen Sie die Probleme in der Nationalmannschaft auf den Außenverteidigerpositionen?

Vogts: Philipp Lahm zählt mit zur Weltklasse, ob es Marcel Schmelzer schafft, muss man abwarten. Wenn unsere Mannschaft wieder an sich glaubt, haben wir auf keiner Position Probleme.

Ist Lahm als Kapitän zu ruhig?

Vogts: Dafür ist er sehr dominierend auf dem Platz. Auch ein Günter Netzer war als Kapitän sehr ruhig, aber durch seine Pässe war er der Leader. Er passt zu der Mannschaft. Ich finde seine Art sehr positiv. Er spricht die Dinge in aller Ruhe, aber trotzdem sehr direkt an.

Mats Hummels hat Lahm zuletzt öffentlich kritisiert. Ist das ein Problem für die Gruppe?

Vogts: Man ist nicht mehr nur zufrieden, wenn man 2:1 gegen Österreich gewonnen hat, ist nicht zufrieden mit einem 3:0 gegen Färöer. Es kommt ein bisschen Leben in die Bude. Das ist wichtig. Es ist ein bisschen aggressiver geworden, aber ich finde das sehr positiv.

Wie haben Sie die Debatte um die angeblich fehlenden Führungsspieler in der Nationalmannschaft verfolgt?

Vogts: Ich glaube schon, dass in dieser Mannschaft Führungsspieler sind. Khedira, Lahm, auch Özil mit seiner anderen, sehr ruhigen Art, auch Schweinsteiger. Das sind doch Führungsspieler, die wir haben. Sie nehmen sich nur ein bisschen zurück, weil sie wissen, dass es heutzutage nach einem falschen Wort in den Medien knallt. Das war früher anders.

Was fehlt der Nationalmannschaft noch zum WM- oder EM-Titel?

Vogts: Es war halt das Pech, dass man mit Spanien so eine Übermannschaft hat. Sonst wären wir Welt- oder Europameister geworden. Die gab es 1996 oder 1990 nicht.

Wie kann Deutschland die Lücke zu den Spaniern schließen?

Vogts: Wir sollen uns nicht an Spanien orientieren. Du darfst nicht sagen, wir wollen so wie die Spanier spielen'. Dann bleiben wir immer Zweiter. Wir müssen unseren eigenen Weg gehen. Wir sind jetzt so stark, dass sich andere Nationen an uns orientieren müssen. Wir sind nicht weit weg von Spanien, gar nicht. Im EM-Finale war Spanien klasse, aber bis dahin waren sie enttäuschend.

sid

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