Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen

Hooligans und Neonazis bedrohen die EM

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Warschau - Wohl nie zuvor war die Gefahr, dass ein großes Fußball-Turnier von Ausschreitungen überschattet wird, so präsent wie vor der EM-Endrunde in Polen und der Ukraine.

Die Bilder der BBC-Reportage gingen um die Welt, sie sorgten für Entsetzen, Wut und Angst. In einem ukrainischen Stadion heben Hunderte Anhänger auf einer Fantribüne gleichzeitig den Arm zum Hitlergruß, sie verhöhnen farbige Spieler mit Affenlauten und schlagen wenig später ausländische Besucher krankenhausreif - und die Polizei schaut zu.

Die Filme aus Polen, die im Internet kursieren, sind nicht weniger schockierend. Aus einer Horde schwarz gekleideter Hooligans, die die Zäune in ihrer Kurve überwunden haben und den Innenraum stürmen, löst sich eine vermummte Gestalt und rammt einer Kamerafrau mit einem Kung-Fu-Tritt den Fuß in den Rücken. Der Mann ist schon wieder auf dem Weg in die tobende Menge, als die Frau auf dem Boden aufschlägt.

Wohl nie zuvor war die Gefahr, dass ein großes Fußball-Turnier von Ausschreitungen überschattet wird, so groß wie vor der EM-Endrunde in Polen und der Ukraine. Fan-Gewalt gehört vor allem in Polen zur Tagesordnung. Die etwa 5000 aktenkundigen Hooligans gelten als die extremsten und gewalttätigsten auf dem Kontinent. Die Polizei stand ihnen in der Vergangenheit häufig machtlos gegenüber.

„Am besten wäre es, die Fans blieben zu Hause. Bei diesem Turnier wird es Probleme geben, ganz sicher“, sagt der renommierte Fanforscher und DFB-Berater Gunter A. Pilz.

Im Internet wimmelt es von Gewaltandrohungen polnischer Hooligans. In fast keiner dieser Botschaften fehlt die Ankündigung, „Jagd auf Deutsche“ zu machen. Nicht nur wegen der deutsch-polnischen Geschichte nach 1939 suchen radikale Gruppierungen aus beiden Ländern seit Jahren die direkte Konfrontation. Die Zusammenstöße von Hooligans während der WM 2006 in Deutschland am Rande des Vorrundenspiels beider Teams in Dortmund waren die heftigsten während des „Sommermärchens“.

30 deutsche Beamte sollen während der EM vor Ort dazu beitragen, dass in den Gastgeberländern Ruhe herrscht, zwölf in Polen, 18 in der Ukraine. „Die Beamten werden einerseits als Kontaktleute für die Behörden vor Ort, andererseits aber auch als szenekundige Ansprechpartner für die Fans tätig sein“, sagte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich im SID-Interview.

Die polizeibekannten Hooligans in Deutschland sollen unter anderem durch Meldeauflagen daran gehindert werden, in die EM-Länder zu reisen. „Angesichts der Vielzahl der Personen kann man nie ganz ausschließen, dass sich der eine oder andere nach Polen oder in die Ukraine durchschlägt“, sagt Friedrich.

Die polnische Polizei will mit Schnellgerichten und drastisch verschärften Sicherheitsmaßnahmen der Lage während der Endrunde Herr werden. Dank des Verkaufs von personalisierten Tickets und der hohen Sicherheitsstandards rund um die Stadien ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es dort relativ ruhig bleibt.

Abseits davon wird es schwierig. Dass der Einsatz von elektronischen Fußfesseln gegen einige aktenkundige Gewalttäter den Hooliganterror wirklich eindämmen könnte, glauben anscheinend auch die Verantwortlichen nicht. „Was uns am meisten beschäftigt, ist das Verhalten der Fans in den öffentlichen Bereichen. Vor allem in den Fanzonen“, sagte Jacek Zalewski vom polnischen Innenministerium.

Auch die ukrainischen Behörden haben ein hartes Durchgreifen angekündigt. Auf die Ausstrahlung der BBC-Dokumentation und der darin enthaltenen Aufforderung des Ex-Nationalspielers Sol Campbell („Bleiben Sie zu Hause, sehen Sie sich die Spiele im Fernsehen an. Riskieren Sie nichts, sonst könnten Sie am Ende in einem Sarg zurückkommen.“) reagierten die Machthaber in Kiew verschnupft.

„Die Ukraine zu beschuldigen, rassistisch und faschistisch zu sein - und das in einem Ton, den britische Medien, einige britische Fußballer und britische Politiker angeschlagen haben - ist einfach schändlich“, sagte Oleg Woloschin, der Sprecher des Außenministeriums: „Wir haben keine interethnische Gewalt auf unseren Straßen.“

In Polen nahmen Appelle an die Vernunft unfreiwillig komische Züge an. Die durchaus einflussreichen römisch-katholischen Bischöfe des Landes riefen allen Ernstes zum Alkoholverzicht während des Turniers auf. Auch UEFA-Präsident Michel Platini scheint sich an das Prinzip Hoffnung klammern zu müssen: „Ich glaube, das Turnier wird ein großer Erfolg, und ich hoffe, die Fans werden sich benehmen, aber wir werden sehen. Probleme gibt es bei jedem Turnier, immer.“

sid

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