Druck auf van Marwijk nimmt zu

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Holland-Coach Bert van Marwijk

Krakau - Der Druck auf die Niederlande vor dem Duell mit Deutschland ist riesig. Vor allem Bert van Marwijk steht im Fokus. Setzt der Bondscoach gegen die DFB-Elf endlich auf Klaas-Jan Huntelaar?

Vor dem Showdown gegen Deutschland sind die Nerven im niederländischen EM-Lager zum Zerreißen gespannt. Klaas-Jan Huntelaar und Robin van Persie weigerten sich am Montag, an den traditionellen Tischgesprächen mit den heimischen Medienvertretern teilzunehmen, weil sie keine Lust hatten, die Dauerdiskussion über die Besetzung der Oranje-Offensive zu kommentieren. Rafael van der Vaart nutzte die Gelegenheit dagegen, sich den Frust über seine Reserverolle von der Leber zu reden. “Manchmal werde ich davon etwas mutlos“, gestand der frühere Hamburger im Gespräch mit dem Fachmagazin “Voetbal International“.

Van der Vaart wollte die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine auch zur Werbung in eigener Sache nutzen. Doch in den Plänen von Bert van Marwijk spielt er nur eine untergeordnete Rolle. “Der Bondscoach hatte seine Mannschaft schon lange im Kopf. Er hat Spieler, auf die er setzt, und da gehöre ich nicht dazu“, beklagte der Mittelfeldspieler von Tottenham Hotspur. Auch bei anderen Spielern im Luxuskader wird der Frust größer.

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Eigentlich hat van Marwijk einen Traumjob. Sollte man zumindest meinen. In van Persie und Huntelaar stehen ihm der beste Torschütze der englischen Premier League und der deutschen Bundesliga zur Verfügung. Hinzu kommen in Arjen Robben, Ibrahim Afellay, Wesley Sneijder und van der Vaart Spieler mit gewaltigem Offensiv-Potenzial.

Doch van Marwijk hat zugleich den schwersten Job der Welt. Findet er zumindest manchmal selbst. Denn der 60-Jährige verzweifelt daran, die richtige Mischung für seine Elftal zu finden. Bislang ist es dem Bondscoach nicht gelungen, eine Taktik zu entwerfen, in der sowohl van Persie als auch Huntelaar spielen können. Auch die Balance zwischen Offensive und Defensive fehlt bislang.

Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach. Finden zumindest die Anhänger des Oranje-Teams sowie die Journalisten. Huntelaar in die Spitze, van Persie dahinter und Sneijder auf die linke Seite. Dann noch den technisch starken van der Vaart für Abräumer Nigel de Jong ins defensive Mittelfeld - und schon ist das orangene Dream Team perfekt. Auf jeden Fall für die rund 16 Millionen Nationaltrainer im deutschen Nachbarland, in dem über kaum etwas so gerne und heftig diskutiert wird wie über Fußball.

Sneijder glaubt an Holland-Sieg

Immerhin kann van Marwijk im Duell mit der DFB-Elf in Charkow auf seinen kompletten Kader zurückgreifen. Auch der zuletzt verletzte Joris Mathijsen ist wieder fit und wird für Ron Vlaar in die Innenverteidigung rücken. Mittelfeldregisseur Sneijder gibt sich trotz aller Unruhe zuversichtlich. “Ich glaube daran, dass wir gegen Deutschland gewinnen“, sagte er dem Fußball-Magazin “Elf Voetbal“.

Kapitän Mark van Bommel ist sich der großen Bedeutung des Vergleichs mit dem Erzrivalen bewusst. “Wir müssen gewinnen. Bei dieser EM hat diese einzigartige Generation ihre letzte Chance, einen Titel zu holen. Das muss uns gegen die Deutschen klar sein“, sagte der Routinier “Elf Voetbal“. Kassieren die Niederlande die zweite Niederlage und holt Dänemark zuvor gegen Portugal zumindest einen Punkt, könnte die EM für den Vize-Weltmeister bereits vor dem letzten Spieltag der Gruppe B beendet sein.

Huntelaar ist gar nicht gut auf van Marwijk zu sprechen. Gegen Dänemark vergab der 28-Jährige nach seiner Einwechslung die große Chance zum Ausgleich. Seitdem redet der Schalker nicht mehr öffentlich. Der Frust über seine EM-Nebenrolle ist ihm aber deutlich anzumerken.

Beim Training am Sonntag in Krakau hatte der er als Erster das Spielfeld betreten und war als Letzter wieder in der Kabine verschwunden. Man merkt, Huntelaar ist heiß auf das Duell mit Deutschland. Nur lässt van Marwijk ihn auch ran? Bleibt sich der Bondscoach treu, dann sitzt Huntelaar gegen die DFB-Elf zunächst wieder nur auf der Bank. Denn nichts hasst van Marwijk mehr, als sich von außen in seine Arbeit reinreden zu lassen.

Doch vielleicht springt van Marwijk über seinen eigenen Schatten. Schließlich geht es für ihn ebenfalls um viel. Zwar hat der Verband den Vertrag mit ihm gleich um vier Jahre bis zur EM 2016 verlängert. Doch ein Vorrunden-Aus der als Mitfavorit gehandelten Niederländer könnte van Marwijk zum Verhängnis werden. Schließlich hat KNVB-Direktor Bert van Oostveen vor dem Turnier das Halbfinale als Minimalziel ausgegeben.

Von Lars Reinefeld

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