Hildebrand: Applaus nur auf dem Laufsteg

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Timo Hildebrand auf der Tribüne

Gelsenkirchen - Am vergangenen Wochenende hat Timo Hildebrand endlich mal wieder Applaus kassiert - allerdings nicht etwa aus sportlichen Gründen.

Am Sonntag wurde Timo Hildebrand in Gelsenkirchen erstmals frenetisch gefeiert. Auf einem Fan-Treff sollte der frühere Fußball-Nationaltorhüter mit seinem Mannschaftskollegen Jan Moravek über den Laufsteg stolzieren. Hildebrand, so die offizielle Mitteilung seines Klubs Schalke 04, „schnappte sich prompt ein Handtäschchen und hatte auch die entsprechenden Posen drauf“. Die 150 Fans feierten den 32-Jährigen mit „Zugabe“-Rufen.

In seinem Job läuft es für Hildebrand derzeit dagegen nicht so gut. Der Wechsel nach Schalke sollte seiner am Boden liegenden Karriere einen Schub geben, doch schon nach vier Wochen scheint festzustehen: Die Odyssee geht weiter.

Kein einziges Mal stand er bisher im Kader der Königsblauen, stattdessen hütet in Lars Unnerstall ein unerfahrener Youngster das Tor des Tabellenvierten. Der 21-Jährige halte gut, es gebe keinen Grund, den Torwart zu wechseln, gesteht Hildebrand fair ein. Worauf die Bild-Zeitung prompt urteilte: „Hildebrand gibt auf.“

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In der Tat unterteilt der gebürtige Wormser seine Karriere auf seiner Homepage bereits in die Kategorien „Geschichte“ und „Heute“. Eine vielleicht unfreiwillige, aber bezeichnende Analyse. „Im Nachhinein muss ich sagen: Ich hätte Stuttgart nie verlassen dürfen“, sagte er im Frühjahr in einem kicker-Interview über den entscheidenden Bruch 2007.

In der Tat lässt sich seine Karriere in ein „Davor“ und ein „Danach“ einteilen. 1999 absolvierte er als 20-Jähriger sein erstes Bundesligaspiel für den VfB Stuttgart, es folgen siebeneinhalb erfolgreiche Jahre. 2003 stellt Hildebrand einen bis heute gültigen Rekord von 884 Minuten ohne Gegentor auf und erhält den Bambi-Publikumspreis als beliebtester deutscher Nachwuchsspieler. 2004 debütiert er in der Nationalelf, bei der EM im selben Jahr und der Heim-WM 2006 gehört er zum deutschen Kader. 2007 wird er mit dem VfB sensationell Meister und spielt seine beste Saison.

Statt sich auf die Champions League mit „seinem“ Verein zu freuen, lässt sich Hildebrand Flausen in den Kopf setzen. Er habe sich damals gefragt, ob er gehen soll, wenn es am Schönsten ist, erzählt er. Das Herz habe nein gesagt, der Kopf ja, der Bauch habe ein seltsames Gefühl gesendet. Hildebrand hört auf den Kopf - und beginnt seine Odyssee.

Vier Vereine in vier Jahren, im Sommer sogar für mehrere Monate arbeitslos. In Valencia teilweise auf der Bank, in Lissabon fast immer, in Schalke nun nicht einmal mehr das. In Hoffenheim zwar Stammspieler, aber als vermeintlicher Quertreiber aussortiert. Er habe dort „nicht immer den richtigen Ton“ getroffen, erklärt er später. Der Ruf des Sonnyboys hat schwere Kratzer bekommen. Er habe oft den falschen Menschen vertraut. Deshalb hänge ihm nun der Ruf nach, „Timo ist ein guter Torwart, aber ein schwieriger Typ. Das ist das Einzige, was meiner Karriere diesen negativen Touch gibt.“

Die seiner Meinung nach unerklärliche Ausbootung aus dem EM-Kader 2008, von der er erst Stunden vor der Bekanntgabe erfuhr, hatte ihn aus allen Wolken fallen lassen, ihn tief und offenbar nachhaltig getroffen. Noch heute verläuft lediglich das Privatleben erfolgreich. Hildebrand wird bald Vater, spielen wird er in absehbarer Zeit wohl nicht.

„Timo braucht noch Zeit“, sagt Trainer Huub Stevens und verweist auf mehr als ein Jahr ohne Pflichtspieleinsatz. Zeit, die Hildebrand eigentlich nicht hat. Der Vertrag auf Schalke läuft im Sommer wieder aus. Was dann passiert, so Hildebrand, sei „schwierig zu sagen“. Die Befürchtung liegt nahe: Die Odyssee wird weitergehen.

sid

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