Hertha: Maulkorb und Durchhalteparolen

+
Die "alte Dame" vor dem Abstieg: Die Spieler von Hertha BSC schweigen.

Berlin - Die Spieler liefen wortlos an den TV-Kameras und Journalisten vorbei. Nach der 1:4-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg wollte oder durfte einzig Otto Rehhagel Stellung beziehen.

Abschotten für den Abstiegskampf - so lautete die Maßnahme von Hertha BSC nach der bitteren und unnötigen 1:4 (1: 2)-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg. Die Spieler verpassten sich einen Maulkorb, das Auslaufen am Sonntag fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Bei den Berlinern geht anscheinend die Angst vor der Selbstzerfleischung um. „Es ist wichtig, dass die Spieler keine Schuldzuweisungen machen. Jetzt dürfen keine falschen Worte fallen!“, sagte Trainer Otto Rehhagel.

Der 73-Jährige war der einzige Herthaner, der sich am Samstag der Presse stellte. Doch Rehhagels Antworten, die eine Mischung aus Zweckoptimusmus und Ratlosigkeit transportierten, dürften den Fans nur wenig Hoffnung machen. „Die Situation ist sehr bedrohlich, aber wir geben den Kampf nicht auf. Wir glauben noch an uns“, sagte der Trainer-Methusalem.

Die Chance auf den Klassenerhalt ist nach dem 28. Spieltag aber wieder gesunken. Da die Konkurrenten Hamburg, Freiburg und Augsburg gewannen, ist der Rückstand auf einen Nicht-Abstiegsplatz bereits auf vier Punkte angewachsen. Die Pleite gegen Wolfsburg vor 46.388 Zuschauern im Olympiastadion war aber vor allem deshalb so bitter, weil sie vermeidbar war. Nach der Führung durch Lewan Kobiaschwili (13.) sorgte Hertha mit einem Eigentor von Christoph Janker (29.) quasi selbst für den Ausgleich, danach verhinderte eine katastrophale Chancenauswertung den zweiten Sieg in Folge.

„Wer keine Tore schießt, der kann auch kein Fußballspiel gewinnen“, so lautete Rehhagels passende Binsenweisheit. Der frühere griechische Nationaltrainer konnte sich die „Tor-Allergie“ seiner Offensivkräfte wie Pierre-Michel Lasogga und Adrian Ramos nur so erklären: „Die Jungs sind natürlich nervös wegen des Tabellenplatzes, da zittert man ein bisschen in den Knien.“ Um die Psyche der Spieler zu stärken, entschied sich Rehhagel, seinen Profis am Montag trainingsfrei zu geben.

Promille-Grenze im Stadion: So handhaben es die 18 Bundesligisten

Promille-Grenze im Stadion: So handhaben es die 18 Bundesligisten

Hertha-Manager Michael Preetz, der sich nach dem Schlusspfiff noch ausschwieg und erst einen Tag später auf Herthas Internetseite Stellung bezog, stärkte Rehhagel den Rücken. „Wir haben noch sechs Partien, und ich bin überzeugt, dass es dem Trainerteam gelingen wird, die Spieler nach der großen Enttäuschung wieder aufzurichten“, sagte Preetz.

Eine Lehrstunde in Sachen Chancenverwertung erhielten die Berliner von den Gästen aus Wolfsburg. Die beiden Torjäger Patrick Helmes (35. und 81.) und Mario Mandzukic (77.) bewiesen ihre Vollstrecker-Qualitäten und sicherten dem keineswegs besseren Wölfen den vierten Sieg in Serie. „Das Ergebnis täuscht, der Sieg kam glücklich zustande. Hertha hatte viele gute Chancen“, sagte VfL-Trainer Felix Magath, der sich wieder berechtigte Hoffnungen auf einen Europapokal-Startplatz machen darf.

Von Magaths lobenden Worten kann sich sein Kollege Rehhagel nichts kaufen. Als der Bundesliga-Rekordtrainer verpflichtet wurde, lag Hertha noch auf einem Nicht-Abstiegsplatz. Unter seiner Regie ist der Hauptstadtklub auf den vorletzten Rang gefallen. Sollte die riskante Mission mit Rehhagel scheitern, dürfte es auch für Manager Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer ungemütlich werden.

SID

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare