Weltfußballer-Wahl

Der Goldene Ball als großes Spektakel

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Franck Ribéry.

Paris - Einst wählten Journalisten den Besten Europas, heute stimmen mehr als 200 Nationaltrainer und Kapitäne über den „Weltfußballer“ ab: Der Goldene Ball ist zum großen Spektakel geworden.

Madame Ribéry hat angeblich schon einen Platz in der Wohnzimmer-Vitrine freigeräumt, falls ihr Gatte am Montag in Zürich den Goldenen Ball erhält. Falls. Denn der Fußball-Weltverband FIFA hatte vor den europäischen K.o.-Spielen zur WM-Qualifikation die Abstimmungsfrist kurzerhand um 14 Tage verlängert. Und da holte Konkurrent Cristiano Ronaldo nach seinen vier Toren in Portugals Spielen gegen Schweden mächtig auf.

Die Trickserei um die Abstimmung zeigt nur, dass der vergoldete Ball inzwischen von einer Auszeichnung zu einer Ware verkommen ist. Erfunden wurde er von dem französischen Gegenstück zum „kicker-sportmagazin“, France Football. Mit der Gründung der UEFA 1954 und der Einführung des Europapokals der Landesmeister wuchs auch der Wunsch, den Besten zu küren. Ausschlaggebend sollten Leistung im Kalenderjahr, Lebensleistung und sportliches Verhalten sein.

Der erste Titelträger war 1956 der Engländer Stanley Matthews (damals Blackpool), der erste Deutsche 1970 Gerd Müller. 1972 und 1976 folgte ihm Franz Beckenbauer, 1980 und 1981 Karl-Heinz Rummenigge. Der erste ausländische Bundesligaspieler, der „Fußballer Europas“ wurde, war 1977 der Däne Allan Simonsen von Borussia Mönchengladbach.

Abstimmungsberechtigt waren bis ins neue Jahrtausend nur ein Journalist aus jedem Land Europas. Dann kam auch je ein Journalist aus jedem Land dazu, das Weltmeister geworden war - also Brasilien, Argentinien und Uruguay. Für Deutschland stimmte jahrzehntelang der legendäre Sportjournalist und Schriftsteller Hans Blickensdörfer ab. Seit den 80-er Jahren ein Mitarbeiter des Sport-Informations-Dienstes (SID).

Alle Weltfußballer seit 1982

Alle Weltfußballer seit 1982

1991 führte die FIFA offiziell den Titel des „Weltfußballers“ ein. Er wurde von allen Nationaltrainern gewählt. Erster und bisher einziger deutscher Titelträger war 1991 Lothar Matthäus, der 1990 auch Europas Fußballer des Jahres geworden war und damit den Goldenen Ball gewonnen hatte. Nach der Europameisterschaft 1996 errang Matthias Sammer als letzter Deutscher diese Trophäe.

2010 entschlossen sich dann die Eigentümer von France Football, denen auch die Sport-Tageszeitung L'Equipe und die Tageszeitung Le Paisien gehört, den Titel Goldener Ball an die FIFA zu verkaufen. Die Flug- und Unterbringungskosten für die Stars, die Saalmiete und die Speisen für die Gäste waren dem Blatt zu hoch geworden. Der Vertrag gilt zunächst bis 2015.

Seitdem darf France Football weiterhin rund fünf Dutzend Journalisten benennen, die abstimmen. Die FIFA aber bringt die über 200 Nationaltrainer und Kapitäne ihrer Nationalmannschaften ein. So bleibt der Goldene Ball erhalten, aber aus Europas Fußballer des Jahres wurde der Weltfußballer des Jahres. Die Wahl ist keine Journalistenwahl mehr und das Renommee hat gelitten.

Was hat denn der Kapitän der Jungfraueninseln schon von der Champions League gesehen außer ein paar TV-Ausschnitten? In Zürich werden Preise als Dutzendware vergeben; die UEFA hat inzwischen eine Konkurrenzveranstaltung aufgezogen. Und die FIFA begründete ihre Fristverlängerung kleinlaut damit, dass zum Stichtag noch nicht einmal zwei Drittel der Stimmberechtigten geantwortet hätten. Wer schon gewählt hatte, durfte sein Votum korrigieren. So verkommt eine einst großartige Idee zu einer pompösen Hülle.

sid

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