Joachim Löw nach dem Remis in der Ukraine

"Es gibt keine Dreierkette gegen Holland"

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Bundestrainer Joachim Löw

Kiew - Nach dem Remis gegen die Ukraine stellte Bundestrainer Joachim Löw die Moral der DFB-Elf in den Vordergrund und kündigte eine Umstellung der Mannschaft gegen die Niederlande an.

Wie fällt Ihr Fazit nach dem Testlauf im Finalstadion der EM aus?

Löw: "Wir haben ein Spiel gesehen, in dem wirklich sehr viel drin war, viele Tore, viele Offensivaktionen. Es spricht für eine gute Moral unserer Mannschaft, dass wir nicht verloren haben, dass wir das Spiel nach dem 1:3 zur Halbzeit umgebogen haben. Wir haben natürlich ein paar Fehler gemacht, die zu den Toren geführt haben. Aber ich hatte eine klare Dominanz gesehen von unserer Mannschaft und wusste nicht so richtig, warum wir zur Pause mit zwei Toren hinten lagen."

Wie zufrieden waren Sie mit Toni Kroos, der defensiver gespielt hat als zuletzt?

Löw: "Toni Kroos hat nicht einen klassischen Sechser gespielt, sondern ein bisschen vor Sami Khedira und hinter Mario Götze. Toni Kroos war überragend gut. Bei ihm sind viele Fäden zusammengelaufen, er war stets im Spiel, stets anspielbar. Er hat die Mannschaft nach vorne mitgezogen. Es war eine Klasseleistung von Toni Kroos."

Bilder vom Spiel der Ukraine gegen Deutschland

Bilder vom Spiel der Ukraine gegen Deutschland

Sie haben in der Abwehr mit der Dreierkette experimentiert. Hatten Sie zwischendrin nicht einmal das Gefühl, das müsste man auflösen?

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Löws Experiment geht fast ins Auge

Löw:
"Nein, ich war sehr zufrieden, absolut, auch wenn ich jetzt vielleicht einer der wenigen bin. Zwei der drei Gegentore sind nach eigenen Eckbällen entstanden, da waren alle unsere Abwehrspieler vorne. Da haben wir Fehler gemacht in der Zuordnung, aber das war nicht die Dreierkette. Wir sind ausgekontert und nicht ausgespielt worden. Das dritte Tor war ein Schuss aus 30 Metern, das hatte mit der Dreierkette nichts zu tun. Ich habe es einfach mal probiert, um für den Ernstfall zu testen, wenn man mal hinten auflösen muss, wenn man etwas anderes machen muss. Ob Hummels, Boateng oder Badstuber, die haben das in vielen Situationen gut gemacht. Die Probleme haben wir irgendwo anders gehabt, aber nicht in der Dreierkette hinten."

Was sagen Sie zum Debüt von Ron-Robert Zieler im Tor?

Löw: "Zieler war ein Stück weit enttäuscht zur Halbzeit nach drei Gegentoren. Er musste sonst keinen Ball halten. In der zweiten Hälfte haben wir die Ukraine nach hinten gedrückt. Dass man da konteranfällig ist, ist klar. Aber da hat er noch zwei Tore verhindert, das hat er klasse gemacht. Von daher war das Debüt absolut zufriedenstellend."

Viele waren gespannt auf Özil und Götze im Zusammenspiel. Warum sind sie nicht richtig ins Spiel gekommen?

Löw: "Gerade in der zweiten Halbzeit hat man gemerkt, wie ballsicher wir waren. Das war auch Götze und Özil zu verdanken, die im engen Raum angespielt wurden, kombiniert und Chancen herausgespielt haben. Da war ich schon absolut zufrieden mit beiden. Ich habe sie rausgenommen, weil sie auch stark belastet waren und nicht 90 Minuten spielen sollten. Beide haben ihre Sache gut gemacht, Götze hat vielleicht am Anfang Schwierigkeiten gehabt."

Wie fällt Ihr Urteil über den EM-Gastgeber aus?

Löw: "Man merkt, dass die Europameisterschaft vor der Tür steht. Die Zuschauer waren sehr laut. Ohne Qualifikationsspiele betrachtet die Ukraine jedes Spiel wie einen Ernstkampf. Fußballerisch sind sie gut. Sie haben viel gekämpft, waren viel am Boden. Ich habe selten eine Mannschaft gesehen, die soviel grätscht. Die Ukraine ist eine gute Mannschaft, die bei dieser EM sicherlich eine gute Rolle spielen wird - vor allem auch zu Hause."

Wie sind Ihre Planungen beim Spielsystem für die kommenden Monate?

Löw: "Ein Hauptsystem haben wir jetzt schon über viele, viele Monate, das gut funktioniert. Das hat bei der WM 2010 und auch in der EM-Qualifikation gut funktioniert. Wir wollen uns aber auch weiterentwickeln, wollen uns auf Situationen einstellen, wo man mal umstellt. In einem Testspiel ist das möglich. Wenn Miroslav Klose dagewesen wäre, hätte ich mal mit ihm und Mario Gomez 4-4-2 spielen wollen. Jetzt war in der Woche die Idee gereift, hinten einmal auf eine Dreierkette umzustellen. Eine gute Mannschaft kann auch mal umstellen, ohne dass es dann im Ernstfall viele Probleme gibt. Eine Systemvariante muss eine gute Mannschaft können. Das Grundsystem ist gefestigt und für die Mannschaft mit der größten Sicherheit behaftet. Aber ich möchte immer mal eine Variante bringen."

Was heißt das für das Spiel am kommenden Dienstag gegen Holland?

Löw: "Das wird man sehen. Es gibt sicherlich keine Dreierkette gegen Holland. Ob wir vorne mit zwei Spitzen spielen, muss man sehen. Das hängt auch davon ab, ob der Miro (Klose) trainieren kann."

Aufgezeichnet von Klaus Bergmann, dpa

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