Deutschlands ältester Fußballverein

HSV wollte ihnen den Titel klauen

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Der erste Vorsitzende des BFC Germania 1888, Heinz-Dietrich Kraschewski (l) und eines der ältesten Mitglieder des Vereins, Dieter Kähne

Berlin - Der Hamburger SV wollte seinen Titel, Hertha BSC seinen Namen: Doch der Berliner FC Germania 1888 blieb standhaft - und ist Deutschlands ältester existierender Fußballverein.

„Max, schön, dasse da bist!“, ruft der Vereinsvorsitzende Heinz-Dietrich Kraschewski mit typisch Berliner Dialekt dem ersten Kicker zu, der bei Minusgraden zum Trainingsauftakt nach der Winterpause auf den zugeschneiten Kunstrasen gekommen ist. Ein anderer fragt: „Sach mal Kraschi, haste rote Bälle? Vier reichen och.“ Kraschewski klettert in der winzigen Geschäftsstelle auf einen Stuhl und fischt zwei Fußbälle vom Schrank. „Hier, muss reichen.“ Kraschewski sagt entschuldigend: „Wir bei Germania sind reine Amateure, die nur wegen des Fußballs hier sind.“

Berlin-Tempelhof, Kreisliga B - Fußball pur: Die Sportler, die hier auf dem schneenassen Rasen umherschlittern, sind Deutschlands Kicker mit den aus fußballerischer Sicht ältesten Vorfahren. In roten Trainingsanzügen rennen Mannschaften von BFC Germania seit jeher dem Ball hinterher - nach eigenen Angaben seit dem 15. April 1888.

Als die Bundesliga vor einem halben Jahrhundert gegründet wurde, feierte der BFC gerade sein 75-jähriges Jubiläum. Im April wird es den Verein seit 125 Jahren geben, ein großes Vereinsjubiläum ist geplant, bei dem vielleicht sogar ein Altstar-Team der Berliner Hertha nach Tempelhof kommt.

Zum Vergleich: Fußball wird in Deutschland seit rund 140 Jahren gespielt, der Deutsche Fußball-Bund ist jedoch erst 113 Jahre alt. Dort attestiert man dem Club offiziell den Ältestenstatus. „Der älteste noch bestehende deutsche Fußballverein ist der Berliner FC Germania 1888“, sagt DFB-Sprecher Stephan Brause.

Doch ganz so einfach ist die Sache nicht, verrät Sporthistoriker Sieghard Below von der Humboldt-Universität in Berlin. Viele Clubs wurden bereits deutlich vor Germania gegründet, unter ihnen ehemalige Erstligavereine wie der VfL Bochum 1848 oder TSV 1860 München. Below schränkt jedoch ein: „Die Turner in diesen Vereinen haben auch Leichtathletik gemacht - Fußball spielte man damals aber noch nicht.“ Aus diesem Grund fallen diese Turn- und Sportvereine beim DFB auch nicht in die Wertung.

Die Geschichte des Fußballsports in Deutschland beginnt laut Below in den 1870er Jahren im heutigen Süden Niedersachsens. Der erste Fußball, der auf deutschem Boden rollte, hatte seine Heimat in Braunschweig. Wobei „rollen“ eigentlich das falsche Wort ist: Er hoppelte. Mit einem ovalen Ball-Ei ließ der Gymnasiallehrer Konrad Koch damals auf Tore spielen. Das Spiel war halb Fußball, halb Rugby.

1874 erschuf Koch ein Regelwerk, das sich eng an den Richtlinien der britischen Football Association orientierte. Seine Schüler trugen kurz darauf das erste Spiel aus - nach den Kenntnissen, die Koch auf einer Reise ins Fußball-Geburtsland England gesammelt hatte. „Die Schüler sollen in Braunschweig im gleichen Jahr einen Verein gegründet haben“, sagt Below. „Dies wäre dann eigentlich der erste Verein in Deutschland.“

Fußball, wie man ihn heute kennt, könne man das jedoch noch nicht nennen, sagt Below. Gleiches gilt für den Fußballrugby, der zum Beispiel beim Dresden English Football Club von 1874 oder dem BFC Frankfurt 1885 gespielt wurde. Ein Fußball müsse eben rund sein, sagt Below.

Deutschlands ältester Fußballverein

Deutschlands ältester Fußballverein

Ein runder Fußball wurde erst in den 1880er Jahren auf dem Tempelhofer Feld in Berlin benutzt - dort, wo 35 Jahre später der Flughafen Tempelhof eröffnet wurde. Junge Kaufmänner entdeckten in dieser Zeit die neuen Trends aus England. „Alles, was aus England kam, war en vogue“, erzählt der Chronist von Germania 1888, Thomas Schneider . Unter anderem auch Fußball.

Wer Schneiders Worten lauscht, fühlt sich schnell in eine andere Zeit versetzt - ins pulsierende Berlin der 1880er Jahre. Wenige Jahre zuvor, bei der Reichsgründung 1871, stieg Berlin unter Otto von Bismarck zur Weltstadt auf. Die Einwohnerzahl kletterte in einer Dekade von knapp einer auf über eineinhalb Millionen Menschen, Robert Koch entdeckte den Tuberkulose-Erreger, die Studenten strömten in die Humboldt-Universität und die Technische Hochschule. Berlin war damals auch der Mittelpunkt Fußball-Deutschlands.

„Sie spielten vor allem auf dem Tempelhofer Feld. Da haben sie einfach angefangen zu bolzen“, sagt Schneider. In den Kneipen der Umgebung entstand nach den Spielen eine Fußballergemeinschaft nach der anderen. „Man spielte zusammen und trank danach ein Bierchen miteinander.“

Am 15. April 1888 gründete der 17 Jahre alte Paul Jestram den BFC Germania. Ein Jahr später entstand Viktoria 89, noch heute einer der Rivalen der Germania in Tempelhof. Auch Viktoria unternahm seine ersten Gehversuche auf dem Tempelhofer Feld. Ein Derby gegen den alten Kontrahenten ist in weite Ferne gerückt, erzählt der Kapitän der ersten Mannschaft von Germania anno 2013, Patrick Hanschmann. Während Viktoria 2011 Berliner Meister wurde und sich bis in die Oberliga Nordost hochgearbeitet hat, steht Germania fünf Klassen darunter in der Kreisliga B - auf Rang 13.

Seit 95 Jahren spielt Germania nicht mehr erstklassig. Doch um hochklassigen Spitzensport geht es bei Germania auch nicht, sagt Hanschmann. Hier gehe es ausschließlich um Fußball als Freizeitsport. „Die Jungs, die hier zum Training kommen, sind richtig heiß.“ Neun Kicker haben sich zum Training eingefunden - der Trainer fehlt, weil er Spätschicht hat. Die Kicker müssen auf einer Schneelandschaft trainieren, die Profikicker aus Verletzungssorgen vermutlich gar nicht erst betreten würden. Hanschmann dagegen sagt: „Schnee? Das macht doch voll Bock!“

Lust haben die Freizeitsportler natürlich auch auf Erfolg - die ruhmreichen Tage des Vereins liegen schon weit zurück: Gleich in den Jahren 1890 und 1891 feierte der BFC nach eigenen Angaben zwei deutsche Meisterschaften. Weil das vor der Zeit des DFB war, tauchen diese Titel nicht in der deutschen Fußballchronik auf. Beim ersten offiziellen Länderspiel einer DFB-Elf im Jahr 1908 stand ein Germane im Tor: Fritz Baumgarten.

An den kann sich der 76 Jahre alte Dieter Kähne zwar nicht erinnern. Dennoch hat er ziemlich genau die Hälfte der Vereinsgeschichte miterlebt - Vereinsmitglied ist er seit 63, seine Frau Margot seit 58 Jahren. 1953 sei er mit Germania in die Amateurliga aufgestiegen. Sein größter sportlicher Erfolg, sagt Dieter Kähne. „Wir haben so eine große Germania gehabt“, erinnert er sich. Auch durch viele schwierige Phasen sei der Verein gegangen. Um die Jahrtausendwende wollte ein Präsident den Fußball-Club mit einem anderen Verein fusionieren lassen. „Dit kam für uns nich' in Frage.“

Noch heute, trotz des Alters und dreier Bypässe, reist Dieter Kähne mit seiner Ehefrau den Germanen zu den Auswärtsspielen hinterher - wie früher. „Dit war damals eine richtige Familie hier bei Germania.“ Fans kommen heute nicht viele, auf den drei Tribünenstufen in Tempelhof versammeln sich im Schnitt nur zehn bis 30 Zuschauer. Sponsorengelder sucht man bei Germania bislang vergebens: Neben der Germania-Flagge hängen nur sechs meist verblichene Werbebanner.

In Berlin ist die Germania recht unbekannt, für Schlagzeilen sorgen eher Hertha, Union und der Berliner AK. Auch der bislang erfolgloseste Bundesliga-Club, Tasmania, stammt aus der Hauptstadt. Bekannter will Germania nun werden, nachdem sie auf der Berliner Fußballroute verewigt wurden. Auf dieser Fahrradstrecke quer durch die Hauptstadt können Sportfreunde 40 fußballgeschichtlich wichtige Orte Berlins kennenlernen.

Dass man als Fußballfan auf dieser Route den ältesten existierenden Verein in Berlin antrifft und nicht den Umweg über Hamburg machen muss, darüber entscheiden gerade einmal sechs Wochen: Der Hamburger SV, allseits anerkannter Traditionsclub und Gründungsmitglied der Bundesliga, hat zwar schon im September 2012 sein 125-jähriges Jubiläum gefeiert. Tatsächlich steht in der HSV-Satzung ein früheres Gründungsdatum als bei Germania: der 29. September 1887.

Aber bei der Gründung begannen die Mitglieder eines Vorgängervereins mit dem Namen SC Germania 87 nicht sofort, mit Bällen auf Tore zu schießen, erzählt der Leiter des HSV-Museums in Hamburg, Dirk Mansen. Stattdessen turnten sie und betrieben Leichtathletik. „Der HFC, ein weiterer unser Vorgängerclubs, trug sein erstes Spiel am 1. Juni 1888 aus. Die Berliner sind also netto eineinhalb Monate vorher gestartet“, sagt Mansen. Mit hanseatischer Nüchternheit fügt er hinzu: „Ist halt so.“

Den Titel des ältesten existierenden Vereins wollte sich der Bundesliga-Dino aus Hamburg zur Bundesliga-Gründung unter den Nagel reißen, berichtet Germania-Oberhaupt Kraschewski. 1963, als Kraschewski mehrere Klassen darunter in der Germania-Jugend seine ersten Tore schoss, sei beim DFB ein Schreiben eingegangen. Der HSV wollte damals in seinem Briefkopf stehen haben, dass er der älteste deutsche Verein ist. „Da kam vom DFB die Antwort: Is' nich', da jibt es noch diesen kleenen Berliner Verein .“ Stattdessen hängt nun in Berlin-Tempelhof eine Flagge mit der Aufschrift: „Der älteste Fußball-Club Deutschlands begrüßt seine Gäste.“

Nicht nur der HSV wollte Germania einen Titel wegnehmen. Als sich Hertha BSC 1892 in Berlin gründen wollte, sollte der Verein angeblich ebenfalls „Germania“ heißen, erzählt man sich in Berlin. Weil es diesen Namen aber schon seit vier Jahren in Tempelhof gab, musste man sich mit dem Zweitwunsch begnügen: Gründungsvater Fritz Lindner benannte den Verein nach einem blau-weißen Dampfer, auf dem er kurz zuvor unterwegs gewesen war. Die Germania-Verantwortlichen hoffen dennoch, dass Hertha zum 125-jährigen Vereinsjubiläum in Tempelhof auftaucht. Gegen ein Geburtstags-Kick gegen die Hertha-Altstars hätte keiner was bei Germania.

dpa

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