Protest gegen Spielfeld

Spanien: Der Rasen war schuld!

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Die spanischen Spieler haben sich beschwert, weil der Rasen angeblich zu trocken war.

Danzig - Den Spaniern war beim enttäuschenden Remis gegen Italien der Rasen zu trocken. Eine offizielle Beschwerde soll bei der UEFA bereits eingegangen sein. Jetzt spricht der Rasen-Experte.

Gegen den Rasen war kein Kraut gewachsen. Meinte zumindest Andres Iniesta. Und deshalb sah Spaniens Mittelfeldstar nach dem holprigen EM-Auftakt des Titelverteidigers gegen Italien (1:1) beim Blick auf das Grün rot. „Der Platz war ein Desaster“, schimpfte Iniesta, und sein Teamkollege Xavi versuchte sich verbal als Greenkeeper: „Der Rasen hätte gewässert werden müssen. So aber wurden wir benachteiligt.“

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Wie die spanische Tageszeitung El Pais am Montag berichtete, soll die UEFA eine offizielle Beschwerde des spanischen Verbandes RFEF nach dem Abschlusstraining der Spanier am Samstag erhalten und abgewiesen haben. Auch der niederländische Bondscoach Bert van Marwijk hatte sich in diesen Tagen über den Zustand des Spielfeldes beschwert. Zu trocken, zu hoch, zu irgendwas.

Rasen-Experte Arnd Peiffer verfolgt die Diskussion gelassen aus der Ferne. Zwischen „enttäuschend“ und „top“ ordnet der Junior-Chef des Fertigrasen-Zuchtbetriebs Peiffer, der unter anderem neun von 18 Fußball-Bundesligisten sowie den FC Barcelona und Real Madrid mit „Grünzeug“ beliefert, bislang die Qualität der Grasflächen bei der EM ein.

Und Peiffer schaut bei den TV-Übertragungen genau hin. „Wenn bei einer Blutgrätsche die Stücke fliegen“, sagte der 34-Jährige, „dann ist das ein schlechtes Zeichen.“ Für den Fußball-Rasen wohlgemerkt, der aus zwei Hauptelementen besteht: Weidelgras und Wiesenrispe. Die Beimischung von bis zu 100 Untersorten ist möglich.

Auch Peiffer hatte bei einigen EM-Partien den Eindruck, dass der Ball nicht so hindernisfrei rolle, wie „es sich beispielsweise in der Bundesliga die Klubs wünschen“. Das kann an der fehlenden Feuchte des Grases und/oder an der Mähhöhe liegen. „28 Millimeter sind ideal. So war es bei der WM 2006 und bei der WM 2010. Das ist ein Kompromiss, denn es ist für die Pflanze verträglich und für die Spieler gut“, sagt Peiffer.

Polnische Medien berichteten am Montag, dass der Rasen in Danzig viel zu hoch gewesen sein soll. „Was für ein Unfug. Der Rasen hatte die perfekte Länge“, sagte indes Grzegorz Lato, der Präsident des polnischen Fußballverbandes, dem Radiosender TOK FM. Das stumpfe Gras erklärte Lato so: „Das Problem ist, dass man das Einverständnis beider Mannschaften braucht, um vor dem Spiel zu wässern. Die Spanier wollten ihn bewässert haben, die Italiener waren dagegen.“

Peiffer weiß, dass in manchen Stadien mit genügend Licht und Luft noch tiefere Schnitte als die 28 Millimeter möglich sind. Was gut für eine schnelle Ballzirkulation ist, kommt allerdings einem Stresstest gleich. Peiffer: „Je kürzer, umso mehr Stress für den Rasen.“ Im Vergleich: Bei den Tennisturnieren in Wimbledon oder Halle/Westfalen werden die Halme im Schnitt auf neun Millimeter gestutzt.

Dass nicht nur den Tennisprofis in Wimbledon der Rasen - der im Gegensatz zum Fußball-Grün (20.000) 100.000 Triebe besitzt - heilig ist, weiß Peiffer nur zu genau. In jedem Jahr reisen Delegationen von großen Klubs aus Madrid, Barcelona, Manchester oder Istanbul in den Fertigrasen-Zuchtbetrieb zwischen Krefeld und Mönchengladbach. Auf zweieinhalb Millionen Quadratmetern im Umkreis von 60 Kilometern kann die Kundschaft ihren Rasen ansehen, anfassen, testen - und quasi „am Stück“ aussuchen. „Dann wird er rausgeschält, aufgerollt, in LKWs verladen, befördert und schließlich im jeweiligen Stadion verlegt“, erklärt Peiffer, der seine Diplomarbeit (Gartenarchitektur) über das Thema „Rasen in modernen Stadien - Probleme und Lösungsansätze“ schrieb.

Lange Transporte - wie die in die Türkei - stellen dabei nicht nur in logistischer Hinsicht eine große Herausforderung dar. „Rasen ist wie Salat. Und wenn der lange im Kofferraum liegt, ist es auch nicht so gut“, sagt Fan Peiffer - und verrät noch ein Geheimnis: Bayern München und der FC Barcelona besitzen derzeit einen Rasen „vom selben Feld.“ Real Madrid dagegen mag es lieber „dichter geschält“.

sid

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