Schwere Zeiten

So leiden Fußball-Muffel unter der EM

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Nicht jeder Deutsche fühlt sich auf der Fanmeile wohl

Berlin - Ganz Deutschland war in den vergangenen Wochen im EM-Fieber. Ganz Deutschland? Nein. Zwischen den Millionen Fans finden sich immer wieder auch Fußballmuffel. So erleben sie die EM:

Draußen tobt die EM, doch hier ist vom schwarz-rot-goldenen Taumel nichts zu spüren. Ein knappes Dutzend Menschen sitzt auf den Holzbänken der Sauna in Berlin-Kreuzberg und schwitzt leicht vor sich hin. Die Tür steht offen, man wartet in der hitzegeschwängerten Stille auf den nächsten Aufguss. Der Wedler - ein junger Mann im Lendenschurz - kommt in den Raum, stellt seinen hölzernen Bottich ab, schaut erwartungsvoll in die Runde und fragt: „Interessiert sich wer für Fußball?“ Beredtes Schweigen, dann erwidert ein Mann zurückhaltend: „Joa“. „1:0 durch Podolski“, verkündet der Sauna-Mitarbeiter prompt und freudestrahlend. Keine Reaktion der Saunagänger. „Und das Portugal-Spiel?“, fragt schließlich jemand vorsichtig.

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Fußballmuffel haben es schon zu Bundesligazeiten schwer - während großer Turniere aber gibt es kein Entrinnen. Fußball überall. In der U-Bahn laufen Ergebnisticker, in den ICEs verkünden Zugbegleiter die Spielstände. Der Kellner beim Inder um die Ecke kontert die Reservierung mit der Frage „Mit oder ohne Blick auf den Bildschirm?“. Dann setzt er hinzu: „Ist ja EM...“

Wer zugibt, während eines Spiels der deutschen Elf nicht vor dem Fernseher zu sitzen oder die Fanmeile zu stürmen, erntet ungläubige Blicke. „'Keine Lust' ist keine Antwort“, sagt eine Fußballverweigerin aus Köln, die nicht unbedingt ihren Namen öffentlich machen will. „Das ist, wie wenn man sagt, dass man Vegetarier ist - man muss sich immer rechtfertigen.“

Selbst vor der Hochkultur macht die volle Fußballdröhnung keinen Halt. Während des zweiten deutschen Gruppenspiels gegen die Niederlande war in der Berliner Schaubühne Shakespeare angesagt, „Maß für Maß“ in der Inszenierung von Thomas Ostermeier. Ein Zuschauer hatte sich eigens ein T-Shirt bemalt - „Schaubühne ist besser als Fußball“. Doch auch hier baute ein Schauspieler den Spielstand kurzerhand in seinen Auftritt ein. „2:0, 2:0“, hustete er.

Ansonsten genügt in den Großstädten meist ein offenes Fenster, um den Verlauf eines wichtigen Deutschland-Spiels verlässlich nachzuvollziehen - nur anhand des Geräuschpegels. Hoffnungsvolle Schreie, plötzlich abschwellend oder gefolgt von einem langgezogenen „ooooh“: eine vergebene Chance der deutschen Elf. Jubel: ein Tor. Minutenlanges Freudengeheul, oft gemischt mit Böllern und Hupkonzerten: Sieg für Deutschland.

Ein Berliner hat während des Torjubels beim Viertelfinale einen illegalen Böller angezündet, der noch in seiner Hand explodierte. Der Schwerverletzte posierte zwei Tage darauf mit seinem Verband auf der Titelseite der „B.Z.“ - Schlagzeile: „Ich habe mir vor Freude die Hand weggeböllert.“

„Ich bin so froh, wenn das vorbei ist“, stöhnt eine junge Frau. Lange muss sie ja nicht mehr leiden - am späten Sonntagabend, nach dem Endspiel, ist der Fußballspuk vorbei - zumindest bis zur nächsten Weltmeisterschaft.

dpa

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