Fürth-Aufstieg: Ein „Jahrhunderttraum“

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Düsseldorf verliert, Fürth feiert: Die Spieler Mergim Mavraj (l.) und Olivier Occean (r.) baden vor der Fürther Trolli Arena im Fan-Jubel.

Fürth - Kaum zu glauben: Die „Unaufsteigbaren“ feiern drei Spieltage vor Saisonende nach vielen vergeblichen Anläufen den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga. Nur einer bleibt gefasst: Trainer Büskens.

Der erste Anruf von Mike Büskens galt seiner Frau. „Sie ist diesen Weg mit mir gegangen“, sagte der Trainer der SpVgg Greuther Fürth mit einer Miene, die ganz und gar nicht vermuten ließ, dass er gerade einer ganzen Stadt einen „Jahrhunderttraum“ erfüllt hatte. In Fürth fingen sie schon mal damit an, die Nacht zum Tage zu machen, da stand der 44 Jahre alte Büskens im gut 265 Kilometer nordöstlich gelegenen Dresden und suchte in der Minute des Aufstiegs in die Fußball-Bundesliga als erstes den Kontakt zu dem Menschen, der ihm durch seine Hingabe einst wohl das Leben gerettet hat.

Büskens war in der Tat nach Dresden gefahren, gemeinsam mit Manager Rachid Azzouzi war er leibhaftig vor Ort, als die SG Dynamo mit einem 2:1 (1:1) gegen Fortuna Düsseldorf das Kleeblatt zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in die Erstklassigkeit schoss. Er selbst hätte diesen Tag vielleicht nie erlebt, wäre da nicht seine Frau gewesen: 2005 erlitt Büskens eine Sepsis (Blutvergiftung), seine Überlebenschance lag bei fünf Prozent. Nach einer Woche im künstlichen Koma wachte er wieder auf, währenddessen hatte ihm Simone Büskens beinahe Tag und Nacht aus dem "kicker" vorgelesen.

Vielleicht wirkte Büskens auch deshalb so gefasst. Während Azzouzi „geil, geil, geil“ in sein Mobiltelefon rief, verarbeitete der Trainer die Emotionen zunächst mit nahezu stoischer Ruhe. „Das ist für uns ein historischer Tag. Wir, die Unaufsteigbaren, die nicht können und wollen, sind auf einmal oben“, sagte er. Nach einem sechsten, sieben fünften und einem vierten Platz seit 2001, nach 108 Spieltagen auf einem Aufstiegsplatz der 2. Liga ist der deutsche Meister von 1914, 1926 und 1929 erstklassig, als 52. Bundesligist - was nur theoretisch noch zu verhindern ist.

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Ohne Büskens wäre das Fürther Kleeblatt, das seit der Fusion mit dem TSV Vestenbergsgreuth am 1. Juli 1996 noch einen Holzschuh im Wappen trägt, wohl nie aufgestiegen. Der ewige Schalker, im Dezember 2009 gekommen, scheiterte in der vergangenen Saison zunächst knapp, er trieb den zum Pessimismus neigenden Franken aber danach ihren Komplex aus. „Viel Genugtuung“ verspüre er, „dieser ewige Pessimismus ist jetzt endich vorbei“, sagte Büskens. Es ist anzunehmen, dass er nun auch seinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag verlängert - auch wenn er selbstverständlich irgendwann zurück will zur Familie in den Pott.

Während Büskens dann erst mal die 333 Fahrkilometer von Dresden nach Fürth zurücklegte, drohte der Nachbarstadt von Nürnberg Ungemach. „Wir nehmen jetzt die Stadt auseinander“, sagte Stephan Schröck und ergänzte, seine Frau solle ihn bitte auf dem Handy anrufen, wenn er bis Mittwoch noch nicht zu Hause sei. Schröck ist seit 2001 im Verein, nach der Saison wird er gehen, zum künftigen Ligarivalen 1899 Hoffenheim. Das hat ihn den lange unumstrittenen Status als Publikumsliebling gekostet. Auch Dani Schahin verlässt Fürth - er hat bereits in Düsseldorf unterschrieben und muss um seinen Platz in der ersten Liga noch zittern.

Gefeiert haben in der Nacht zu Dienstag auch Schröck und Schahin - die Mannschaft hatte das Spiel zunächst im VIP-Raum des Stadions im ehrwürdigen Stadtteil Ronhof verfolgt, und als Mickael Pote in Dresden den Siegtreffer für Dynamo erzielte (70.), glaubte man, schemenhaft Menschen durch die Luft fliegen zu sehen. Helmut Hack, der schlaue, umtriebige Präsident, ohne den dies alles überhaupt nicht möglich gewesen wäre, bekam davon erst mal gar nichts mit: Er nahm an einer Sitzung der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Frankfurt teil. Als ihn die Kunde vom Aufstieg ereilte, wollte er „erst mal alleine sein“.

Um drei Uhr morgens sorgte die Fürther Polizei kurz für Irritationen, weil sie die auf 50 Personen geschrumpfte interne Feier tatsächlich auflösen wollte. Doch nachdem die Spieler und Tausende Anhänger in der Gustavstraße - auch die „Kneipenmeile“ genannt - zuvor gut abgefeiert hatten, stand Fürth am Dienstag trotz gegenteiliger Ankündigungen noch. „Ein Jahrhunderttraum ist in Erfüllung gegangen“, sagte Oberbürgermeister Thomas Jung. Er wird demnächst einen Besen in die Hand nehmen. Für den Fall des Aufstiegs, hatte Jung angekündigt, werde er persönlich den Rathausbalkon fegen.

sid

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