Bundestrainer genervt von Stürmerfrage

Löw fürchtet Schlendrian

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Joachim Löw (l.), hier mit Co-Trainer Hansi Flick, fürchtet bei der Nationalmannschaft einen Schlendrian.

Nürnberg - Sportlich ist Kasachstan auch im Rückspiel kein bedrohlicher Gegner. Trotzdem muss Bundestrainer Löw vor allem die Konzentration bei seinem Personal hochhalten. Für Diskussionsstoff sorgt der Sturm.

Für ein paar Stunden ließen Mesut Özil und seine müden Kollegen einfach mal die Beine baumeln. Massage, Pool und ein Nickerchen, so wurden die Strapazen der Kasachstan-Reise vertrieben. Dann beendete Joachim Löw den Hauch von Wellness-Oase im Quartier der Fußball-Nationalmannschaft. Der Bundestrainer kennt vor dem zweiten WM-Qualifikationsspiel innerhalb von vier Tagen gegen den großen Außenseiter den größten Gegner ganz genau: Den Schlendrian! „Es ist schon ein bisschen ungewöhnlich, zweimal in kurzer Zeit gegen den gleichen Gegner zu spielen. Wenn man auswärts gewinnt, besteht natürlich die Gefahr, dass das im Unterbewusstsein ist“, mahnte Löw vor der Partie am Dienstag (20.45 Uhr/ARD) zu voller Konzentration.

Schnell kehrte Löw selbst wieder zu seiner Tagesordnung zurück und musste sich dabei schon wieder der gleichen Frage stellen. Auch nach dem souveränen 3:0-Erfolg beim stürmerlosen Mitternachtsball von Astana bewegt die Angriffsfrage die Fußball-Nation mit fast schon philosophischen Zügen. Die Oberschenkelzerrung von Mario Gomez hatte den Bundestrainer in Kasachstan aus der Bredouille gebracht. Zum Rückspiel aber soll Gomez fit sein, und Löw muss sich neu erklären. „Wir werden nie ohne eine Nummer neun spielen. Wir brauchen einen Stürmer, der im Zentrum permanent auf Höhe der Innenverteidigung spielt“, postulierte Löw nochmals sein Stürmer-Prinzip.

Unabhängig von der Gomez-Fitness gibt es im Teil II der Kasachstan-Mission eigentlich keine Gründe, die Wuselsturm-Taktik zu ändern. Die Tore der klassischen Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller sowie des verkappten Neuners Mario Götze rechtfertigten die Systemumstellung. In Marco Reus - am Freitag noch gesperrt - kehrt zudem ein weiterer Idealtyp der neuen Offensiv-Denke ins Team zurück. „Ich habe kein Problem mit dieser Position. Wir haben eine weitere Variante zum anderen System, das macht uns unberechenbarer“, sagte Götze, der besonders in der ersten Spielhälfte als spielender Stürmer überzeugt hatte.

Das Null-Angreifer-System hat nun viele Freunde. „Ich denke, dass wir viele Spieler haben, die die Position spielen können, Mittelstürmer und offensive Mittelfeldspieler, nicht nur Mario Götze. Es ist gut, so eine Variante zu haben. Es gibt Vorteile, wenn man so spielt“, sagte Schweinsteiger, der nach seiner zweiten Gelben Karte beim Rückspiel allerdings fehlen wird.

Teammanager Oliver Bierhoff - dereinst selbst ein erfolgreicher Stürmer ohne jede Wusel-Qualitäten - erinnerte aber daran, dass die Taktik auch vom Gegner abhängt: „Es wird auch wieder Spiele geben, wo man einen Stürmer wie Mario Gomez braucht.“ Kasachstan mit seiner Handball-Abwehr-Taktik gehört nicht zu dieser Kategorie.

Löw richtete den Fokus jedoch lieber auf ein drohendes Motivationsproblem: „Wir müssen die Spieler daran erinnern, dass wir zu Hause spielen und dass wir nur dann gewinnen, wenn Einstellung und Seriosität vorhanden sind“, sagte Löw vor der Partie im ausverkauften Nürnberger Fußballstadion.

„Wir haben den Zeitunterschied gut weggesteckt“, berichtete Müller von den erfolgreichen Regenerationsmaßnahmen. Torhüter Manuel Neuer brachte die Ausgangslage simpel auf den Punkt: „Wir starten wieder bei 0:0.“ Für Löw wirkten manche Ereignisse des Kicks auf Kunstrasen doch noch nach. Zum Leidwesen des Bundestrainers wurden eben nicht nur die fest eingeplanten drei Punkte für Brasilien 2014 mitgebracht, sondern neben der Schweinsteiger-Sperre auch Wehwehchen.

Schon am Samstag traf deshalb der von einer Grippe genesene Ersatzmann Sven Bender im Teamhotel in Herzogenaurach ein. „Ich bin wieder auf dem Dampfer“, teilte der Dortmunder mit. Erster Schweinsteiger-Ersatz dürfte aber Ilkay Gündogan in seiner ehemaligen Nürnberger Heimat sein. „Natürlich würde ich mich freuen, wenn ich spielen dürfte“, sagte der Dortmunder.

Für Mediziner und Physiotherapeuten gab es am Wochenende keine Pause. Bei Julian Draxler wurde nach dem heftigen Zusammenprall mit Gegenspieler Mark Gorman eine Gehirnerschütterung diagnostiziert. Der 19-Jährige vom FC Schalke 04 reiste nach Hause. Neben Gomez musste auch Schalke-Kapitän Benedikt Höwedes wegen einer Muskelverhärtung behandelt werden. Der harte Kunstrasen sorgte laut Teammanager Oliver Bierhoff „bei einigen Spielern“ für schwere Beine. „Die Füße merkt man“, berichtete Kapitän Philipp Lahm.

In der Brasilien-Qualifikation läuft für das weiter ungeschlagene DFB-Team alles nach Plan. Bei 13 Punkten ist der Abstand auf Schweden (8) sowie Österreich und Irland (je 7) ein wenig gewachsen, auch wenn die Konkurrenz jeweils noch ein Spiel mehr austragen darf. „Das Ergebnis von Schweden darf uns nicht berühren, wir müssen auf uns schauen“, sagte zwar Müller nach dem 0:0 der Skandinavier gegen Irland. Aber die Löw-Kalkulation, dass sich die Kontrahenten in der Gruppe C gegenseitig Punkte klauen, geht auf. „Ganz komfortabel ist es nicht, aber wir hoffen, dass es nicht zu einem Endspiel in Stockholm kommt“, sagte Bierhoff schon jetzt mit Blick auf das Qualifikationsfinale am 15. Oktober in Stockholm.

DFB-Elf siegt deutlich in Kasachstan - die Bilder zum Spiel

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Die voraussichtliche deutsche Aufstellung:

Neuer - Lahm, Mertesacker, Boateng, Schmelzer - Khedira, Gündogan - Müller, Özil, Reus - Götze

dpa

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