Ende des Freiburger Idylls

Streich: "Wie auf dem Viehmarkt"

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Christian Streich

Freiburg - Die heile Welt beim SC Freiburg ist zerstört. Trainer Christian Streich beklagt sich, dass seine Spieler abgeworben werden.

Christian Streich fährt gerne mal mit dem Fahrrad zum Training. Und macht mit seiner Familie kurze Ausflüge über die Grenze nach Frankreich oder in die Schweiz. In der badischen Idylle beim Fußball-Bundesligisten SC Freiburg war das bislang kein Problem - doch weil er mit dem Klub so erfolgreich ist, wittert der kauzige 47-Jährige plötzlich „üble Machenschaften“ an jeder Ecke. Und das Ende der eminent wichtigen Ruhe im Breisgau.

Über „Händler und Zwischenhändler“ fluchte Streich nach der 1: 5-Pleite bei Borussia Dortmund, die seinen Spielern zum Ende der Saison den Kopf verdrehen und mit lukrativen Verträgen locken. Weit, sehr weit weg von der kleinen, heilen Fußballwelt beim Sportclub. „Unsere Spieler werden angeboten wie auf dem Viehmarkt. Ihre Ausstiegsklauseln kann man in den Zeitungen lesen - das ist furchtbar“, sagte er.

Da, wo es eigentlich keinerlei Ablenkung gibt, würde so die Konzentration auf das Wesentliche nachhaltig gestört. Kein Wunder, dass Freiburg in den vergangenen „zwei Spielen zehn Gegentore“ hinnehmen musste, meinte Streich: „Das ist ja auch nicht ganz normal.“ Vor Dortmund nutzte der VfL Wolfsburg mit einem 5:2 diese „wahnsinnige Unruhe“.

Besonders verstimmt war der Trainer, der, einmal in Rage, immer mehr in seinen unverkennbaren Dialekt verfällt, weil zwei seiner Besten zuletzt ihren Marktwert in den Medien lesen konnten. Max Kruse (24) und Daniel Caligiuri (25) stehen angeblich bei der halben Liga auf dem Zettel, beide sollen für zwei bis drei Millionen Euro zu haben sein.

„Es sind viele Dinge nachteilig in Freiburg. Aber es hatte bisher den Vorteil, dass wir am Rande von Deutschland leben und auch fußballerisch nicht so richtig wahrgenommen wurden. Inzwischen sind auch wir durchleuchtet“, kritisierte Streich.

Mit den „Mechanismen in diesem Geschäft“ (Streich) leben musste der kleine Klub an der Dreisam jedoch schon immer - nur ist Streich erst seit knapp 15 Monaten im Profigeschäft und will das offenbar nicht wahrhaben. Das von SC-Legende Volker Finke etablierte Geschäftsmodell des Ausbildungsvereins, der junge Spieler in die Bundesliga führt und anschließend wieder ziehen lassen muss, passt nicht recht in Streichs Fußballromantik. Und Spielerberater schon gar nicht. Die gebe es, „weil es Spieler gibt - und es gibt Immobilienmakler, weil es Häuser gibt“, sagte Streich mal.

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Allerdings ist der Coach selbst verantwortlich für die hohe Aufmerksamkeit. Als Streich kam, fürchtete Freiburg als Tabellenletzter den Abstieg - knapp ein Jahr später fürchten (fast) alle anderen die starke Spielweise des SC. Dem Verein winkt die ersten Europacup-Teilnahme seit zwölf Jahren - entweder über die Liga oder bei einem Sieg beim VfB Stuttgart am 17. Mai (20.00 Uhr/ARD und Sky) über den Einzug in das DFB-Pokalfinale. Ruhiger wird es so im Breisgau in den kommenden Wochen nicht.

sid

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