Frauen-/Männer-Fußball: So groß ist der Unterschied wirklich

Köln - Wie groß ist der Unterschied zwischen Frauen- und Männerfußball wirklich? Ein Sportwissenschaftler und Ex-Meistertrainer klärt auf.

Frauenfußball ist nach Expertenaussage im Schnitt ein Drittel langsamer als Männerfußball. Die deutsche Frauen-Nationalmannschaft hätte damit schon gegen ein männliches U16-Bundesliga-Team vermutlich keine Chance, wie der Kölner Sportwissenschaftler und Ex-Meistertrainer beim Frauenbundesligisten 1. FFC Frankfurt, Hans-Jürgen Tritschoks, erläuterte. Trotzdem seien viele Spiele attraktiv, die Frauenfußball-WM werde sicher ein Erfolg, sagte er in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Damit die Frauen-Bundesliga einen dauerhaften Effekt für den Sport entwickle, müsse die allerdings für die Fans mehr tun.

Das größere Tempo im Männerfußball liegt schlicht an der größeren Muskelmasse, die Männer ab der Pubertät aufbauen. Die Sportwissenschaftler haben die Leistungen in vielen Sportarten verglichen. Ergebnis: Männer sind im Schnitt 15 bis 20 Prozent besser. Dieser Effekt ist umso stärker, je mehr es auf Kraft ankommt. So liege im Stabhochsprung der Unterschied etwa bei 26 Prozent, sagte Tritschoks.

Im Fußball laufen Frauen in den 90 Minuten zwar fast genauso weit wie Männer - nämlich 9,1 Kilometer im Verhältnis zu 10,2 (nach zwei Studien aus dem Jahr 2007). Sie legen aber etwa ein Drittel weniger schnelle Laufstrecken zurück. Dabei gelten für einen Sprint bei Männern mit mindestens 24 Stundenkilometern (Frauen 20) auch noch höhere Definitionshürden.

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Technisch-taktisch ist bei den Nationalmannschaftsfrauen im Prinzip alles vorhanden - von der Viererkette über das Pressing bis zum schnellen Kurzpassspiel. Allerdings gibt es bei der Qualität etwa der Ballannahme noch deutlichen Nachholbedarf, sagt Tritschoks. “Vergessen Sie nicht: der Frauenfußball ist noch jung. Die eingleisige Bundesliga läuft erst seit 1996/97, wir brauchen noch Zeit.“ Und Probleme bei der Ballannahme auch in unbedrängter Situation habe es bis weit in die 1990er Jahre auch bei männlichen Nationalspielern gegeben.

Den wirklichen Unterschied zwischen Frauen- und Männerfußball sieht Tritschoks bei der Fan-Begeisterung. Beim diesjährigen Pokalfinale des 1. FFC Frankfurt gegen Potsdam seien zwar gut 20 000 Menschen dabei gewesen - für den Frauenfußball ein guter Schnitt. Aber nur rund 1500 Besucher pro Mannschaft waren Fans, der Rest mehr oder weniger neugierige Neutrale, sagt der Frauenfußball-Kenner. “Das ist eine ganz andere Stimmung, da fehlt der Fankult.“ Wenn der Besucherschnitt der Männer in der Bundesliga bei 40 000 liege, hätten die Frauen gerade einmal 845.

Ursache dafür seien auch hausgemachte Probleme. So würden in der Liga Spiele zum Teil vormittags angesetzt, wo nur 50 Zuschauer Zeit finden. Obwohl in der Frauen-Bundesliga nur zwölf Vereine spielen, dauere die Saison genauso lange wie die der Männer mit 18 Teams. Ein Grund dafür seien lange Unterbrechungen etwa für den Algarve-Cup der Nationalmannschaft. All das schade der Attraktivität der Liga. “Die WM wird toll. Aber wenn sie dauerhaft wirken soll, muss hier bei der Liga etwas geschehen“, sagt Tritschoks.

Der Sportarzt war ein erfolgreicher Trainer im Frauenfußball. Mit dem 1. FFC Frankfurt holte er bis 2008 sieben Titel - darunter 2006 und 2008 den UEFA-Pokal.

dpa

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