Wird das Skandal-Spiel wiederholt?

Düsseldorf - Fassungslosigkeit, Wut und Rätselraten: Am Tag nach dem Chaos-Spiel in der Relegation zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC schlugen die Emotionen weiter hoch.

„Mit Bestürzung und Sorge haben wir die Vorkommnisse zur Kenntnis genommen. DFB und Ligaverband sind sich einig, dass solche unverantwortlichen und die Gesundheit der vielen friedlichen Fans gefährdenden Szenen in einem Fußballstadion nicht tolerierbar sind und konsequent geahndet werden müssen“, schrieben DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und Liga-Boss Rainhard Rauball in einer gemeinsamen Erklärung: „Die Sportgerichtsbarkeit des DFB ist auch in diesem konkreten Fall dafür zuständig, das angemessene Strafmaß zu finden. Der Kontrollausschuss hat die Ermittlungen bereits aufgenommen.“

Innenminister Hans-Peter Friedrich betonte, er sei sich mit dem DFB einig, dass „Ausschreitungen wie bei den Relegationsspielen in Düsseldorf und Karlsruhe nicht hinnehmbar sind“.

Offiziell hat die Hertha noch keinen Protest gegen die Spielwertung eingereicht. Ob dies mit dem alles andere als vorbildlichen Verhalten der eigenen Fans und Spieler zu tun hat, war zunächst unklar. Profis sollen den Schiedsrichter Wolfgang Stark nach Spielschluss verbal und sogar tätlich angegriffen haben. Die Fans benahmen sich nicht nur im Stadion, sondern auch im Sonderzug Richtung Hauptstadt daneben. Dennoch lassen die Stellungnahmen des Hertha-Rechtsanwalts Christoph Schickhardt erahnen, dass ein Einspruch erfolgen wird.

„Die Spieler saßen mit Todesangst leichenblass in der Kabine. Im Gesetz steht: Wenn Einflüsse von außen auf ein Spiel treffen, die nichts mit dem Spiel zu tun haben, muss wiederholt werden“, sagte Schickhardt bei Sky Sport News HD. Hertha-Manager Michael Preetz stellte klar, dass die „Sicherheit der Spieler nicht mehr gewährleistet war“.

Auch unparteiische Sportrechtsexperten halten ein Wiederholungsspiel für gerechtfertigt. Hertha BSC sei „durch das Verschulden Dritter“ einer reellen Chance beraubt worden, das Spiel noch zu gewinnen, sagte der Heidelberger Rechtsanwalt Michael Lehner: „Deswegen müsste es aus juristischer Sicht eine Spielwiederholung geben.“

Fortuna-Manager Wolf Werner widersprach energisch. „Der Schiedsrichter hat das Spiel wieder angepfiffen und dann korrekt abgepfiffen. Der Spielablauf kann nicht infrage gestellt werden. Die Worte von Herrn Schickhardt halte ich für völlig überzogen.“

Nach dem 2:1 für die Fortuna durch Ranisav Jovanovic (59.) waren die Ereignisse erstmals aus dem Ruder gelaufen. In beiden Fanblöcken wurden Bengalische Feuer gezündet, auf dem Platz und an den Werbebanden brannte es lichterloh. EM-Referee Stark unterbrach erstmals. Nachdem Raffael für die Hertha zum 2:2 ausgeglichen hatte (85.) und die auf sieben Minuten angesetzte Nachspielzeit sich dem Ende entgegen neigte, regierte plötzlich das blanke Chaos. Tausende Fortuna-Fans stürmten in der Annahme, das Spiel sei beendet, den Platz. Stark handelte besonnen, brach das Spiel - angeblich auf Anraten der Polizei, die das unkalkulierbare Risiko hervorhob - nicht ab und ließ nach gut 20-minütiger Pause für zwei weitere Minuten spielen.

„Der Schiedsrichter Wolfgang Stark hat die Mannschaft nicht wegen des Fußballs auf den Platz zurückgeführt, sondern wohl nur auf Bitten der Polizei, um eine Eskalation - man hat von einem Blutbad gesprochen - zu verhindern“, sagte allerdings Schickhardt im Morgenmagazin des ZDF.

Nach insgesamt mehr als 73 Minuten war die zweite Halbzeit schließlich beendet gewesen, es blieb beim 2:2, und die Jubelwelle schwappte erneut auf den Platz. Hätte die Hertha noch einmal getroffen, hätte sie den Klassenerhalt nach dem 1:2 im Hinspiel doch noch perfekt gemacht.

„Die Begleitumstände waren eine Katastrophe. Das habe ich noch nie erlebt und hätte es nie für möglich gehalten“, sagte Hertha-Coach Otto Rehhagel, der eigentlich gemeint hatte, ein letztes Mal für die Berliner auf der Bank gesessen zu haben. Nun scheint ein weiteres Spiel möglich.

„Grundsätzlich ist nach den Übergriffen dieser Saison ein Punkt erreicht, an dem neue Wege gegen Gewalt im Umfeld von Fußballspielen gegangen werden müssen“, schrieben Rauball und Niersbach, der die Ereignisse auf der Ehrentribüne der Esprit-Arena verfolgt hatte: „Die jüngsten Ausschreitungen zum Saisonende machen einmal mehr auf traurige Weise deutlich, dass die bisherigen Konzepte und Maßnahmen allein nicht mehr ausreichen.“

Klar scheint, dass es allein mit Prävention nicht mehr getan ist. „Ich erwarte, dass die 54 Fußballvereine in den drei Profiligen vor Beginn der nächsten Saison ein gemeinsames, konkretes Handlungskonzept vorlegen, in dem es unter anderem um bundesweite Stadionverbote für gewaltbereite Ultras geht sowie um ein Verbot von Pyrotechnik“, sagte der für den Sport zuständige Minister Friedrich.

Für Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, besaß „das, was in Düsseldorf geschehen ist, eine neue Qualität“. Man müsse jedes Detail unter die Lupe nehmen, damit solche Auswüchse in Zukunft verhindert werden können“, sagte Freitag dem SID: „Ich denke, allein mit der Stärkung von Fanprojekten werden wir nicht weiterkommen.“

Auch die Gewerkschaften der Polizei nahmen den DFB in die Pflicht. So fordert die GdP vom Verband, mit härteren Strafen gegen Ausschreitungen vorzugehen. „Offensichtlich bringen Appelle an Vernunft und Verstand nichts. Der DFB ist jetzt vor dem angekündigten Anti-Gewalt-Gipfel von Fußball und Justiz in der Pflicht zu prüfen, ob über Punktestrafen die Fans diszipliniert werden können“, sagte der GdP-Bundesvorsitzende Bernhard Witthaut.

Immerhin: Verletzt wurde in Düsseldorf im Stadion und auch während der folgenden Jubelnacht niemand.

sid

Irre Fan-Randale in der Relegation

Irre Fan-Randale in der Relegation

Ausschreitungen auch auf den Schienen

Nach dem hitzigen Spiel ist es seitens einiger Hertha-Rowdys auf der Heimreise nach Berlin zu schweren Ausschreitungen gekommen. In einem vom Verein eingesetzten Sonderzug wurde ein Waggon derart zerstört, dass dieser im Bahnhof Hamm abgekoppelt werden musste. Laut Angaben der Bundespolizei Münster wurden Scheiben eingeschlagen, auch Pyrotechnik sei bei der Einfahrt aus dem Zug heraus gezündet worden.

„Es werden Strafverfahren wegen Sachbeschädigung eingeleitet“, sagte Pressesprecher Rainer Kerstiens dem SID am Mittwochmorgen. Die Weiterfahrt des Zuges hatte sich aufgrund von Rangierarbeiten und „Kommunikationsproblemen bei der Bahn“ um drei Stunden verzögert. Festnahmen gab es keine. Die Abreise aus Düsseldorf war zuvor ruhig und ohne besondere Vorkommnisse verlaufen.

Zu einem weiteren Vorfall kam es am Bahnhof Spandau im westlichen Stadtrandgebiet von Berlin. Wie die Bundespolizei bestätigte, zogen die Fans die Notbremse, brachten den Zug zum Stehen und flüchteten aus den Abteilen. Wahrscheinlich wollten die Rowdys den Polizisten aus dem Weg gehen, die im Berliner Hauptbahnhof auf sie warteten, um Personalien aufzunehmen.

In Düsseldorf wurde der Aufstieg ohne besondere Zwischenfälle bejubelt. „Es ist ausgiebig gefeiert worden, dabei hat es aber keine Probleme gegeben, die in irgendeiner Form eine besondere Einsatzlage erforderlich gemacht hätten“, sagte ein Sprecher der Polizei Düsseldorf dem SID.

sid

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