FIFA: Freispruch zweiter Klasse für Blatter

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Zürich - FIFA-Boss Joseph S. Blatter sieht sich durch den Abschlussbericht zur ISL-Schmiergeldaffäre von jedem Korruptionsverdacht freigesprochen. Sein Vorgänger Joao Havelange hingegen trat als  FIFA-Ehrenpräsident zurück.

Freispruch zweiter Klasse statt Befreiungsschlag: FIFA-Boss Joseph S. Blatter hat die ISL-Schmiergeldaffäre beim Fußball-Weltverband nur formal unbeschädigt überstanden. Der Schweizer kommt im Abschlussbericht der Ethik-Kommission über 160 Millionen Euro schwere Bestechungen hochrangiger FIFA-Funktionäre durch den früheren Vermarkter ISL trotz eingestandener Kenntnisse der Vorgänge lediglich aufgrund damals fehlender Strafgesetze und Ethik-Normen im Verband ungeschoren davon. Über die Rüge des Münchners Hans-Joachim Eckert wegen „ungeschickten Verhaltens“ wird der 77-Jährige wohl nur müde gelächelt haben.

Blatters Vorgänger Joao Havelange hingegen bescheinigt Eckerts Report „moralisch und ethisch verwerfliche Handlungsweise“. Der bald 97-Jährige kam seiner absehbaren Absetzung als FIFA-Ehrenpräsident - wie erst am Dienstag bekannt gegeben wurde - bereits vor rund zwei Wochen durch seinen Rücktritt zuvor.

Für die Anti-Korruptions-Expertin Sylvia Schenk ist die vordergründig erteilte Absolution für Blatter ein Unding: „Wenn jetzt sein Verhalten nur als “ungeschickt' bezeichnet wird, dreht sich mir der Magen um. Der Bericht ist sehr unbefriedigend und drückt sich um die eigentlichen Fragen. Ethisches Verhalten und Integrität beginnen nicht erst an der Strafrechtsgrenze„, sagte die Sportbeauftragte von Transparency International auf SID-Anfrage: `Auch wenn es damals noch keinen Ethik-Code bei der FIFA gab, so gab es schon eine Olympische Charta, die die damaligen Vorgänge auch seinerzeit schon verboten hätte. Wäre das alles bekannt geworden, hätte es auch damals einen Aufschrei gegeben.“

Blatter selbst, der gegenüber FIFA-Ermittler Michael J. Garcia (USA) anders als noch 2011 bei Aufdeckung des Skandals Insiderwissen über ISL-Zahlungen an Havelange bestritt, sah seine Weste allerdings endgültig reingewaschen. „Ich stelle insbesondere fest, dass “der Fall ISL für die Ethikkommission abgeschlossen ist' und 'im Zusammenhang mit dem ISL-Fall keine weiteren Verfahren gegen andere Fußball-Offiziellen angezeigt sind'. Ich stelle mit Zufriedenheit fest, dass in diesem Bericht bestätigt wird, dass 'das Verhalten von Präsident Blatter unter keinerlei Fehlverhalten von Ethikregeln fallen konnte'„, sagte der FIFA-Chef gewohnt selbstgefällig.

Auf die zahlreichen Hinweise im neunseitigen Eckert-Report, dass in der FIFA bis 2004 keine Ethik-Regeln galten und nur deswegen in den 90er Jahren Verstöße gegen Ethik-Regeln nicht möglich waren, ging Blatter in seiner Stellungnahme nicht ein. `Es ist nicht vorstellbar, dass er in seiner damaligen Funktion das System nicht gekannt hat“, meinte Schenk dazu.

Blatter-Vorgänger Havelange dagegen, der die FIFA von 1974 bis 1998 führte und von der ISL umgerechnet über 1,5 Millionen Euro erhalten hat, steht nach seinem nicht näher begründeten Rücktritt als FIFA-Ehrenpräsident vor den Trümmern seines Lebenswerkes. Schon Ende 2011 hatte der Brasilianer seinen Ausschluss aus dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) wegen der ISL-Affäre, in der von 1989 bis 2001 insgesamt rund 160 Millionen Euro Schmiergelder geflossen sind, nur durch seinen Rücktritt verhindert. Ob das Olympiastadion in Rio de Janeiro für die Fußball-WM 2014 und die Sommerspiele 2016 weiterhin seinen Namen tragen wird, erscheint spätestens seit Dienstag überaus fraglich.

Havelanges unrühmlicher Abgang bedeutete das Ende einer korrupten Südamerika-Troika in höchsten FIFA-Ämtern. Sein Ex-Schwiegersohn Ricardo Teixeira, der von der ISL sogar über 10,5 Millionen Euro erhalten hat, trat vor Jahresfrist aus der Exekutive und als Brasiliens Verbandschef zurück, und in der Vorwoche gab der Paraguayer Nicolas Leoz wohl nicht zufällig im Vorfeld von Eckerts Bericht offiziell aus gesundheitlichen Gründen seinen Sitz in der FIFA-Exekutive und seinen Posten als Südamerika-Präsident auf.

Für den Schweizer FIFA-Reformer Mark Pieth jedoch ist die Entwicklung in der FIFA nach Ende der ISL-Ermittlungen nur ein Zwischenschritt. „Die wichtigste Herausforderung bleibt ein ernsthafter Wandel der Verbandskultur“, sagte der Vorsitzende des FIFA-Governance-Komitees. Alleine die Geheimhaltung von Havelanges Demission über fast zwei Wochen verdeutlichte just am Dienstag nochmals den immer noch eklatanten Transparenzmangel bei der FIFA.

Schenk sieht ungeachtet des personellen Reinigungsprozesses auch noch Handlungsbedarf in der Ethik-Kommission. Die 61-Jährige monierte, dass Eckert praktisch als Einzelrichter eine Bewertung der Ergebnisse von Garcia vornahm: „Ich hätte mir gewünscht, dass sich eine ganze Kommission Garcias Bericht angeschaut hätte. Ein Großunternehmen in der Wirtschaft kann sich nicht leisten, solche Vorgänge nur von einer Person entscheiden zu lassen.“

sid

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