FCB-Teamarzt veröffentlicht Buch

„Schwaches Selbstbewusstsein“: Müller-Wohlfahrt teilt heftig gegen Guardiola aus

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Müller-Wohlfahrt wirft Guardiola ein „schwaches Selbstbewusstsein“ vor.

Dr. Müller-Wohlfahrt erhebt in seinem neuen Buch schwere Vorwürfe gegen Pep Guardiola, den früheren Trainer des FC Bayern München. 

München - Anzunehmen, dass Pep Guardiola und Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt keine besten Freunde mehr werden, ist keine besonders steile These. Schon lange war bekannt, dass der Ex-Trainer und der Mannschaftsarzt zu ihren gemeinsamen Bayern-Zeiten ein sehr angespanntes Verhältnis hatten. Zum großen Knall kam es schließlich im April 2015, als Müller-Wohlfahrt nach 38 Jahren beim FC Bayern enttäuscht hinwarf. Zu groß waren die Differenzen mit dem katalanischen Star-Trainer geworden. 

In seinem bald erscheinenden Buch "Mit den Händen sehen: Mein Leben und meine Medizin", aus dem die Bild-Zeitung zitiert, erhebt der Mediziner, der neben den Bayern und dem DFB-Team auch Sportstars wie Usain Bolt betreut, nun schwere Vorwürfe gegen Guardiola. „Unter Pep Guardiola veränderte sich das Klima beim FC Bayern München, und es wurde mehr und mehr deutlich, dass er mir und meinem Team kein Vertrauen schenkte“, so Müller-Wohlfahrt. 

Zwar habe Guardiola vom medizinischen Team Wunder verlangt, sich selber allerdings kein Stück für deren Arbeit und medizinische Notwendigkeiten interessiert. So suchte er nach Niederlagen die Schuld immer wieder beim Ärztestab: Die Spieler seien nicht fit genug, es gebe zu viele Verletzte, die Ausfälle wären zu lang. Er sei aus Spanien bessere Arbeit gewohnt, soll der Katalane intern gepoltert haben.

Müller-Wohlfahrt „tief verletzt“

Müller-Wohlfahrt fühlte sich in seinem „Ehrgefühl tief verletzt“. „Als Arzt habe ich die Verantwortung für die Gesundheit der Spieler und nicht der Trainer.“ 

Man kann sich den Konflikt leicht vorstellen: Auf der einen Seite der Fußball-Purist Guardiola, stets auf der Suche nach dem perfekten Spiel, für das er fast alles hinten anstellt und seine Spieler in Top-Verfassung braucht. Auf der anderen Seite Müller-Wohlfahrt, weltweit geschätzt, ebenfalls mit einem gesunden Selbstvertrauen gesegnet, der sich in seine erfolgreiche Arbeit als Mediziner nicht hereinreden lassen möchte. 

Müller-Wohlfahrt vs. Guardiola: Die Spannungen nehmen zu

Müller-Wohlfahrt kratzt in seinem Buch auch am Mythos des Fußball-Revolutionärs Guardiola: „Beim FC Bayern drehte er die Uhren gewaltig zurück. Er ging sogar so weit, dass er unser medizinisch durchdachtes, jahrelang bewährtes Vorbereitungsprogramm vor dem eigentlichen Fußballtraining auf den Kopf stellte.“ Die Folge: Eine Vielzahl an Muskelverletzungen in der Saison 2013/14, für die sich die Kontrahenten gegenseitig die Schuld in die Schuhe schoben. Guardiola zweifelte an Müller-Wohlfahrts Methoden, dieser fühlte sich in seiner Expertise übergangen. Die Spannungen nahmen immer weiter zu. 

„Jedes Mal, wenn ich einen Spieler wegen einer Muskelverletzung vom Platz nahm, war der Trainer sauer. Das sei doch lächerlich, der könne doch weiterspielen, meinte er aufgebracht.“ Berühmt-berüchtigt ist inzwischen Guardiolas Aussage: „Wenn der Arzt sagt, der Spieler ist in acht Wochen fit, will ich ihn in sieben Wochen haben.“ Der Satz lässt tief blicken, welche Vorstellungen Guardiola über die Arbeit eines Mediziners in einem professionellen Fußballverein gehabt haben muss. Die Spieler haben zu funktionieren, müssen allzeit in der Lage sein, abzuliefern. Medizinische Bedenken sind da nur störend. Eine Haltung, die Müller-Wohlfahrt, der viele der Bayern-Stars über ihre gesamte Karriere hin betreute, offenbar zutiefst irritierte.  

Müller-Wohlfahrt verlässt den FC Bayern nach fast vier Jahrzehnten

In einem solchen Klima ist ein Gewitter nur noch eine Frage der Zeit - beim FC Bayern kam es im April 2015 nach der 1:3-Niederlage im Viertelfinale gegen den FC Porto. Die Münchner hatten eine schlechte Leistung abgeliefert, waren defensiv fehleranfällig, nach vorne hin unkreativ und fehlerhaft im Passspiel. Und nichts treibt einen Pep Guardiola mehr zur Weißglut - weshalb der Star-Trainer seinem Ärger auch prompt nach dem Spiel Luft machte. Während die Spieler schon auf den Liegen behandelt wurden, zählte Guardiola seinen Chefmediziner lautstark an. Dieser sei für den körperlichen Zustand der Spieler und so letztlich für die Niederlage verantwortlich. 

Zu viel für Müller-Wohlfahrt. Noch an diesem Abend fällte er seine Entscheidung. Er, der 38 Jahre Teil des FC Bayern war, quasi schon zum Inventar gehörte, kehrt seinen Bayern den Rücken. Die Zusammenarbeit mit Guardiola mache keinen Sinn mehr, wenn dieser ständig seine Behandlungsmethoden kritisiere und ihn zu einem bloßen Befehlsempfänger degradiere. 

Guardiola habe ein „schwaches Selbstbewusstsein“

Vermutlich lässt sich aus der Tiefe seiner Kränkung auch die Schärfe seiner jetzigen Angriffe auf Guardiola erklären: „Ich halte Pep Guardiola für einen Menschen mit einem schwachen Selbstbewusstsein, der alles dafür tut, um andere darüber hinwegzutäuschen. Er scheint deshalb in ständiger Angst zu leben, nicht so sehr vor Niederlagen, sondern vielmehr vor dem Verlust vor Macht und Autorität.“ Schwere Vorwürfe, zumal Müller-Wohlfahrt seit dieser Saison wieder Mannschaftsarzt und damit Offizieller des FC Bayern ist. Klubchef Karl-Heinz Rummenigge reagierte daher am Dienstag mit Befremden auf die Veröffentlichungen. Er bezeichnete sie als "ungewöhnlich und überflüssig". 

Spannungen zwischen Arzt und Trainer

Der Konflikt Guardiola gegen Müller-Wohlfahrt ist jedoch mehr als nur ein Streit zweier Alphamänner, die auf ihren Spezialgebieten zu den weltweit Besten ihrer Zunft gelten. Vielmehr zeigt sich hier auch ein grundsätzlicherer Interessenskonflikt innerhalb professioneller Fußballvereine. 

Die sportliche Führung eines Vereins steht unter immensem Erfolgsdruck. Aufstellungen werden öffentlich diskutiert, die mediale Aufmerksamkeit ist enorm, die Geduld der Vereinsoberen hingegen endlich. Ein Ausfall wichtiger Spieler kann unter solchen Bedingungen über Sieg oder Niederlage, Titel oder Finalniederlage sowie Entlassung oder Weiterbeschäftigung entscheiden. Nicht erst seit den Äußerungen Per Mertesackers ist bekannt, welch körperlichen Anstrengungen Profifußballer ausgesetzt werden - und zu welchen Maßnahmen Vereine bereit sind, um ihre Stars für die entscheidenden 90 Minuten schmerzfrei zu bekommen. Verletzungen seien die einzige Möglichkeit „eine legitime Auszeit zu bekommen“, berichtete Mertesacker gegenüber dem Spiegel.

Dagegen muss für die medizinische Abteilung der Vereine eigentlich die Gesundheit der Spieler an erster Stelle stehen. Doch auch sie können sich in der Praxis von sportlichen Erwägungen nicht frei machen. Schließlich werden sie von den Vereinen bezahlt, sehen sich ihnen verpflichtet, ihr Misserfolg ist auch der ihrige, denn kein Verein kann sich zu lange Ausfälle erlauben. Wenn sie medizinische Vorbehalte dennoch äußern, sind Konflikte mit den Trainern häufig fast vorprogrammiert. 

dk

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