Diskussion im Gastgeberland

EM-Song: "Koko Koko" statt "Waka Waka"

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Mitglieder des polnischen Frauenchors Jarzebina

Warschau - Für die einen ist es ein Ohrwurm, für die anderen eine folkloristische Peinlichkeit - der polnische EM-Song “Ko ko, Euro spoko“ spaltet die Gemüter im Co-Gastgeberland.

Sie sehen nicht gerade aus wie die üblichen Gewinner von Casting-Shows. Die bodenlangen Röcke und bestickten Bauernblusen der ostpolnischen Volksmusikgruppe Jarzebina entsprechen so gar nicht dem körperbetonten Outfit hoffnungsvoller neuer Sternchen am Pophimmel. Styling? Fehlanzeige. Die Sängerinnen des polnischen EM-Songs verbergen ihre Haare unter Kopftüchern und treten ohne Make-Up auf.

Immerhin, die jüngeren in der achtköpfigen Gruppe greifen schon mal gelegentlich zu einem Lippenstift oder lassen Ohrringe unter dem Kopftuch erkennen - das war's dann auch schon. Dennoch: Bei der Publikumswahl des Liedes, dass die “Weiß-Roten“ bei der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine begleiten soll, machten die 32 bis 82 Jahre alten Frauen das Rennen.

“Das ist ein Siegersong, der geht ins Ohr“, war sich der 15-jährige Warschauer Janek schon am Abend der Abstimmung sicher. Nun hört er seine Mutter fast täglich “Ko ko, Euro spoko“ trällern. Und sie ist nicht die einzige. Auf der Straße oder im Bus wird der fröhliche Song immer wieder spontan gesungen oder gepfiffen. Inzwischen gibt es sowohl diverse Remix-Versionen wie Parodien, die Fußball spielende Hühner hinter Bauernkaten zeigen.

Statt Hüftschwung zu Shakiras “Waka Waka“ bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika heißt es in zehn Tagen bei der Fußball-EM also “Koko Koko“, dem Gackern eines stolzen Huhns nachempfunden, das gerade ein Ei gelegt hat. In Kocudza, dem Heimatdorf von Jarzebina, krähen morgens noch die Hähne. In Warschau, wo am 8. Juni die Europameisterschaft eröffnet wird, setzt man auf weltläufige Moderne. So mancher Großstädter reagiert verständnislos auf den Geschmack des Publikums, das über den EM-Song entschieden hat.

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“So ein Kitsch! Wenn die ausländischen Gäste das im Stadion hören, halten sie uns doch für total rückständig“, stöhnt der 38-jährige Marek Kaminski. “Und wenn ich mir dann noch vorstelle, dass da diese alten Frauen in Volkstracht auf der Bühne stehen, wenn wir endlich mal die Chance haben, uns als fortschrittliches Land zu präsentieren!“ “Wie die Mannschaft, so auch der Song“, klagte ein anderer Kommentator angesichts der bisher eher schwachen Leistung des Nationalteams bei den letzten Testspielen vor der EM.

Doch andere lieben gerade den provinziellen Charme der Jarzebina-Damen. “Das sind Frauen vom Dorf - ohne Botox, ohne Komplexe. Die sind authentisch“, verteidigt ein Fan im Internet die Gruppe gegen die Kritik, das Bild Polens zu trüben. “Fröhliche Omas vom Land“, freut sich ein anderer.

Ohnehin werden Fußballfans in den polnischen EM-Gastgeberstädten Warschau, Posen, Breslau und Danzig die jungen Polinnen nicht in bäuerlicher Tracht, sondern mit Vorliebe zu Minirock und High-Heels zu Gesicht bekommen. Und auch die Einwohnerinnen Warschaus, die altersmäßig eher an die Seniorinnen unter den Jarzebina-Mitgliedern herankommen, greifen eher zum eleganten Hut als zum Kopftuch und halten nichts vom Verzicht auf Lippenstift

Die Jarzebina-Sängerinnen jedenfalls finden die Diskussion über ihre Tracht ebenso absurd wie die ständige Erwähnung ihres Alters. Irena Krawiec, die Leiterin der Gruppe, hat ihren Sängerinnen inzwischen nahegelegt, neugierigen Journalisten darüber nichts mehr zu verraten. “Das gehört sich nicht. Andere Künstler fragt man ja auch nicht ständig nach ihrem Alter.“

dpa

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