Auch Lob von Buffon

England setzt auf Harts „Spaghetti-Beine“

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Joe Hart lässt England vom ersten Halbfinal-Einzug bei einem Turnier seit 1996 träumen.

Kiew - England hat endlich (wieder) einen Torhüter: In der Vorrunde war Joe Hart statistisch der beste EM-Keeper, jetzt soll er Italien stoppen.

Joe Hart, sagt Gianluigi Buffon, „kann einmal der beste Torwart der Welt werden“. Wie gut der Engländer Hart bereits ist, das wird der viermalige Welttorhüter aus Italien am Samstag sehen, und er könnte überrascht sein. Denn gegen Italien, sagt Hart, würde er es zur Not auch mit „spaghetti legs“ versuchen.

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Mit besagten „Wackel-Beinen“ raubte Liverpools Torwart Bruce Grobbelaar beim Elfmeterschießen im Landesmeistercup-Endspiel 1984 den Spielern der AS Rom den letzten Nerv - und Englands Nationalkeeper würde die Geschichte 28 Jahre später gerne wiederholen. „Ich tue alles, was die Regeln erlauben, alles“, sagt er vor dem EM-Viertelfinale gegen die Squadra Azzurra am Sonntag (20.45 Uhr/ARD) in Kiew.

Das Problem ist nur: Die Regeln erschweren eine Wiederholung, das weiß keiner so gut wie Hart. Schon einmal, im Halbfinale der U21-EM 2009 gegen Schweden, hat er sich als „Spaghetti-Mann“ versucht. Zwar versagten Schwedens Jungstar Marcus Berg damals tatsächlich die Nerven - Hart hielt. Doch Hart sah wegen „unsportlichem Verhalten“ auch Gelb, er war im Finale gegen Deutschland gesperrt - und die „jungen Löwen“ verloren 0:4. Trotzdem war Hart der englische Held des Turniers. Wegen der Spaghetti-Beine, und weil er selbst einen Elfmeter verwandelt hatte.

Auch das würde er jederzeit wieder tun, sagt Hart mit Blick auf das Duell mit Italien. „Es würde mir nichts ausmachen.“ Der Profi von Meister Manchester City spricht mit der Coolness des Mannes, der die fast schon sprichwörtlichen Torhüter-Probleme englischer Nationalmannschaften gelöst zu haben scheint. „Er ist ohne Zweifel der beste englische Torhüter“, lobt ihn Bert Trautmann, die deutsche Torwartlegende, die einst im City-Trikot glänzte: „Er ist sicher und extrem gründlich, ein sehr talentierter Torwart, der auch auf internationaler Ebene Leistung bringt. Ich mag es, wie er seine Vorderleute einstellt.“

England und seine Torhüter - das war über Jahrzehnte eine sehr unglückliche Beziehung. Die Fehler von Peter „Katze“ Bonetti kosteten den Titelverteidiger bei der WM 1970 gegen Deutschland den Halbfinal-Einzug. 1990 patzte der große Peter Shilton in der WM-Vorschlussrunde gegen Deutschland, im Spiel um Platz drei gegen Italien vertändelte er folgenschwer den Ball gegen Roberto Baggio. David Seaman im WM-Viertelfinale 2002 gegen Brasilien, Paul „Mrs.“ Robinson und Scott Carson in den Qualifikations-Spielen für die EM 2008 gegen Kroatien, „Flutschfinger“ Robert Green bei der WM 2010 gegen die USA und immer wieder David „Calamity“ (dt.: Unglück) James - es ist eine unendliche Geschichte.

Kein Wunder, dass bei den großen Klubs zuletzt über Jahre ausländische Keeper im Tor standen. Jens Lehmann, Manuel Almunia oder Wojciech Szczesny bei Arsenal, Petr Cech in Chelsea, Peter Schmeichel, Edwin van der Sar und jetzt David de Gea bei ManUnited, Jerzy Dudek und Pepe Reina in Liverpool. Noch vor wenigen Jahren waren sie auf der Insel so verzweifelt, dass sie Schmeichels Sohn Kasper einbürgern wollten.

Hart musste sich bei City gegen Shay Given durchsetzen, einen Iren. In den beiden vergangenen Spielzeiten wurde er jeweils zum besten Torwart der Premier League gewählt, 2010/11 stellte er mit 29 Spielen ohne Gegentor in allen Wettbewerben einen Klub-Rekord auf. „Er ist die selbstverständliche Wahl als Nummer eins“, sagt Seaman. Bei der EM war Hart in der Vorrunde statistisch der beste Torwart. Von den 17 Schüssen, die auf sein Tor kamen, parierte er 14 (82 Prozent) - nur Given zeigte mehr Paraden (17). Hart aber fing die meisten Flanken ab (vier). Und das, obwohl er bis zu seinem 15. Lebensjahr lieber Cricket als Fußball spielte. Dass er auch fußballerisch was drauf hat, zeigte Hart am Freitag im Nieselregen von Krakau, als er im Training beim Ballhochhalten glänzte.

Auch dank Hart träumt England vom ersten Halbfinal-Einzug bei einem Turnier seit 1996. „Wir sind Gewinner und hergekommen, um Erfolg zu haben - für uns und unser Land“, sagt Hart. Die Zeit der Flutschfinger, die England Siege und Titel kosteten, soll endlich vorbei sein.

sid

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