Schwacher Sieg über Chile

Boateng sauer auf pfeifende Fans: "Frechheit"

+
Jerome Boateng (l.) während des Chile-Spiels mit Bundestrainer Joachim Löw.

Stuttgart - Der Sieg gegen Chile taugt nicht als Beruhigungspille nach dem WM-Warnruf von Bundestrainer Löw. Teammanager Bierhoff ist „dankbar“ für wertvolle Erkenntnisse.

Joachim Löw sah seinen verbalen WM-Weckruf beim glücklichen Sieg gegen starke Chilenen bestätigt. „Es ist immer ganz gut, wenn man sieht, dass es nicht nur in Deutschland gute Fußballer gibt“, erklärte der Bundestrainer nach dem glücklichen 1:0 (1:0) der deutschen Fußball-Nationalmannschaft am Mittwochabend, bei dem allein das Ergebnis Optimismus für die Weltmeisterschaft in Brasilien machen konnte. „Wir waren nicht in der Lage, Dominanz auszustrahlen“, resümierte Löw, der aktuell über kein titelreifes Team verfügt.

Die Pfiffe des Stuttgarter Publikums verstörten die siegreichen deutschen Spieler dennoch. „Das ist eine Frechheit - gerade in Stuttgart, wo sie nicht von ihrer Mannschaft verwöhnt sind. Sie sollen ihren Frust nach dem Spiel rauslassen und nicht schon während der Partie unseren Torwart auspfeifen, das geht nicht“, kommentierte Jerome Boateng die Pfiffe der Fans, die mit der Vorstellung des Nationalteams nicht zufrieden waren. Auch für die Pfiffe bei der Auswechslung von Spielmacher Mesut Özil (89.), dem vor Anpfiff bei seiner Auszeichnung als „Fanclub-Spieler des Jahres 2013“ noch zugejubelt wurde, hatte Boateng kein Verständnis: „Echte Fans sind da, wenn es nicht so läuft. Die eigenen Spieler auszupfeifen - das geht gar nicht.“

Schon vor knapp sieben Monaten hatten zahlreiche Nationalspieler die eigenen Fans heftig kritisiert. Am 14. August 2013 hatte es rund um das 3:3 gegen Paraguay in Kaiserslautern laute Pfiffe und Buh-Rufe gegeben. Damals hatte es vor allem die Bayern-Profis getroffen, die sich danach über die Pfälzer Zuschauer beschwerten. Diesmal übte auch Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff Kritik an den Stuttgarter Zuschauern. „Ich habe überhaupt kein Verständnis für die Pfiffe gegen Mesut und unsere Mannschaft. Vor allem, dass schon so früh unserer Mannschaft die Unterstützung versagt wurde, kann ich nicht verstehen“, äußerte der Europameister von 1996: „Denn vor der Pause haben wir ja noch ganz ordentlich gespielt. Dass es insgesamt natürlich keine gute Leistung von uns war, steht auf einem anderen Blatt.“

Etwas diplomatischer äußerten sich Abwehrchef Per Mertesacker und Kapitän Philipp Lahm. „Wir hätten dem Publikum natürlich gerne mehr geboten, sie haben wahrscheinlich mehr erwartet“, sagte Mertesacker, der die Pfiffe gegen Özil allerdings auch nicht verstehen konnte: „Ich kann den Menschen leider nicht in die Köpfe schauen.“ Der frühere Stuttgarter Profi Lahm äußerte sogar Verständnis für die Unmutsbekundungen.

"GroKo"! So spottet das Web übers neue DFB-Trikot

"GroKo"! So spottet das Web übers neue DFB-Trikot

„Die Chilenen haben uns gezeigt, wie man guten und produktiven Fußball spielt - bis aufs Toreschießen“, stellte Mertesacker fest und sprach von einer „guten Lehrstunde“. Beim Auslassen der Torchancen übertrafen sich die Südamerikaner gegenseitig. Eduardo Vargas hatte auch noch Pech mit einem Lattenschuss (61.). „Dass wir noch Arbeit vor uns haben bis zur WM, ist doch klar“, erklärte Kapitän Philipp Lahm. Sorgen aber mache er sich nicht.

Löw wird die 90 Minuten intensiv aufarbeiten und richtig einordnen müssen. Zahlreiche Baustellen muss er bis zum Ernstfall gegen Portugal am 16. Juni schließen. Der deutsche WM-Auftaktgegner fertigte am Mittwoch angeführt vom zweifachen Torschützen Cristiano Ronaldo Kamerun mit 5:1 ab. Die beiden anderen Gruppengegner der DFB-Auswahl patzten: Das US-Team von Jürgen Klinsmann verlor auf Zypern gegen die Ukraine mit 0:2, Ghana unterlag 0:1 in Montenegro.

Deutschland gewinnt gegen Chile - Bilder des Spiels

Bilder: Deutschland gewinnt gegen Chile

„Ich bin dankbar für den Test. Wir haben gesehen, dass wir nicht nur gegen Brasilien und Argentinien das Maximum geben müssen“, resümierte Teammanager Oliver Bierhoff. Auch sechs Bayern-Spieler in der Startelf garantieren kein spielerisches Feuerwerk. „Wir konnten keine Dominanz ausüben“, stellte Löw erstaunt fest. Er vermisste die zuletzt demonstrierte „Sicherheit im Passspiel“.

Mesut Özil steckt in einem Tief. Torjäger Miroslav Klose ist weit entfernt von der WM-Form. Bastian Schweinsteiger fehlt nach langer Verletzung der Rhythmus. Die Außenverteidiger-Positionen bleiben Problemzonen, auch wenn der Dortmunder Kevin Großkreutz bei seinem Comeback nicht enttäuschte. Der Hamburger Marcell Jansen erlitt einen Außenbandriss im linken Sprunggelenk, was ihn weit zurückwirft. „Wir werden nicht verzagen“, sagte der turniererfahrene Mertesacker und gab die Losung bis zum Start der WM-Vorbereitung am 21. Mai aus: „Jeder muss sich bis dahin in eine Top-Verfassung bringen.“

dpa

Kommentare