Charlton wird 75: Immer wieder München

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Sir Bobby Charlton

London - Sir Bobby Charlton, Rekordtorschütze der englischen Nationalmannschaft, wird am Donnerstag 75 Jahre alt. Die Stadt München spielte eine Schlüsselrolle in seiner Biographie - auf positive und auf tragische Weise.

Bobby Charlton, schreibt Cris Freddi in seinem unterschätzten Büchlein „Footballers“ Haircuts„, sei für zwei Dinge berühmt gewesen: Für seinen furchterregenden Schuss - und für seine Frisur, den sogenannten `comb-over“ (dt. etwa Überkämmer), der sich laut Freddi „weigerte, während des Spiels an seinem Platz zu bleiben“. Tatsächlich gibt es von Charlton einige fiese Fotos mit fliegenden Haaren, unter denen dessen kahler Schädel blitzt. Aber es ist selbstredend eine grobe und unzulässige Verkürzung, den großen Fußballer und Gentleman Charlton auf seine Frisur zu reduzieren.

England habe das WM-Endspiel 1966 gegen Deutschland nur gewonnen, „weil Bobby Charlton ein kleines bisschen besser war als ich“, sagte Franz Beckenbauer einmal über seinen Freund. Und Sir Matt Busby, der Vater der legendären „Busby Babes“ um Charlton, meinte: „Es gab nie einen populäreren Fußballer. Er war als Spieler wie als Mensch so perfekt, wie man nur sein kann.“ Charlton, der am Donnerstag seinen 75. Geburtstag feiert, ist nicht nur ein stets höflicher und immer freundlicher Mann, er hat als Fußballer auch alles erreicht.

Die besten Fußballer der Geschichte

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„Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke und mich an all das erinnere, was ich als kleiner Junge im Nordosten Englands wollte, sehe ich es deutlicher als je zuvor: Es ist ein Wunder“, schrieb er im Vorwort seiner 2007 erschienen Autobiographie. Charlton ist wie Beckenbauer ein Glückskind, „aber 1958 in München musste ich auch lernen, dass Wunder ihren Preis haben“, schrieb er weiter.

Am 6. Februar 1958 ereignete sich das „Munich Air disaster“ auf dem Flughafen München-Riem, in dessen Folge acht Spieler von Manchester United ums Leben kamen. Charlton überlebte - und fühlt sich bis heute schuldig. Diese Tragödie werde ihn bis ans Ende seiner Tage verfolgen, schrieb er vor fünf Jahren. Wieder und wieder stelle er sich die Frage: „Warum durfte ich leben?“

Für Charlton, damals gerade einmal 20 Jahre alt, wurde München zum Antrieb. Teammanager Busby formte um den talentiertesten Mittelfeldspieler seiner Generation ein neues Team, das 1968 im Wembley-Stadion den Europapokal der Landesmeister gewann. Während seine Mannschaftskameraden ausgelassen auf dem Platz feierten, zog sich Doppel-Torschütze Charlton in die Kabine zurück und trank ein Bier. Es flossen Tränen - wegen damals, wegen München, wegen seiner toten Freunde. Für Charlton war es „der schönste Tag meines Lebens“.

Sein Leben hatte sich schon zwei Jahre zuvor zum zweiten Mal nach 1958 verändert, wie er im Rückblick auf das WM-Finale einmal sagte. „Ich glaube aber“, meint Charlton, „dass sich an dieses Spiel in Deutschland viel mehr Leute erinnern als in England. Sie hören ja nie auf, davon zu reden. Selbst Beckenbauer kommt nicht über Geoff Hursts drittes Tor hinweg.“ Das berühmte „Wembley-Tor“ - England hätte auch ohne es gewonnen, sagt Charlton.

Damals, in Wembley, ist er dem jungen Beckenbauer das erste Mal begegnet. „Vor dem Anpfiff hat er sich schon neben mich gestellt, nur um mir zu sagen: Hallo, hier bin ich. Mir kam das entgegen - ich sollte ihn ja bewachen“, sagte Charlton. So „elimierten wir beide uns gegenseitig“, erinnerte sich Beckenbauer später. Bundestrainer Helmut Schön gab später zu, es sei ein Fehler gewesen, Beckenbauer als „Schatten“ für Charlton zu opfern. Die Freundschaft, die damals ihren Anfang nahm, „ist geblieben bis heute“, sagt Beckenbauer.

Die Triumphe 1966 und 1968 waren die Höhepunkte der an Siegen reichen Karriere Charltons. In 19 Jahren für ManUnited absolvierte er 758 Spiele (249 Tore), seine 49 Treffer in 106 Länderspielen sind unübertroffen. 1966 wurde er zu „Europas Fußballer des Jahres“ gewählt, er war der erste der WM-Helden von 1966, die zum Sir ernannt wurden - obwohl Bobby Moore Kapitän war und Hurst drei Treffer erzielte. Vor dem Old Trafford in Manchester wurde Charlton bereits ein Denkmal gesetzt, sein Portrait hängt in den Hallen der National Portrait Gallery in London, 1994 empfing er als erst zweiter Fußballer nach Sir Stanley Matthews die Ritterwürde.

Seine Frisur hat sich über die Jahre verändert, graue Schläfen flankieren heute Charltons Glatze. „Der comb-over“, schreibt Freddi, „ist längst vergessen. Aber die Erinnerung an die Kanonenbälle aus der Distanz bleiben für immer.“

sid

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